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Kommunikation unter der Lupe

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Salzburgs Publizistik-Ordinarius Michael Schmolke stellte den Begriff „Medienökologie“ in den Raum. Er wies auf die Sitzung der Deutschen Lesegesellschaft, die sich in diesen Tagen mit der Frage befassen will, ob man sich in Mitteleuropa auf dem Weg zum „vollverkabelten Analphabetismus“ befinde, und daß hier das „Zukunftsproblem unserer Gesellschaft“ zu bewältigen stehe, hin.

Eine Feststellung, die schlagartig beleuchtet, wie wichtig eine gründliche wissenschaftliche Durchleuchtung des gesamten Kommunikationsbereichs wäre: Im Südwesten der Bundesrepublik Deutschland stieg die tägliche Fernsehdauer von Kindern um 18 Prozent, als dort über die gewohnten drei FS-Programme hinaus weiteres Angebot über Kabel zugänglich wurde. Auch in Österreich steht der Schritt von der „Zwie-falt zur Vielfalt“ für demnächst bevor. „Wir wissen auch, daß wir in medienökologischer Verantwortung mitdenken müßten, aber es fehlt an Köpfen, Händen und Instrumenten, um dieser Verantwortung im Vollsinn zu genügen!“ klagte Prof. Schmolke.

Rund 70 Kommunikationsfachleute waren zu einer Enquete zusammengekommen, um das von einem Projektteam des Wissenschaftsministeriums vorgelegte Konzept einer umfassenden Medien-und Kommunikationsforschung zu diskutieren. Professoren, Assistenten und Studenten der beiden Publizistikinstitute, der Theaterwissenschaft (und ihrer Publikumsforschung), der Werbewissenschaft, Meinungsforscher, Medienfunktionäre. Die Medienpraktiker, die Journalisten aus Zeitung und Rundfunk bildeten eine verschwindende Minderheit, obwohl die journalistische Berufsforschung, der Kontakt zwischen Theorie und Praxis besondere Programmpunkte des Konzeptes bildeten. Sind sie tatsächlich so uninteressiert an den wissenschaftlichen Grundlagen ihrer Berufsarbeit - oder hat man es nicht verstanden, sie anzusprechen?

5,6 Millionen Radiogeräte gibt es in Österreich, 1,9 Millionen Fernsehempfänger, 1971 waren 27 Prozent der erwerbstätigen Bevölkerung in Österreich - rund 840.000 Menschen -im Informationssektor (im weitesten Sinn, einschließlich der einschlägigen Bereiche der Elektroindustrie) beschäftigt. 1976 lag ihr Anteil schon bei 32 Prozent. 70 Prozent der Österreicher werden täglich vom Fernsehen erreicht, 66 Prozent von Tageszeitungen mit ihrer Gesamtauflage von 2,5 Millionen Exemplaren.

Demgegenüber gibt es bisher kaum eine Grundlagenforschung in diesem Bereich, wenn man von den Untersuchungen des Instituts für Publikumsforschung der Akademie der Wissenschaften absieht.

Besonders wichtig wäre es, mit Hilfe eines „Feuerwehrfonds“ dann kurzfristig Untersuchungen anstellen zu können, wenn besondere Ereignisse auch besondere - nicht wiederholbare - Problemstellungen zu erfassen erlauben. Zwentendorf war ein Beispiel dafür.

Dem Wissenschaftsministerium ist zu danken, daß es diese Probleme seit mehreren Jahren beobachtet, sammelt und nun in diesem Projekt zusammengefaßt hat Darin wird der Auf- und Ausbau der Forschungseinrichtungen und ihre Finanzierung durch die Forschungsfonds gefordert. Die Kooperation von Wissenschaft und Praxis sollte verbessert werden.

In diesem Zusammenhang wird zwar das „Kuratorium für Journalistenausbildung“ erwähnt, nicht aber die „Katholische Medienakademie“, deren Bemühungen in die gleiche Richtung zielen.

Unter den konkreten Anregungen kommunikationswissenschaftlicher Forschungen rangiert die fortlaufende Erhebung und periodische Publikation medienstatistischer Daten in Form eines regelmäßigen Medienberichtes an erster Stelle, ergänzt durch laufende Bibliographie und Dokumentation und die Bereitstellung eines Datenfundaments für Wissenschaft und Praxis.

Griffiger scheinen noch die angewandten Projekte, die sich in vier Bereiche aufteilen: Die Rezeptionsforschung soll die Gewohnheiten der Leser, Hörer und Zuschauer, Bedürfnisse und Wirkungen studieren. Die Berufs- und Ausbildungsforschung will Konzepte für Vor-, Aus-und Weiterbildung ausarbeiten. Die Medienpädagogik richtet sich vor allem an die Lehrer. Die Medientechnologie will die möglichen Auswirkungen neuer Technologien - Kabelfernsehen, Bildschirmzeitung, elektronische Textverarbeitung - ebenso auf die Medieninhalte wie auf die Arbeit der „Medienmacher“ abtasten.

„Wenn wir Medienökologie nicht zum Schlagwort werden lassen, sondern als sinnvolles Reizwort aufgreifen wollen, so ist es jetzt auch in Österreich an der Zeit, daß wir beginnen, unsern kommunikativen Hausstand zu sichten, zu schlichten und transparent zu machen“, schloß Michael Schmolke. Dies wird aber sicher nicht möglich sein, solange es nicht gelingt, auch die Praktiker ihrer Bedeutung entsprechend an den Arbeiten zu interessieren.

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