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Kleine und große Bomben aus Bagdad

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Mit Bomben macht der Irak in letzter Zeit viel von sich reden: Irakische Diplomaten waren die Hintermänner eines mißglückten Bombenanschlages auf die iranische Botschaft in Wien und eines geplanten Sprengstoffattentates auf einen „Kongreß kurdischer Studenten im Ausland" in Westberlin. Und mit einer Bombe ganz anderen Kalibers versetzt das Regime seine Rivalen innerhalb der arabischen Welt, vor allem aber Israel, zusehends in Schrecken: mit einer irakischen Atombombe, die dank westeuropäischer „Mithilfe" in einigen Jahren fertiggestellt sein könnte.

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Mit Bomben macht der Irak in letzter Zeit viel von sich reden: Irakische Diplomaten waren die Hintermänner eines mißglückten Bombenanschlages auf die iranische Botschaft in Wien und eines geplanten Sprengstoffattentates auf einen „Kongreß kurdischer Studenten im Ausland" in Westberlin. Und mit einer Bombe ganz anderen Kalibers versetzt das Regime seine Rivalen innerhalb der arabischen Welt, vor allem aber Israel, zusehends in Schrecken: mit einer irakischen Atombombe, die dank westeuropäischer „Mithilfe" in einigen Jahren fertiggestellt sein könnte.

Die Reaktion der österreichischen Behörden kam prompt, wie man sie sich in einem solchen Fall nur wünschen kann:

Unmittelbar nachdem sich herausgestellt hatte, daß zwei irakische Botschaftsangehörige die Drahtzieher des mißglückten Bombenanschlages auf die iranische Botschaft am 30. Juli gewesen waren, wurden die beiden „Bombendiplomaten" vom österreichischen Außenamt zu personae non gratae (unerwünschte Personen) erklärt. Der dritte Sekretär der irakischen Botschaft in Wien, Sami Hanna Attallah, und Botschaftsattache Hamid A. Tarrad mußten das Land verlassen.

Ebenso prompt kam aber auch die Reaktion des hartgesottenen Regimes in Bagdad. Der Irak revanchierte sich, in dem er den österreichischen Botschaftssekretär Josef Litschauer und den Verwaltungssekretär Erich Klaus ebenfalls des Landes verwies: „Auge um Auge, Zahn um Zahn ..."

Durch die in Wien am 30. Juli frühzeitig losgegangene Höllenmaschine (getarnt als Fotoapparat) gab es also nicht nur einige Leichtverletzte, entstand Millionenschaden durch eine Unmenge in Brüche gegangener Fensterscheiben, - auch das bislang gute Verhältnis zwischen Osterreich und dem Irak erlitt Schaden, weist zumindest Risse auf.

Tahir Latif, Presseattache der irakischen Botschaft in Wien, erklärte jedenfalls Journalisten gegenüber, daß sich die so positiv entwickelnden Beziehungen durch die Affäre vermutlich verschlechtern würden.

Fragt sich nur, wer eine solche Verschlechterung verursacht hat. Iraker, die neutralen Boden zu einem Nebenschauplatz für ihren Hader mit dem Iran Ayatollah Chomeinis machen wollen, oder Österreicher, die mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern wollen, daß ihr Land in den Strudel eines terroristischen Kleinkrieges zwischen Bagdad und Teheran mithineingerissen wird.

Wien ist jedenfalls in keiner Weise daran gelegen, daß sich die Beziehungen mit Bagdad verschlechtern. Denn der Irak ist mit einem Anteil von 43,7 Prozent Österreichs wichtigster Erdöllieferant.

Bislang war das politische Verhältnis so gut wie ungetrübt, hat doch der Irak „insbesondere die österreichischen Initiativen in der Nahostfrage anerkannt", wie dazu im „Außenpolitischen Bericht 1979" des Außenamtes am Wiener Ballhausplatz festgestellt wird. Die Ausweisung zweier ihrer Diplomaten haben die Iraker Kreiskys PLO-Politik scheinbar schnell vergessen lassen...

Mit diesem politischen Untergrundkrieg der Geheimdienste aus dem Nahen und Mittleren Osten, der sich in den letzten Jahren vor allem in der vom Bürgerkrieg geschüttelten libanesischen Hauptstadt Beirut abgespielt hat, sich jüngst aber auch nach Paris und andere westeuropäische Hauptstädte verlagert hat, hängen natürlich die machtpolitischen Rivalitäten innerhalb der arabischen Welt zusammen, ebenso die durch die islamische Revolution im Iran entstandene neue strategische Si-

tuation rund um den Persischen Golf.

Die Baath-Partei des Irak unter der Führung ihres starken Präsidenten Saddam Hussein unternimmt seit kurzem Anstrengungen aller Art, um sich eine führende Position in der Golf-Region zu verschaffen. Dabei scheint den Baathisten in Bagdad nichts zu teuer: Die rund 250.000 Mann starke irakische Armee, bislang vorwiegend sowjetisch ausgerüstet, erhält nun auch hochmodernes Kriegsgerät aus Italien, Frankreich und Brasilien.

Und noch etwas bekommt Bagdad aus Westeuropa und Südamerika geliefert. Nukleare Kerntechnologie, die es dem Irak bis in spätestens zehn Jahren möglich machen wird, eigene Atombomben herzustellen.

Irak hat in Frankreich zwei Kernreaktoren und in Italien eine kerntechnische Forschungsanlage gekauft. Nun arbeiten Hunderte Franzosen im Irak seit Jahren am Aufbau der Reaktoren, irakische Physiker werden in Frankreich zu Nuklearwissenschaftern ausgebildet.

Das alles geschieht, wie Iraks Präsident Saddam Hussein unlängst der internationalen Presse in Bagdad erklärte, um die Kernenergie für friedliche Zwecke zu nutzen. Wörtlich „Die arabische Nation ist nun imstande, die Atomenergie zu verwenden und sie wird auch imstande sein, sie wissenschaftlich richtig einzusetzen."

An der friedlichen Nutzung der Kernenergie im Irak zweifeln freilich die Israelis, die von einer „besorgniserregenden Entwicklung" sprechen und deren Geheimdienst Mossad vermutlich auch schon Sabotageakte in Frankreich unternommen hat, um die Lieferung der Reaktoren an den Irak zu verhindern oder wenigstens zu verzögern.

In Israel ist man jedenfalls Uberzeugt: Das von Frankreich ebenfalls zugesagte angereicherte Uran würde den Irakern zur Herstellung von mehreren Atombomben mit der Vernichtungskapazität der Hiroschima-Bombe ausreichen.

Saddam Hussein kontert: „Der Zweck (der israelischen Warnungen) ist ganz klar, es geht um eine Verhinderung des wissenschaftlichen Aufschwungs."

Und im französischen Außenamt versichert man, daß die Zusammenarbeit Frankreichs mit dem Irak auf nuklearem Gebiet nicht die Herstellung von Kernwaffen ermögliche.

Aber: Der Irak ist längst nicht mehr nur auf die französischen Partner bei Kernkraftprojekten angewiesen. Nukleartechnologie und spaltbares Material, das Frankreich nicht oder nur in geringen Mengen liefert, haben sich Iraker längst in anderen Ländern gesichert: Italien, Brasilien und Portugal arbeiten mit Bagdad auf kerntechnischem Gebiet zusammen beziehungsweise greifen den Baathisten mit Uran-Lieferungen unter die Arme.

Dazu das britische Magazin „Econo-mist": „Der Tag rückt näher, an dem der Irak hofft, eine eigene Atombombe zu besitzen. Sieht man sich die wechselhafte Geschichte des Landes an: je länger es dauert, bis der Tag kommt, desto besser..."

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