Anfang Dezember bin ich von Lech am Arlberg nach Wien gefahren. Im Autoradio liefen ORF-Nachrichten. Topthema: Österreichs Schülerinnen und Schüler sind in der PISA-Studie im Mittelfeld gelandet. Die Bildungsministerin kommentierte dies als „nicht die große Jubelbot­schaft, aber auch kein Grund zur großen Sorge“. Kurze Zeit später, während des deutschen Autobahnabschnitts, schaltete der Sender auf den Bayerischen Rundfunk. Dort erfuhr ich: Auch Deutschland liegt laut Pisa im Mittelfeld. Aber wie anders die Reaktionen. Wie konnte das passieren? Wer hat Schuld? Wie können wir eine solche Katastrophe künftig verhindern?

Als Deutsche, die viele Jahre in Wien gelebt hat, habe ich die wichtigste Lektion längst gelernt: Kritisiere niemals die Österreicher! Selbst wenn sie dich glaubwürdig darum bitten. Achtung Falle! Auch wenn sie ihre schärfsten eigenen Kritiker sind. Stimmst du als Deutsche ein, wendet sich die Stimmung sofort empört gegen dich. Was aber, wenn die Selbst-Geißelung zu weit geht? Dass Wien zur drittunfreundlichsten Stadt der Welt gewählt wurde, kann ich, anders als viele meiner einheimischen Freunde, nicht verstehen. Was ist mit Berlin? Haben die Teilnehmer der Umfrage jemals eine unverschämte Taxifahrerin in Berlin erlebt oder einen schlechtaufgelegten Kellner? Gegen die „Berliner Schnauze“ ist das „Wiener Granteln“ doch eine Charmeoffensive. Was die PISA-Studie betrifft, kommt nun die zweitwichtigste Lektion, die ich als Deutsche aus meiner Wien-Zeit mitgenommen habe, zur Anwendung: Der entspann­te österreichische Umgang wird am Ende den gleichen Effekt haben wie die aufgeregte Schuldsuche in Deutschland.
Liebe Österreicher, ich weiß: Ihr hättet euch in diesem Text mehr kritische Dis­tanz gewünscht!

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