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Klein-Europa neu entdeckt

Yor mehr als 2100 Jahren wurde sie als Kolonie des Latini- schen Bundes gegründet und sollte im nördlichsten Adria-Winkel den Schutz vor Kelteneinfällen übernehmen. Die militärische Gründung entwickelte sich in frühchristlicher Zeit bald zum Missionszentrum für den Bereich der Alpenländer. Die Rede ist von Aquileia.

In der Mitte des vorigen Jahrtausends eine der größten Städte Italiens, erhielt der Patriarch 1077 die Herzogrechte für Friaul sowie die Lehenshoheit über Görz und

Krain und 1209 die Mark Istrien dazu. Im 13. Jahrhundert zogen die Patriarchen nach Udine und Aquileia verfiel seither. 1751 wurde das Patriarchat aufgehoben.

„Ein Raum der Begegnung, der aber immer auch ein Raum der Konflikte war”, charakterisiert der Klagenfurter Bischof Egon Kapellan dieses drei Länder überschneidende Gebiet des ehemaligen Patriarchates. Die Geschichte von Kärnten, Friaul und Slowenien sei geprägt von Spannung und Begegnung. Kapellan sieht das ehemalige Gebiet von Aquileia als „die Kleinausgabe von Europa, in der Deutsche, Romanen und Slawen füreinander und gegeneinander Geschichte machten”.

Der Bischof — er machte diese Aussagen bei einem Treffen von bayerischen und österreichischen katholischen ‘ Publizisten Ende der ersten Oktoberwoche in Villach — siehe in diesem Dreiländer eck Osterreich-Italien-Jugosla- wien die Möglichkeit,,.hier die gemeinsamen christlichen Wurzeln des Kontinents Europa zu finden”. Im Zusammenwirken der drei Diözesen Gurk-Klagenfurt, Udine und Laibach soll dies — konkret u. a. an der Volksgruppenproblematik — umgesetzt werden.

Die Kontakte zwischen den drei Diözesen waren nicht immer so intensiv. Der 6. Mai 1976 kann als jener Tag bezeichnet werden, an dem die engere Kontaktaufnahme seinen Anfang machte - weite Teile von Friaul wurden damals durch ein Erdbeben zerstört. Die Hilfsmaßnahmen von seiten Österreichs und Jugoslawiens ließen alle Beteiligten auf das gemeinsame Erbe von Aquileia besinnen.

„Europa umfaßt alle Länder und Völker auf diesem Kontinent. Die Kirche bemüht sich, immer mehr Menschen in Europa für Europa zu interessieren und zu sensibilisieren, zu engagieren und zu aktivieren”, sagte der Laibacher Erzbischof Alois Suštar Anfang September bei einem Symposium in Wien. Doch Theorie und Praxis sind zweierlei.

„Die Kärntner Geschichte war und ist geprägt von Spannung und Begegnung, nationale Eigenarten sollen weder vergötzt noch ignoriert werden”, weiß Kapellari auf die Frage nach der Situation der Kärntner Slowenen.

Eine Gruppe, über deren Größe man heute — trotz oder wegen Volkszählung — noch immer nicht genau Bescheid weiß. Die Zahlen schwanken von 8.000 bis 40.000. Die Minderheitenfrage ist gerade in Kärnten Anlaß für Auseinandersetzungen — „Slowenisch lernen zahlt sich nicht aus”, konnte Kapellari einmal in einem an ihn gerichteten — anonymen — Brief lesen.

Denn nach Meinung mancher „Deutsch-Kärntner” wird für die „slawischen Kärntner” ohnehin schon mehr als genug getan: so sind rund 70 Priester slowenischer Abstammung in Sachen Minderheiten in Österreichs südlichstem Bundesland unterwegs. So gibt es in der Kirchenzeitung sowie beim ORF-Landesstudio Kärnten publizistische Möglichkeiten für die Slowenen. Und Egon Kapellari — väterlicherseits stammt er aus Friaul, mütterlicherseits aus Slowenien — hält seine Weihnachtsansprache via Ätherwellen auch auf slowenisch.

Neben der traditionell guten Beziehung zwischen den Diözesen von Laibach und Klagenfurt entstand seit dem Erdbebenunglück in Friaul auch die Achse Udine- Klagenfurt wieder neu. Friaul hat weniger mit den Slowenen Probleme — sie machen rund zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung aus „und haben genügend Möglichkeiten, mittels Zeitungen und Radio ihre Anliegen zu formulieren”, meint Antonio Bonmarco, Erzbischof von Görz.

Probleme gibt es vielmehr mit jener rund ein Drittel der Bevölkerung umfassenden Gruppe, die friulanischen Ursprungs ist. Denn der italienische Staat anerkennt die Sprache der Friulaner „noch immer nicht als Sprache, sondern stuft sie als Dialekt ein” (Bonmarco beim Villacher Publizistentreffen). Gottesdienste in Friulanisch gäbe es daher noch immer nicht, „diese kulturpolitische Entscheidung der Anerkennung des Friulanischen wäre aber bald notwendig”, weiß der seit acht Monaten amtierende Erzbischof.

„Wir wünschen uns eine .Entente vordiale* in der Mitte Europas, über alle trennenden Grenzen hinweg.” Bis dieser Wunsch von Hanns Sassmann, dem Präsidenten der Katholischen Weltunion der Presse, Wirklichkeit wird, werden noch zahllose Besuche, Wallfahrten und Gespräche mit allen Beteiligten erfolgen müssen. Und da wird es sicher auch noch viele Stimmen gegen diese länderüberschreitenden Intentionen und Initiativen geben.

Doch die Chancen stehen zur Zeit gut. Gut für die Entstehung eines neuen europäischen Geistes auf dem Boden des alten Aquileia.

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