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Kolumbien - ein Land der Hoffnung

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Mit dem neubestellten Kongreß, der am kommenden Sonntag, 1. Dezember, in Bogota seine Tätigkeit aufnimmt, tritt Kolumbien erneut als „liberale Republik" an. Ihr Prophet ist der junge Präsident Cesar Gaviria, der unter der Bevölkerung ungewöhnlich beliebt ist.

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Mit dem neubestellten Kongreß, der am kommenden Sonntag, 1. Dezember, in Bogota seine Tätigkeit aufnimmt, tritt Kolumbien erneut als „liberale Republik" an. Ihr Prophet ist der junge Präsident Cesar Gaviria, der unter der Bevölkerung ungewöhnlich beliebt ist.

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Kaum gehe es in seinem Heimatland Kolumbien etwas besser, verschwinde es schon wieder aus den internationalen Nachrichten, stellte der südamerikanische Nobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez jüngst in einem Interview mit der angesehenen „El Pais" fest. Richtig ist, daß das Andenland heute zu den ermutigenden Fällen in der tristen Landschaft des Subkontinents gehört.

Ärger als Marquez annimmt, verhält es sich jedoch mit der Position in der internationalen Medienlandschaft: Interessierten etwa in Österreich vor zehn, zwölf Jahren kaum Berichte über das sich damals bereits anbahnende Drogen-Problem Kolumbien-USA, so konnte jetzt - 1991 - just in dem Augenblick, da die Kolumbianer aus eigener Kraft (trotz USA!) zumindest eine Entspannung des Problems erreichen - eine Geschichte über die bekannten elenden Zustände in der kolumbianischen Drogen-Stadt Medellin sogar e.inen der Preise bei den Publizistiktagen in Klagenfurt erringen.

Noch immer ist der Gewaltpegel in Kolumbien sehr hoch, dennoch gibt es Grund zur Hoffnung, weil das Vertrauen wächst, die vorsichtige Liberalisierungspolitik greift, die Erdölwirtschaft wächst und die nichttraditionellen Exporte florieren.

Obwohl die Industrieproduktion infolge der restriktiven Geldpolitik nachhinkt, ist Kolumbiens eigentliches Problem die politisch-soziale Frage, die Gaviria mit unkonventionellen Methoden in den Griff zu bekommen versucht. So ließ er sich auf das Risiko ein, eine verbundene Politik von Amnestien und Verfassungsreform einzuleiten und voranzutreiben. Diese Phase kann mit dem Zusammentritt des neuen Parlaments am 1. Dezember als erfolgreich abgeschlossen gelten.

Um dieses kühne Vorgehen zu bewältigen, mußte das Gaviria-Team gleichzeitig mit den verschiedenen Guerillaorganisationen des Landes verhandeln, die Armee zügeln, die USA bei Laune halten, die Drogenmafia bekämpfen und die Amnestie den Wählern schmackhaft machen. Angesichts der Schwierigkeiten ist in den eineinhalb Regierungsjahren viel erreicht worden.

Zwar gilt Kolumbien noch lange nicht als befriedet, aber immerhin legten vier Guerillaorganisationen die Waffen nieder und etablierten sich als politische Parteien in der Legalität. Nur zwei, fatalerweise bösartige Organisationen, die die Infrastruktur der Olwirtschaft mit großen ökologischen Folgen sabotieren, kämpfen weiter -aber parallel dazu verhandeln sie auch weiter.

Den amnestierten Partisanen, voran den nationalkatholischen M-19-Guerilleros (die 1980 auch den österreichischen Botschafter in Bogota vorübergehend als Geisel gehalten hatten), wurde als wichtigstes Zugeständnis die Wahl zu einer Constitu-ente, einer verfassungsgebenden Nationalversammlung freigegeben. Die neue Charta, ein Verfassungsdokument, das auch den Indianern und anderen Randgruppen Beachtung schenkt, wurde in den ersten Monaten des heurigen Jahres erarbeitet.

Als Krönung gab es Ende Oktober vorgezogene Parlaments- und Gou-vemeurswahlen. Dabei starb das dekadenalte Zweiparteiensystem des Landes einen schnellen Tod: Während Kolumbiens traditionsreiche Konservative in mehrere Gruppen zerfielen, setzten sich Gavirias Liberale triumphierend durch. Als neue dritte Kraft des Landes etablierten sich die ehemaligen M-19-Guerille-ros als „Demokratische Allianz". (Ihr Vertreter, der ehemalige M- 19-Chef, Navarro Wolf, war dieses Frühjahr zu Besuch in Wien).

Die Verfassungsdiskussion mag auch das leidige Drogenproblem einen Schritt näher an eine Lösung gebracht haben, weil ein Artikel die Auslieferung von kolumbianischen Bürgern an die USA untersagt. Die Drogenmafia honorierte dies, indem einige ihrer Mitglieder der zweiten Garnitur sich freiwillig stellten - für eine besondere Art von Luxushaft.

Im scheinbaren Chaos, das Kolumbien darstellt, regen sich allerorts seit dem Regierungsantritt von Gaviria neue Kräfte, treten energische Bürgerinitiativen auf, werden Guerille-ros zu geschickten Politikern, streift das Land obsolete Traditionen (wie das Zweiparteiensystem) ab, winken die Erträge einer Erdöl Wirtschaft, die „venezolanische" Dimensionen annimmt. Mit dem neuen Kongreß, in dem die Liberalen dominieren, könnte Präsident Gaviria im kommenden Jahr den Durchbruch schaffen.

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