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Konvertierte Juden: „Ein unheilbarer Aussatz”

Wer ist Jude? So einfach diese Frage klingt, so kompliziert ist die Antwort darauf. Fast jeder Jude in der Diaspora, und die Mehrheit der Juden befindet sich dort und nicht im Judenstaat Israel, mußte sich in irgendeiner Phase seines Lebens diese Frage stellen.

In Israel wurde diese Frage bereits kurz nach der Gründung des Staates im Jahr 1950 aktuell, als das Parlament eines der ersten Gesetze, das Rückkehrergesetz, angenommen hatte. Danach kann jeder Jude auf der Welt—es waren erst fünf Jahre seit dem Holo-kaust vergangen — in Israel eine neue Zuflucht und Heimat finden. Dieses Gesetz verwirklichte die zionistische Idee in einem markanten Satz: „Jeder Jude hat das Recht, nach Israel einzuwandern.”

Doch seither ist dieses Gesetz auch zu einem Zankapfel zwischen der Orthodoxie und ihren Parteien und der Mehrheit der anderen Parteien vor fast jeder Koalitionsbildung geworden.

Dieser Tage wäre es in Israel fast zu einer Koalitionskrise gekommen, als die religiösen Parteien, auf ein Abkommen mit dem Likudblock pochend, im Parlament den Versuch unternahmen, das Gesetz so zu ändern, daß die Urteile der rabbinischen Gerichte in der übrigen Welt von den israelischen Instanzen nicht anerkannt werden.

Laut Gesetzesvorschlag sollten nur streng orthodoxe Rabbiner anerkannt werden, obwohl in den meisten Ländern der Diaspora die nichtorthodoxen Rabbiner der konservativen und liberalen Gemeinden das Sagen haben. Am 16. Jänner wurde der Antrag der religiösen Parteien mit 62 gegen 51 Stimmen abgelehnt.

Bereits im Jahre 1958 hatte sich der damalige Ministerpräsident David Ben Gurion an 50 jüdische Gelehrte in der ganzen Welt gewandt und sie um eine neue Beantwortung der Frage, wer Jude ist, gebeten. Dies sollte den Ansprüchen des zionistischen Judenstaates, in dem die Freiheit des Gewissens und des Glaubens gewährleistet ist, entsprechen.

Unter den Befragten befanden sich prominente Rabbiner, Phüo-sophen, Schriftsteller und andere Gelehrte. Die treffendste Antwort erhielt Ben Gurion vom Nobelpreisträger und Schriftsteller Schmuel Agnon, der sagte: „Religion und Staat sind wie zwei Nachbarinnen, die sich Feind sind. Wenn Sie, Herr Ben Gurion, dem Staat dienen wollen, lassen sie lieber die Hände von der Religion.”

Im Jahr 1962 wurde das Thema wieder aktuell, als der Karmeliterbruder Daniel aus dem Kloster in Haifa behauptete, er sei Jude katholischen Glaubens und habe das Recht, im Rahmen des Rück-kehrergesetzes die israelische Staatsbürgerschaft automatisch zu erhalten.

Katholischer Jude?

Die Angelegenheit kam vor das oberste Gericht, denn der Bruder Daniel wurde als der Jude Oswald Rufeisen geboren, konnte als Volksdeutscher getarnt in der Waffen-SS dienen, rettete dort Dutzende Juden und versteckte sich später vor seinen Naziverfolgern in einem polnischen Kloster. Dort ließ er sich nach drei Jahren taufen. Nach dem Krieg wurde er dann Mönch des Karmeliterordens.

Das oberste Gericht beschloß, Ruf eisen nicht als Juden anzuerkennen, denn, so das Gericht: „Die Zugehörigkeit zur jüdischen Nation kann nur gemeinsam mit der Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben anerkannt werden. Wer daher die Religion verlassen hat, ist hiermit auch seiner Zugehörigkeit zum jüdischen Volk verlustig geworden.”

Schon sechs Jahre später wurde diese Definition wieder angezweifelt. Benjamin Schalit, ein in Israel geborener Offizier der Marine, Held des Befreiungskriegs, der eine protestantische Schwedin geheiratet hatte, bestand darauf, daß seine Kinder, Atheisten wie seine Frau und er, das Recht hätten, als Mitglieder der jüdischen Nation registriert zu werden, weil sie ja keine andere Religion haben. Das oberste Gericht gab ihnen dieses Recht.

Doch daraufhin wurde das Gesetz neu formuliert: Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat oder zum Judentum übergetreten ist und keiner anderen Religion angehört. Als das dritte Kind der Familie Schalit geboren wurde, konnte es nicht mehr als Jude registriert werden.

Ein Dorn im Auge der religiösen Juden ist die Tatsache, daß jeder, der zum Judentum übergetreten ist, automatisch als Jude anerkannt wird, obwohl die Bekehrungen durch liberale und durch konservative Rabbiner in ihren Augen viel zu wünschen übrig lassen. Ihrer Ansicht nach müßten die Konvertierten nochmals einen streng religiösen Konversionsprozeß durchmachen, ehe sie als Juden akzeptiert werden.

Lieber eine Elite

Die Frage ist kompliziert, weü heute bereits über 50 Prozent der jungen Juden in der Diaspora Mischehen eingehen und die Rabbiner oft bei der Bekehrung einer der Ehepartner mehr als ein Auge zudrücken, in der Hoffnung, daß in einem solchen Fall wenigstens die Kinder des Mischehepaares als Juden erzogen werden.

Für die Religiösen jedoch ist eine kleine religiöse Elite wichtiger als einige Tausend nichtreligiöse konvertierte Juden. Deswegen sind sie streng bei der Bekehrung: Wer nicht alle Gesetze der Religion einhält, wird nicht in die jüdische Gemeinde aufgenommen. Steht doch schon im Talmud (die mündliche Uberlieferung der Juden): „Die Konvertierten sind für die Juden wie ein nichtheilbarer Aussatz.”

Diesmal haben die Religiösen Israels noch keinen Erfolg gehabt. Doch sie haben den Kampf noch lange nicht aufgegeben.

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