6907822-1980_50_01.jpg
Digital In Arbeit

Kraft des Erbarmens

Die gegenwärtige Generation weiß sich bevorzugt, denn der Fortschritt bietet ihr so viele Möglichkeiten, wie man sie vor nur wenigen Jahrzehnten nicht ahnen konnte.

Die schöpferische Tätigkeit des Menschen, seine Intelligenz und seine Arbeit haben" tiefreichende Veränderungen auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technik wie auch im sozialen und kulturellen Leben hervorgerufen. Der Mensch hat seine Macht über die Natur ausgedehnt; er hat eine vertiefe Kenntnis von den Gesetzen seines Sozialverhaltens bekommen ...

Aber neben all diesen Entwicklungen - oder besser gesagt, in ihnen - gibt es gleichzeitig jene Schwierigkeiten, die sich bei jedem Wachstum zeigen. Es gibt Sorgen und Schwächen, die eine grundlegende Antwort erfordern...

Unsere Welt fühlt sich immer mehr bedroht. Die existentielle Angst nimmt zu, vor allem - wie ich bereits in der Enzyklika „Redemptor Hominis" erwähnte - im Hinblick auf die Möglichkeit eines Konfliktes, der angesichts des heute vorhandenen Vorrats an Atomwaffen eine teilweise Selbstzerstörung der Menschheit bedeuten könnte.

Die Bedrohung kommt jedoch nicht nur von dem, was die Menschen durch militärische Technik einander antun können; sie erwächst auch aus vielen anderen Folgen einer materialistischen Zivilisation, welche - trotz humanistischer Erklärungen - dem Vorrang der Sachen über die Person huldigt...

Die technischen Mittel, über welche die heutige Zivilisation verfügt, bergen ja nicht nur die Möglichkeit einer Selbstvernichtung als Folge eines militärischen Konflikts in sich, sondern auch die einer „friedlichen" Unterwerfung der Einzelpersonen, der Lebensbereiche, ganzer Gesellschaftsgruppen und Nationen, die aus irgendeinem Grund denen unbequem werden, die solche technische Mittel in der Hand haben und zu ihrem Einsatz bedenkenlos bereit sind.

Man denke in diesem Zusammenhang auch an die Folter in der heutigen Welt als systematisch eingesetzes Herrschafts- und Unterdrückungsmittel der Machthaber, als unbestrafte Praxis der untergeordneten Stellen.

So wächst neben dem Wissen um die Bedrohung des physischen Lebens das Wissen um eine andere Bedrohung, um eine noch größere Gefahr für das, was wesentlich menschlich ist, was mit der Würde der Person und ihrem Recht auf Wahrheit und Freiheit in engem Zusammenhang steht.

Alldas vollzieht sich vor dem Hintergrund schwerster innerer Vorwürfe, deren Ursache darin liegt, daß es neben den Menschen und Gesellschaftsgruppen, die in Wohlstand, Sattheit und Überfluß leben und sich dem Konsumismus und der Genußsucht unterworfen haben, in der gleichen Menschheitsfamilie nicht an einzelnen noch an Gesellschaftsgruppen fehlt, die Hunger leiden

Das Bild der Welt von heute, in der es soviel physisches und moralisches Übel gibt, daß sie sich in Widersprüche und Spannungen verstrickt und gleichzeitig die menschliche Freiheit, das Gewissen und die Religion bedroht, erklärt die Unruhe, unter der der zeitgenössische Mensch leidet.

Diese Unruhe spüren nicht nur die Benachteiligten und die Unterdrückten, sondern auch jene, die das Privileg des Reichtums, des Fortschritts und der Macht genießen.

Obwohl es nicht an Menschen fehlt, welche die Ursachen dieser Unruhe aufzudecken oder mit den Mitteln der Technik, des Reichtums oder der Macht provisorisch zu bekämpfen suchen, so läßt sich doch in der Tiefe des menschlichen Herzens die Unruhe durch diese Maßnahmen nicht beschwichtigen.

Sie bezieht sich - wie die Untersuchungen des Zweiten Vatikanischen

Konzils zu Recht festgestellt haben -auf die fundamentalen Probleme der gesamten menschlichen Existenz; sie steht im Zusammenhang mit dem Sinn der Existenz des Menschen in der Welt überhaupt und sorgt sich um die Zukunft des Menschen und der ganzen Menschheit....

Man kann jedoch schwerlich darüber hinwegsehen, daß die Programme, die von der Idee der Gerechtigkeit ausgehen und deren Verwirklichung im Zusammenleben der Menschen, der menschlichen Gruppen und Gesellschaften dienen sollen, in der Praxis oft arg entstellt werden.

Obwohl sie sich dann wieder auf die Idee der Gerechtigkeit berufen, gewinnen - so lehrt die Erfahrung - negative Kräfte wie etwa Groll, Hau oder gar Grausamkeit die Oberhand.

In diesem Fall wird das Verlangen, den Feind zu vernichten, seine Freiheit einzuschränken oder ihm eine vollständige Abhängigkeit aufzuerlegen, zum eigentlichen Beweggrund des Handelns; dies wiederspricht dem Ursinn der Gerechtigkeit, die ihrem Wissen nach darauf abzielt, Gleichheit und Gleichstellung zwischen den streitenden Parteien zu erreichen.

Diese Art Mißbrauch der Gerechtigkeitsidee und die praktische Verfälschung der Gerechtigkeit beweisen, wie weit sich das menschliche Handeln von. der Gerechtigkeit entfernen kann, selbst wenn es in ihrem Namen begonnen wurde...

Mit dem Bild der Generation, der wir angehören, vor Augen, teilt die Kirche die Unruhe so vieler Zeitgenossen. Besorgniserregend ist außerdem das Verblassen vieler fundamentaler Werte, die ein unbeschreibbares Gut nicht nur der christlichen, sondern ganz einfach der menschlichen Moral, der moralischen Kultur darstellen, wie etwa die Achtung des menschlichen Lebens vom Augenblick der Empfängnis an, die Achtung der Ehe in ihrer unauflöslichen Einheit, die Achtung des Dauercharakters der Familie.

Die sittliche Freizügigkeit verletzt vor allem diesen empfindlichsten Bereich des menschlichen Lebens und Zusammenlebens.

Die Welt der Menschen kann nur dann immer menschlicher werden, wenn wir in den vielgestaltigen Bereich der zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungen zugleich mit der Gerechtigkeit jene „erbarmende Liebe" hineintragen, welche die messianische Botschaft des Evangeliums ausmacht...

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau