7215911-1992_49_07.jpg
Digital In Arbeit

Kompetenter Partner für Europas Industrie

1945 1960 1980 2000 2020

Milliardenverluste haben wieder einmal die verstaatlichte Industrie in die Schlagzeilen gebracht. Der Rest der Branche leidet zwar auch an Schwachstellen, hat aber durchwegs die Leistungskraft westeuropäischer Industrien erreicht.

1945 1960 1980 2000 2020

Milliardenverluste haben wieder einmal die verstaatlichte Industrie in die Schlagzeilen gebracht. Der Rest der Branche leidet zwar auch an Schwachstellen, hat aber durchwegs die Leistungskraft westeuropäischer Industrien erreicht.

Als Wettbewerbsfähigkeit wird die Fähigkeit einer Volkswirtschaft verstanden, ihre Güterund Dienstleistungen zu den angestrebten Faktoreinkommen (Löhne, Gehälter) und unter den politisch gegebenen Randbedingungen (Sozialnetz, Schulsystem, Umweltschonung) abzusetzen.

Dabei muß man eine kurzfristige Komponente unterscheiden, das ist etwa die heutige Situation im Spiegel der Außenhandelsstatistik und eine langfristige dynamische Komponente, das ist die Fähigkeit, diese Absatzmöglichkeiten in Zukunft (bei sich ändernden Faktorlöhnen und Rahmenbedingungen) zu behalten.

Die Außenhandel ströme sind ein wichtiges Spiegelbild der aktuellen Wettbewerbsfähigkeit. Die österreichische Leistungsbilanz ist weitgehend ausgeglichen. Die Währungsreserven stiegen in den achtziger Jahren von 111 Milliarden Schilling (1980) auf 138 Milliarden Schilling (1990), damit nur etwas langsamer als das Bruttoinlandsprodukt (BEP). Da gleichzeitig der Außenwert des Schilling steigt, sind die Entwicklung der Leistungsbilanz und der Anstieg der Währungsreserven ein be-achtlicher Erfolg. Auch 1992 und voraussichtlich 1993 wird die österreichische Leistungsbilanz aktiv sein.

Innerhalb der Leistungsbilanz ist die Handelsbilanz mit 99 Milliarden Schilling (1992) passiv, mit rund fünf Prozent des BIP ist das weniger als in den siebziger Jahren. Die Dienstleistungsbilanz ist primär durch den Fremdenverkehr aktiv, bei industrienahen Dienstleistungen besteht ein Nachholbedarf. Gerade eine Verbindung von Industrieproduktion und Dienstleistungen würde auch die erzielbaren Erträge steigern und das Handelsbilanzdefi-zit verringern.

Der Außenhandel Österreichs konzentriert sich auf die westlichen Industrieländer. Dorthin wurden im Vorjahr 81 Prozent exportiert, 84 Prozent werden importiert. Diese Konzentration hat exportseitig noch deutlich zugenommen, 1970 waren es erst 76 Prozent gewesen. Besonders die Exporte nach Westeuropa steigen, der Anteil der Überseemärkte geht -obwohl schon niedrig-zwischen 1985 und 1990 weiter zurück. Dagegen steigen die Importe aus den Übersee-Industriestaaten, das Handelsbilanzdefizit, das gegenüber den europäischen Ländern relativ zur Wirtschaftsleistung schrumpft, ist gegenüber den

Übersee-Industrieländern auf 21 Milliarden Schilling gestiegen.

Der Anteil der Entwicklungsländer sinkt in beiden Richtungen, das Defizit liegt bei zehn Milliarden Schilling. Der Anteil der Oststaaten sinkt importseitig wesentlich stärker als exportseitig, hier wird heute ein Überschuß von zehn Milliarden Schilling erzielt (1985 fünf Milliarden Schilling). 1992 steigen die Exporte mit vier Prozent schneller als die Importe.

Die Internationalisierung der Warenproduktion hat dazu geführt, daß heute 54,4 Prozent der in Österreich produzierten industriell-gewerblichen Waren exportiert werden (1980 39,8 Prozent). Andererseits werden 59,3 Prozent der in Österreich verwendeten Industriewaren importiert, 1980 waren es 48,3 Prozent.

Alle Industriesektoren haben ein Handelsbilanzdefizit. Der Saldo ist jedoch für technische Verarbeitungsgüter und Chemie sehr viel größer (14,5 Prozent beziehungsweise 17,7 Prozent des Produktionswertes) als für traditionelle Konsumgüter und B a-sisgüter. Wenn man den Basissektor ohne Erdölindustrie definiert, erzielt er einen Außenhandelsüberschuß, allerdings zu unbefriedigenden Erträgen.

Die kostenmäßige oder preisliche Wettbewerbsfähigkeit einer Wirtschaft zeigt, ob die Kosten niedrig genug sind, um in Österreich produzieren zu können. Relativ gesicherte Daten liegen hier für die Entwicklung der Arbeitskosten vor.

Die Arbeitskosten sind die wichtigste Kostenkomponente, sie macht rund drei Viertel der Wertschöpfung aus. Im Verhältnis zur Bundesrepublik sind die Arbeitskosten 1991 um neun Prozent niedriger als 1980. Im Verhältnis zu unseren Handelspartnern liegt sie um acht Prozent niedriger. Der Anstieg lag in Österreich bei zehn Prozent, niedrigere Werte erreichten die USA, Großbritannien, die Niederlande und Belgien; höhere Werte zum Beispiel Japan und die Schweiz.

Die Produktion je Stunde ist in Österreich zwischen 1980 und 1991 um 71 Prozent gestiegen. Der Anstieg war in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre mit 5,5 Prozent sogar höher als in der ersten Hälfte (4,0 Prozent). In der Bundesrepublik ist die Produktivität seit 1980 um nur 39 Prozent gestiegen, in Italien um 37 Prozent, in Frankreich um 41 Prozent. Im Schnitt der EG-Länder war der Anstieg 30 Prozent. Der Anstieg der Produktivität um 5,5 Prozent in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre war der dritthöchste (nach Irland und Dänemark) der Industriestaaten und auch zum Beispiel höher als in Japan (plus 5,0 Prozent).

Der Anteil der Wertschöpfung, der für Abschreibungen und Fremdkapitalzinsen aufgewendet werden muß, liegt höher als in der Bundesrepublik und schmälert die Nettogewinne. Die höheren Abschreibungen reflektieren die höhere Kapitalintensität Österreichs, die höheren Zinsen sind auf das lange Zeit höhere Zinsniveau, die geringe Eigenkapitalausstattung und die noch nicht eingespielte Aktienmarktfinanzierung zurückzuführen.

Im Gegensatz zur Entwicklung der

Löhne und der Produktivität ist das Niveau der Produktivität schwer international zu vergleichen.

Vergleiche der absoluten Arbeitsproduktivität in Österreich und der Bundesrepublik Deutschland zeigen einen deutlichen Aufholprozeß, der nach verschiedenen Berechnungsmethoden heute einen geringen verbleibenden Rückstand der österreichischen Industrie oder auch schon einen (minimalen) Vorsprung zeigt (Spanne etwa von minus fünf bis plus drei Prozent). Unbestritten ist, daß die Kapitalproduktivität in Österreich noch immer deutlich niedriger liegt als in der Bundesrepublik (teils Effekt der Branchenstruktur, teils der geringen Preisdurchsetzungsfähigkeit). Die gesamte Faktorproduktivität liegt daher noch niedriger, die Differenz ist jedoch deutlich geringer als vor zehn Jahren und auch geringer als für die anderen Wirtschaftssektoren.

Die aktive Internationalisierung über Direktinvestitionen ist trotz der erfreulichen Entwicklung seit 1986 im internationalen Vergleich noch gering. Ursachen dafür sind der hohe Auslandskapitalanteil (der das Potential für aktive Internationalisierung schmälert), die starren Eigentumsstrukturen und die ungenügende Eigenkapitalbasis.

Die aktiven Direktinvestitionsströ-

me, die jahrzehntelang niedriger gelegen waren als das Hereinströmen von Auslandskapital liegt 1990 um elf Milliarden Schilling und 1991 um zwölf Milliarden Schilling höher als die passiven Ströme.

Zusammenfassend gibt es noch immer Schwachbereiche der österreichischen Industrie. Die neue Konkurrenz im Osten deckt diese Schwachbereiche mit konsequenter Härte auf. Aber insgesamt ist Österreich ein Standort für hochwertige Industrieproduktion geworden, Schon jetzt, und besonders wenn es gelingt, die Defizite in der Kapitalproduktivität und im geschützten Sektor abzubauen, kann die österreichische Industrie ein kompetenter Partner im Segment der führenden europäischen Industrieländer werden. Eine entsprechende Industriepolitik kann und-muß dabei helfen.1'

Der Autor ist Industrieexperte des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO).

Auszug eines Vortrages bei der Enquete: Nationale Industriepolitik - wichtig für Österreichs Zukunft. Veranstaltet von ÖGB und Bundeskammer für Arbeiter und Angestellte in Wien. " Mit den Inhalten einer solchen Industriepolitik wird sich die FURCHE noch näher beschäftigen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau