Schriftzeichen als Mizwa

"Mit Buchstaben die Welt verbessern.“ In Jerusalem entsteht unter diesem Motto gerade eine sehr spezielle Tora-Rolle. Die Heilige Schrift der Juden wird von Hand mit einem Federkiel auf Pergamentpapier verfasst. Es ist eine hohe Kunst nach streng religiösem Prozedere, das bis zu ein Jahr in Anspruch nimmt. Denn 304.000 hebräische Buchstaben wollen sauber niedergeschrieben werden. Macht der Schreiber – in diesem Fall Rabbi Itamar – nur einen kleinen Fehler, ist die Rolle wertlos. Entsprechend angespannt ist Itamar, als wir ihn in seiner Werkstatt besuchen.

Er macht den Job seit Jahrzehnten. Generell sei das Schreiben jeder Tora-Rolle eine „Mizwa“, eine „gute Tat“, sagt er. Aber diese sei etwas Besonderes. Denn er weiß, dass jeder Buchstabe von Spenderinnen und Spendern aus Deutschland finanziert wird, die dem Aufruf der israelischen Fundraising-Organisation Keren Hayasod gefolgt sind. Deren Gesandter in Berlin, Rafi Heumann, will gezielt nichtjüdische Menschen ansprechen und ihnen die Kultur näherbringen, indem sie „ihre“ Buchstaben aus der Tora selbst aussuchen. So wurde ein Schriftzeichen, das Rabbi Itamar verewigt, von einem Spender in Düsseldorf ausgewählt. Er hat es dem Rabbiner Siegfried Klein gewidmet, der von den Nazis ermordet worden ist.

Jeder Kielstrich in dieser Rolle hat somit eine Bedeutung, die über seine religiöse hinausgeht. Wenn die Tora-Rolle fertig ist, wird sie an ein Altersheim für Holocaust-Überlebende in Israel übergeben. Rabbi Itamar sieht darin die Vollendung eines Zyklus. „Denn ich weiß, dass aus dieser Heiligen Schrift – finanziert mit Spenden aus Deutschland – Holocaust-Überlebende lesen werden, die ihre Tora-Rolle in der Schoa verloren haben.“ Die verbleibenden Geldspenden sollen ihnen ein Altern in Würde ermöglichen. Entsprechend motiviert tuscht Itamar die Buchstaben, die die Welt ein klein wenig verbessern, aufs Pergament.

Die Autorin ist Redaktionsleiterin Ausland und politischer Hintergrund beim Bayerischen Rundfunk.

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