Klartext

Universität in der Kirche

1945 1960 1980 2000 2020

Welche Folgen es haben könnte, wenn Studierende ab nun in der Wiener Votivkirche lernen.

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Welche Folgen es haben könnte, wenn Studierende ab nun in der Wiener Votivkirche lernen.

Die Wiener Votivkirche wird derzeit auch von der Uni Wien genutzt. „Statt Betenden haben sich Studierende der Universität Wien mit ihren Laptops in den Kirchenbänken der Votivkirche breitgemacht: Aus Platzmangel in den Unihörsälen nutzen sie den Sakralbau als Lern- und Aufenthaltsraum“, berichtet der ORF.

Soll angesichts dessen die „Rückkehr der Wissenschaft in die Kirche“ – je nach Standpunkt – gefeiert oder beklagt werden? Oder eine „Entweihung des Sakralraums“ – wiederum je nach Standpunkt gefeiert oder beklagt? Für mich ist die Metaphorik des Geschehens interessant: Haben nicht schon oft Mangelsituationen zum Betreten einer Kirche geführt? Wenn aktuell Platzmangel an der größten österreichischen Universität Studierende in Kirchenbänke bringt, eröffnet das diesen die (für manche erstmalige?) Chance, mit allen Sinnen die Wirkung eines sakral gestalteten Raumes zu erfahren.

Dies kann Fragen auslösen: Was bewirken Licht, Akustik und Raumgefühl für die Erfahrung des Menschen in seiner körperlichen Dimension? Welche Botschaften tragen religiöse Bilder und Symbole? Welche Kräfte haben Menschen jahrhundertelang dazu bewegt, Räume zu bauen, deren Größe ihre eigene Lebenswelt, deren Bauzeit ihre eigene Lebensspanne übersteigt? Waren es Machtanspruch von Ausbeutern seelischer Not oder doch Wunsch nach Transzendenz begrenzter Erfahrungsräume?

Die Gestaltung von Kirchen war seit jeher auch der Weitergabe von Erfahrungen gewidmet, als Ansporn zur Reflexion eigenen Handelns am Maßstab des Evangeliums und anhand exemplarischer Biographien. Kirchenräume können auch seelische Mangelerfahrungen stillen. Werden sich die Studierenden von der Bild- und Raumsprache der Kirche berühren lassen?

Der Autor ist Professor für Arbeits- und Sozialrecht und Leiter des Instituts für Familienforschung.