Klartext

Soziale Distanz? Falsch!

1945 1960 1980 2000 2020

Warum man in der Corona-Krise statt von "social distancing" besser von "physical distancing" sprechen sollte.

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Warum man in der Corona-Krise statt von "social distancing" besser von "physical distancing" sprechen sollte.

„Social distancing“ sei das Gebot der Stunde, heißt es: Je mehr Menschen es befolgen, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass katastrophale Bilder, wie wir sie aus Italien und Spanien sehen, in Österreich nicht Realität werden. Aber stimmt das wirklich?

Fest steht jedenfalls, dass vor dem Hintergrund des lateinischen Wortstamms „soc“, der „Verbundenheit“ signalisiert, eher das Gegenteil von sozialer Distanz zu beobachten ist: Familien, Freunde, Kollegen fühlen sich in den letzten Tagen stärker denn je füreinander verantwortlich und rücken gedanklich immer näher zusammen. Mit Bewunderung fühlen wir uns den „Helden“ in den medizinischen Berufen und in der Pflege verbunden; es werden lang vergessene Telefonnummern gewählt, um Gespräche zu führen; Polizisten fördern das Gemeinschaftsgefühl mit dem Abspielen der heimlichen Nationalhymne „I am from Austria“; Enkel sorgen sich um Großeltern; Kollegen unterstützen einander bei Problemen im Homeoffice; Lehrer und Hochschullehrer werden im distance-teaching kreativ, um beim home-learning zu begleiten.

Ursache für diese wachsende Verbundenheit ist nicht die soziale, sondern die physische Distanz: Typischerweise wächst ja im Menschen durch physische Distanz der Wunsch nach sozialer Nähe!

Wir sollten daher das Wording wechseln und ab nun eher von „physical distancing“ sprechen. Diese Wendung trifft die tatsächlichen Gegebenheiten besser und ist auch zukunftsfester: Gerade in den kommenden Monaten wäre es fatal, wenn sich die Denkfigur der sozialen Distanz im Denken eingenistet hat, selbst wenn physische Nähe wieder möglich wird. In der Bewältigung der aktuellen Krise werden wir wohl alle auf soziale Nähe angewiesen sein.

Der Autor ist Professor für Arbeits- und Sozialrecht und Leiter des Instituts für Familienforschung.

„Social distancing“ sei das Gebot der Stunde, heißt es: Je mehr Menschen es befolgen, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass katastrophale Bilder, wie wir sie aus Italien und Spanien sehen, in Österreich nicht Realität werden. Aber stimmt das wirklich?

Fest steht jedenfalls, dass vor dem Hintergrund des lateinischen Wortstamms „soc“, der „Verbundenheit“ signalisiert, eher das Gegenteil von sozialer Distanz zu beobachten ist: Familien, Freunde, Kollegen fühlen sich in den letzten Tagen stärker denn je füreinander verantwortlich und rücken gedanklich immer näher zusammen. Mit Bewunderung fühlen wir uns den „Helden“ in den medizinischen Berufen und in der Pflege verbunden; es werden lang vergessene Telefonnummern gewählt, um Gespräche zu führen; Polizisten fördern das Gemeinschaftsgefühl mit dem Abspielen der heimlichen Nationalhymne „I am from Austria“; Enkel sorgen sich um Großeltern; Kollegen unterstützen einander bei Problemen im Homeoffice; Lehrer und Hochschullehrer werden im distance-teaching kreativ, um beim home-learning zu begleiten.

Ursache für diese wachsende Verbundenheit ist nicht die soziale, sondern die physische Distanz: Typischerweise wächst ja im Menschen durch physische Distanz der Wunsch nach sozialer Nähe!

Wir sollten daher das Wording wechseln und ab nun eher von „physical distancing“ sprechen. Diese Wendung trifft die tatsächlichen Gegebenheiten besser und ist auch zukunftsfester: Gerade in den kommenden Monaten wäre es fatal, wenn sich die Denkfigur der sozialen Distanz im Denken eingenistet hat, selbst wenn physische Nähe wieder möglich wird. In der Bewältigung der aktuellen Krise werden wir wohl alle auf soziale Nähe angewiesen sein.

Der Autor ist Professor für Arbeits- und Sozialrecht und Leiter des Instituts für Familienforschung.