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Digital In Arbeit

Komisches Talent

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Die Malerin Florentina Pa-kosta befaßt sich auch mit Ausdrucksformen des gespannten menschlichen Gesichtes. Ihre Novellen liefern den literarischen Hintergrund dafür.

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Die Malerin Florentina Pa-kosta befaßt sich auch mit Ausdrucksformen des gespannten menschlichen Gesichtes. Ihre Novellen liefern den literarischen Hintergrund dafür.

In einem alten Gemeindebau, das heißt in einem Bau, der vor dem Zweiten Weltkrieg errichtet wurde, verließ an allen Werktagen, nach acht Uhr früh, ein korrekt gekleideter Mann auf dem Weg zur Arbeit das Haus. Meist trug er einen unauffälligen Anzug, einen lichten Trenchcoat und einen Hut mit schmaler Krempe. In der Hand hielt er eine Aktentasche mit zwei Spangen und Riemchen, die immer offen waren und sich nach oben leicht einrollten.

Wenn man in seiner Nähe stand, fiel einem kaum etwas auf. Sah i' -— man ihn aber aus größerer Entfernung kommen oder gehen, dann wurde man einer Gestalt mit kürzerem rechten Bein gewahr. Das Bein konnte sich nicht in die Harmonie der Bewegungen des Körpers einordnen, obwohl man den Eindruck hatte, daß es sich darum verzweifelt bemühte.

Die Sache mit dem Bein war die Folge einer Kriegsverletzung, obwohl es, genau genommen, nicht an der Front, sondern zu Hause geschah, als der Mann auf Urlaub gewesen war. Bei einem Fliegerangriff bohrten sich mehrere Splitter eines explodierenden Geschosses in das Gewebe der rechten Wade und verletzten Sehnen und Adern. Und da er sich der Schmerzen wegen kaum bewegen konnte und da es keine andere Möglichkeit gab, hob ihn jemand in einen alten Handwagen und brachte ihn auf diese Weise zum Arzt. Unwirklich und komisch schien ihm später dieses Erlebnis, obwohl es sein Leben erheblich beeinträchtigte.

Das Bein machte ihm immer wieder zu schaffen, zeitweise schmerzte es, er stolperte leicht, und er fiel manchmal hin. In solchen Fällen kam ihm das Wort Kriegskrüppel in den Sinn, und er sprach es für sich mehrmals leise aus.

Das Autofahren half ihm, derartige Stimmungen leichter zu ertragen. Sobald er das Lenkrad in den Händen hielt und den Motor seines Wagens startete, überkam ihn ein wohltuendes Gefühl. Am deutlichsten war er sich dessen bewußt, wenn langsame Fußgänger vor seinem herannahenden Wagen ihre Schritte beschleunigten. Selbstverständlich würde er niemanden absichtlich überfahren, aber der Gedanke, daß es einmal geschehen könnte, ohne daß ihn dabei die Schuld treffen würde, erinnerte ihn an die privilegierte Situation eines bewaffneten Soldaten.

Der Mann war stellvertretender Direktor in einer Firma für Hoch-und Tiefbau. Er besaß eine schöne Wohnung, ein Landhaus, einen soliden Wagen, er fuhr alle Jahre ins

Ausland auf Urlaub, er hatte eine brave Frau und einen reinrassigen Schäferhund.

In dieser Reihenfolge zählte er die Ursachen seiner Zufriedenheit auf, wenn er gefragt wurde, wie es ihm gehe, und manchmal fügte er hinzu, er wünschte, seine verstorbenen Eltern, die, wie er sagte, einfache Leute waren, könnten sehen, wie er sich vom Fabriksarbeiter über viele andere Berufe zu einem Mann in leitender Stellung emporgearbeitet hatte.

Als stellvertretender Direktor hatte er ein eigenes Büro, auf das er stolz war und das er selbst einrichten ließ. Es stand darin ein Schreibtisch aus grauem Resopal, darauf zwei Telefone und eine

Sprechanlage, und in der linken äußeren Ecke, neben Schreibutensilien und einigen Mappen war f ein Fotoständer mit dem Bild einer Frau, die ein etwa dreijähriges Kind in den Armen hielt. In Fensternähe war ein Blumentisch mit einem Philodendron und einigen anderen exotischen Pflanzen, die, wenn man den Raum betrat und auf den Mann zuging, den Hintergrund zu seiner Figur bildeten.

Neben der Eingangstür hing im schmalen Metallrahmen ein Bild, auf dem ein Birkenwald zu sehen war. Er hatte es sorgfältig ausgewählt, wobei er zwischen dem Wald und einer Darstellung von weißen Pferden geschwankt hatte. Die Pferde gefielen ihm besser, doch er war sich seines Geschmacks nicht sicher, und darüber hinaus befürchtete er, daß ihm jenes Bild einen Spitznamen, wie zum Beispiel Pferdehändler, einbringen könnte.

Obwohl er für gewöhnlich früh an seinem Arbeitsplatz war, ging er dieses Mal spät am Nachmittag ins Büro. Der Grund war eine feierliche Ehrung zum Anlaß seines sechzigsten Geburtstages, für die er vom Betriebsrat vorgeschlagen wurde. Er tat so, als wären ihm Anerkennungen dieser Art gleichgültig, aber in Wirklichkeit nahm er das Ereignis sehr ernst. Als er fälschlicherweise erfuhr, daß die Ehrung entfallen solle, war er verärgert und gereizt.

Als sich aber herausstellte, daß die Nachricht der Wahrheit nicht entsprach, betrat er, der Einladung pünktlich folgend, mit selbstbewußtem Lächeln .den Festsaal, in dem die Direktoren, die Abteilungsleiter, die Mitglieder des Betriebsrats, der Generaldirektor und die Vertreter der Gewerkschaft bereits anwesend waren. Er schüttelte Hände, sprach mit den Teilnehmern der Feier Floskeln der Höflichkeit und setzte sich schließlich in die erste Reihe.

Vorerst wurden Ansprachen gehalten, und bevor ihm die Urkunde und eine Ehrenmedaille übergeben wurden, sang ein Chor Lieder von Gustav Mahler. Als die Stimmen der Sänger die Luft des Raumes erfüllten und die Teilnehmer des Festaktes mit in sich gekehrten Blicken auf den mit rotem Plüsch bespannten Sesseln saßen, als es zwischen den Pausen der Musikstücke still war, spürte der gefeierte Direktor plötzlich den starken Drang, laut aufzuschreien. Animiert vom Gesang des Chores, vergaß er für Sekunden seine Umgebung, und als es ihn das zweite Mal zum lautstarken Schrei drängte, öffnete er den Mund, spitzte die Lippen, und ein hoher starker Ton kam aus seiner Kehle und hängte sich an die Stimmen der Chorsänger an. Für den Bruchteil eines Augenblickes war es ihm, als stünde er auf einem Berggipfel und schreite hoch in die Lüfte.

Blitzschnell verschwand der trügerische Schein. Er erkannte seine peinliche Situation und dachte, daß es aus sei mit der Ehrung und mit seiner Karriere, daß man ihn abführen und in eine Anstalt für Geisteskranke bringen werde. Nichts dergleichen geschah. Zwar drehten die meisten Anwesenden die Köpfe in seine Richtung, und er lächelte verlegen nach links und nach rechts, aber die Feier verlief weiter nach dem geplanten Programm.

Abschließend, als ihm die Urkunde und die Medaille schon übergeben wurden, standen alle am kalten Büffet. Noch immer wartete der stellvertretende Direktor besorgt auf eine Reaktion auf sein unpassendes Benehmen. Erst später, als er schon glaubte, daß der Vorfall im Trubel der festlichen Veranstaltung vergessen worden war, kam der Generaldirektor mit ausgestreckten Armen zu ihm, und meinte, daß er, nicht wüßte, welch komisches Talent er besitze, und er entschuldigte sich bei ihm für die, wie er meinte, „unmögliche” moderne musikalische Darbietung.

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