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Kleine italienische Reise

Liegewagen; Zimmerchen neben Zimmerchen zwei mal drei Lagen Menschen, wie leicht man in eine Notgemeinschaft gerät! (so leicht macht es einem jeden das Dunkel, mit Fremden, die ihm fremd bleiben sollen, die Intimität der Schlafatemzüge zu teilen, Gehuste ober mir, von dem befremdlichen Kriegszeitwort „Kinder-Landverschickung“ aufgehellt, das mir damals, als ginge es in ein Kinderland, als Tarnung von so Unschuldigem wie „Heimweh“ Angst gemacht hat, und so und so mich drehend, wird es mir

immer richtiger, wie sich ein Herr der Kultur den Romantitel „Le Madone des sleepings“ offenbar aus dem Deutschen rückübersetzt hat: „Notre Dame des wagon-lits“, bitte für uns um einen besseren Schlaf!)

Im Morgengrauen auf dem Weg in den Waggon, der als einziger abgekoppelt werden (und mich nach einem verdächtig langen Verharren auf einem Nebengleis nach Triest überstellen, nein, auch nicht „befördern“) wird, durch ausgestorbene Waggons zu schwanken, Übernächtiges Morgengrauen, sobald vom anderen Ende eines Korridors auf mich zugestrebt kommt ein erzürnt gestikulierender Zweig, von seinem Bart umwachsen und das Haupthaar vor Erbosung gesträubt - wie mit zwei Koffern ohne jede Fluchtbewegung ihm Platz machen, gebannt von dem durch mich hindurchstechenden BUck? Gut geraten wir aneinander vorbei, er ist nicht ganz so klein; dann sind auch zweUKondukteure da, öffnen ihm die Türe des langsamer fahrenden Zuges, kleinlaut klettert er die hohen Stufen hinunter, ist schon im Gebüsch unterhalb der Böschung verschwunden.

Triest. An einem Ansichtskartenständer die Reproduktion eines Gemäldes aus dem Schloß Mirama-re („La partenza per il Messico“), traumhafte Bildwerdimg des oberflächlich geleugneten Eindrucks: „Tatenlos zusehen müssen, wie das Unglück seinen Lauf nimmt“ - unter dem bunten Wehen der Fahnen Österreichs, Venetiens und Mexikos wird von Damen in schön aufeinander abgestimmten Kleidern und Hüten, aber auch von einer dicht gedrängten Menge bunten Volkes unserem Erzherzog Maximilian Salut, nein: Abschied gewinkt, farbenfrohe Buntheit, die einen Trauerkondukt verkleidet und das befreit jubelnde Volk. Er selber, wenn nicht auch der Maler, scheint schon zu wissen, wohin die Fahrt ihn führen wird, denn in dem rot ausgeschlagenen, ganz schmalen Boot, das ihn zu dem festlich beflaggten Schiff bringt, steht er mit dem Rücken zu dem strahlenden Meer genauso steif da wie auf dem Manet'schen Bild von seiner Hinrichtung ein paar Jahre später, unübersehbar die weißen Taschentücher in den Händen der Damen trotz ihrer üppigen Sonnenschirme, oder die Blumenbuketts, die, wie von der Bootswand geglitten, neben ihm im Wasser treiben. Aufreizend der himmelblaue Schleierhut seiner Frau an seiner Seite, bedrohlich wie ein geträum-tes Exekutionskommando die Matrosen, die mit senkrecht gehaltenen Rudern Habt-acht stehen, wie der Wald in „Macbeth“ scheinen sie heranzurücken.

Wenn Feuer im Zimmer ausbricht, bewahren Sie...

Teatro Verdi. Was immer der in Demutshaltung vor den Vorhang Getretene an Abweichungen vom Spielplan bekanntgibt, trotz seinem Geflüster beklatscht und bezischt -wie gemütlich, daß nicht auf eine sich überschlagende Lautsprecherstimme hinzuhorchen ist, nicht herzuhasten hinter jenen, die verstanden haben dürften, auf welchem „binario“ ausnahmsweise ... Aber wie nichtperfekten Sängern zumute ist, deren Gesang makellos aus dem völligen Dunkel der Hinterbühne zu den Zuhörern dringen sollte, so hellhörig und wachsam das Ohr, wenn es keine Kurzweil und Ablenkung gibt für die Augen, das weiß nur, wer kurz zuvor in einer der Operngestik und Zustimmung erfragender Bücke bedürftigen Fremdsprache telephonieren müssen hat, schmerzhaft verstärkt seine Fehler. Die Schleppe der schon abgegangenen Amneris schlängelt sich durch den Nilsand davon (diese hatte, Argwohn des österreichischen Patriotismus, im Reitkostüm unserer Kaiserin Sisi und genauso frisiert, Aida mit dem Reitstock unters Kinn gefaßt!)

Bellagio, appele „La Perle du Lac de Cöme“, Bellagio, also called „the Pearl of Lario“ - Bellagio, besser bekannt unter dem Namenbitte eine Perle des Comersees, tour-re-tourt

In Menaggio wieder einmal am eigenen Leib erklärt zu bekommen, was für eine Existenz man so ist oder hat: in einem Bambussessel vor einem so feinen wie gar nicht sehr teuren Hotel zu sitzen, zwischen Marmorsäulen, die eine schön restaurierte Überdachimg tragen, vor dir ein Garten mit Zedern und Palmen und der See, milchig wie die Kühle des Himmels, inmitten der sanft verschleierten Berge kleine Dörfer im Abendlicht - hier zu sitzen und zu schauen und ein Manuskript behutsam zu straffen, ein Gedicht zu bedenken, das wäre ein beschauliches Glück, aber da du für die zwei Tage Comer-See nichts zu arbeiten mitgenommen hast und nicht einen Einfall aus dem Bild vor dir an dich holen kannst, nicht eine einzige Zeile an einem idealen Ort, schwimmt dir alle Heiterkeit davon, jeder Halt, und es schwindelt dich vor deiner Leere wie vor keinem Abgrund. (Aus dieser Lähmung, die auch Unrast ist, ein wenig gehoben zu werden von den Eisenreifen, an denen Kirchenglocken bis in die Horizontale aus dem Fenster steigen, gleich hoch in den Glockenturm zurückschwingen, richtigen starr montiert bloß mitgedreht werden: selten rasch stellt Gelassenheit sich ein dank einer Katze, die, statt das erzwingen zu wollen, was nur als ein Traumglück von selber sich einstellt, tief schläft, an eine Voliere geschmiegt, in der vielerlei Sittich und Kananrienvögel ihr schöne Träume singen, inspirierend wohl noch mehr der Geruch der Traumbilder, die sich als die ihren so wenig verflüchtigen können, wir ihr das Lebendige nicht davonfliegt!)

Kleine Bergwanderung (- auf den Wiesenhängen vielerlei Orchideenpflanzen, in der Luft bussardähnliche Vögel, die mit einem Schrei Nahrung aus dem Wasser holen -), zu einer kleinen Kirche San Martino. Unter ihrem Vordach, auf ihren Stufen wird gegessen und getrunken, ein wenig abseits sitzt, sich aber mit den' anderen unterhält, ein jüngerer Mann auf seinem Schoß hat er sitzen eine einnehmend hübsche, halb blonde, halb brünette Ziege mit wasserhellen, aber nicht dummen Aug en - beiden ist inniges Wohlbehagen anzusehen, obwohl die ihr zusammengehaltenen Hinterbeine hin und wieder ein wenig zittern. Während der Meßfeier sitzt er mit geschlossenen Augen in der hintersten Kirchenbank, hat sie wieder auf sich sitzen, gewiß nicht als ein Weihegeschenk — dankt er vierzig Tage nach Ostern für ihre Rettung, oder bittet er, daß sie ihm nicht genommen wird? Da der Segen des Priesters allen gilt, segnet er auch die beiden. Für den Tag meine Existenz gerechtfertigt als die eines Beschützers durch drei Kinder, die mit Bergstöcken zwei einander umtanzende Segelf alter erschlagen wollen.

Mailand. Erste Besteigung des Domes. Nach dem Ausstieg aus dem Kamin eine Wanderung über ein Hochgebirge mit hohen Felstürmen, ja Felsnadeln, auf jeder Spitze steht ein wunderlich gekleideter Alpinist und hält Rundschau. Gut gesicherte Steige die Grate entlang, Blick in den Abgrund, den ich meide. Auf dem von Felswänden und Felsbögen umschlossenen Plateau sonnen sich Touristen — welch ein Hochgefühl muß es sein, einem Himalajagipfel, dem Gipfel des Matterhorns so nahe zu sein wie den zwei Haupt-türmenl Zugleich ist man aber auch (- und wieviel mehr noch wäre man dies bei Nachtl -) durch Eisriesenhöhlen, durch Karstgrotten unterwegs mit stalaktitischen und stalagmitischen Bildungen, so ausgewaschen der Fels nur in Dolinen-landschaft.

In einem Italienführer zu entdekken, daß es bei Castellana Tropfsteinhöhlen gebe, deren eine „Mailänder Dom“ heiße, so verblüffend seien dort die Umrisse der Domtürme nachgebildet - wohl auch die ornamentalen Scheußlichkeiten,mit denen sich da oben das neunzehnte Jahrhundert in Sandstein verewigt hat, funktionslose Strebesysteme, aus denen Riesenspargel wachsen, Kanonenrohre in Blütenpracht und dergleichen mehr.

GalerieBrera. Wieder läßt der eine Mantegna kalt als ein Virtuosenstück, wie ein Arzt in einem Leichenschauhaus tritt man kühl an den Tisch des Toten, dessen kunstvolle Verkürzung sich ins Brutale verschiebt angesichts des unmittelbar benachbarten, viel weniger kunstvollen Bildes eines Geronimo von Treviso: der halbaufgerichtete Leichnam Jesu wird von zwei Kinderengeln beweint, wie nur kleine Kinder weinen können - der eine hält mit seinen kleinen Händen die große totenschwere Hand, scheint, das Gesicht ganz nahe an der durchbohrten Innenhand, soeben zu begreifen, was tot zu sein heißt, auch wenn er zugleich der leblos zurücksinkenden Hand aufhelfen möchte, scheint vor dieser Wunde schon begriffen zu haben, was Menschen fähig sind, so haltlos, so bitterlich, so zornig auch sein Weinen; der andere Kleine, ganz verweint weint er weiter, zerrt, ihn wie einen Ast umklammernd, an dem weggestreckten Arm des Toten.

Den Zustand der Welt, die Menschheit, das Leid, das Kindern zugefügt wird, beweinen die beiden in dem ihnen umgebrachten Vater, bewegend ihr ganz frischer Schmerz, dies erschöpfte Pausieren von Schluchzen - merkwürdig, daß man Kinder aus so tiefem Herzensgrund weinen sehen hat über eingebildetes Unrecht, aus Übermüdung, gleich werde der Kummer sich aufgelöst haben und nur noch nachbe-ben in kleinen Seufzern, und so möchte man die engelhaften Kinder, deren Aufschluchzen und tränennasse Gesichter kein Wunder des Mitleids wirken können, an der Hand nehmen, sie schneuzen und wegführen.

Bergamo. Auf den Stufen der Accademia Carrara übt ein junger Mann eine schöne Kunst: das in die gestreckte Hand gelegte Brief kuvert beginnt wie ein Falter zu schaukeln, nicht nur Handwärme und wechselnde Muskelspannung kann dies bewirken, denn auch eine glatte Bahnkarte faltet sich in der Mitte und ihre bebenden Flügel steigen, bis sie oben zusammenschlagen; hätte ich ihm als Kunstmaterial und Lohn für den Kunstgenuß einen Geldschein in die Hand legen dürfen?

„Pavarotti“ sagen zu wollen und „Vaporetti“ nicht aus dem Kopf zu bekommen, höchste Zeit, die Reisemüdigkeit zu beenden!

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