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Kriegsende 1945: Stalins Sieg an allen Fronten

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„Wir haben gesiegt“, verkündete Sowjet-Diktator Stalin Anfang September 1945 in einer Rundfunkansprache. Tatsächlich: Die Rote Armee stand in Mitteleuropa und hatte in einem dreiwöchigen Feldzug auch in Fernost bedeutende Gebietsgewinne erzielt. Der Aufstieg der UdSSR zur Supermacht nahm seinen Anfang.

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„Wir haben gesiegt“, verkündete Sowjet-Diktator Stalin Anfang September 1945 in einer Rundfunkansprache. Tatsächlich: Die Rote Armee stand in Mitteleuropa und hatte in einem dreiwöchigen Feldzug auch in Fernost bedeutende Gebietsgewinne erzielt. Der Aufstieg der UdSSR zur Supermacht nahm seinen Anfang.

9. Mai 1945: Mit der bedingungslosen Kapitulation des Großdeutschen Reiches war der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ge-gengen. Eine der Siegermächte: die Sowjetunion.

Wenn auch die westlichen Demokratien einen unbestreitbaren Anteil an diesem Sieg hatten, war es doch die Rote Armee gewesen, die die deutsche Wehrmacht an der „Ostfront“ vier Jahre lang zermürbt, in vielen großen Schlachten geschlagen und ihr schlußendlich das Rückgrat gebrochen hatte.

Daran änderte der moralische Tatbestand wenig, daß die westli chen demokratischen Nationen aus Bündnistreue und uneigennützig in den Krieg gegen Hitler gezogen waren, während die Sowjetunion das Deutsche Reich zuerst unterstützt und erst dann Mitglied der Antifaschistischen Koalition geworden war, als die Wehrmacht sie 1941 überfallen hatte.

Stalins Rotarmisten standen in diesem Mai 1945 mitten in Europa. Von Norwegen bis zum Balkan, quer durch Deutschland, die Tschechoslowakei und Österreich waren ihre Spitzen an der Trennungslinie zwischen West und Ost. Seit dem Sieg über Napoleon I. hatte Rußland keinen ähnlichen Triumph mehr erlebt.

Stalins Streitkräfte repräsentierten im Sommer 1945 eine äußerst beachtliche Macht. Hatte Anfang 1945 das sowjetische Oberkommando über insgesamt 7,1 Millionen Soldaten mit 15.815 Kampfflugzeugen, 15.100 Panzern und Sturmgeschützen sowie 115.100 Geschützen und Granatwerfern verfügt, so war die Zahl der unter Waffen stehenden Rotarmisten bis Mitte 1945 auf 1L3 Millionen Mann unter entsprechender Zunahme des Kriegsmaterials angewachsen.

Die Stimmung in der Roten Armee war unterschiedlich. Die Ehrungen gehörten im Sommer 1945 zur Tagesordnung. Und obwohl die Rotarmisten in überwiegender Mehrzahl den Frieden wünschten, gab es doch unter ihnen solche, die zur Fortsetzung des Krieges bereit waren, um dem „kapitalistisch-imperialistischen Westen“ endlich den Todesstoß zu versetzen. Jetzt, wo die deutsche Wehrmacht vernichtet war, und die Rote Armee stark wie noch nie mitten in Europa stand, schien ihnen die Gelegenheit dazu „günstig“.

Die Fahne des Sowjetstaates wehte über acht europäischen Hauptstädten. In Berlin herrschte Marschall Schukow an der Spitze der Sowjetischen Militäradministration über den von der Roten Armee besetzten Teil Deutschlands. In Wien hatte Marschall Iwan S. Konjew den Vorsitz in der Alliierten Kontrollkommission inne, und Marschall Kliment J. Woroschilow residierte mit ähnlichen Aufgaben in Budapest.

Am 17. Juli begann im Schloß Cäcilienhof die Potsdamer Konferenz der siegreichen Großmächte. Von den Teilnehmern der Jal-ta-Konf erenz war nur noch Stalin dabei. Die USA wurden - anstelle des am 12. April 1945 verstorbenen Franklin D. Roosevelt - von ihrem neuen Präsidenten Harry S. Truman vertreten. Und für Großbritannien sprach Ministerpräsident Attlee, der nach dem Wahlsieg der Labour-Partei vom 30. Juli Churchills Nachfolger im Amt geworden war.

Bei dieser Potsdamer Konferenz wurden die Weichen für die politische Nachkriegsentwicklung Europas gestellt. Wie die Ergebnisse zeigten, verhandelte Stalin zielbewußter als seine Konferenzpartner. Deutschlands Zukunft wurde erörtert und die Einrichtung des Alliierten Kontrollrates in Berlin beschlossen.

In Potsdam konkretisierte Stalin auch die bereits in Jalta gemachte Zusage, daß die Rote Armee bei der „endgültigen Niederwerfung“ Japans den Westmächten militärischen Beistand leisten werde.

Bereits im August 1943 hatten sich die amerikanischen Generäle die Frage gestellt, ob die Rote Armee als Kriegspartner gegen Japan verwendet werden sollte. Im Februar 1945 ersuchte dann Präsident Roosevelt Stalin um baldi-

,,Seit dem Sieg über Napoleon I. hatte Rußland keinen ähnlichen Triumph mehr erlebt“ gen Beistand im Fernen Osten. Dieser erklärte sich auch bereit, drei Monate nach dem Sieg über Deutschland an der Seite der West-Alliierten in den Krieg gegen Japan einzutreten.

Die sowjetisch-japanischen Beziehungen waren damals noch völlig normal. Am 13. April 1941 hatte Moskau mit Tokio einen Nichtangriffspakt für fünf Jahre abgeschlossen, der unverändert in Kraft blieb, selbst nachdem am 7. Dezember 1941 die USA in Pearl Harbour von der kaiserlichen Marine überfallen worden waren.

Am 5. April 1945 — zwei Monate nach Jalta—hatte Molotow einseitig den Pakt mit Japan gekündigt, ohne jedoch die diplomatischen Beziehungen abzubrechen. Im Juli 1945 bestätigte dann Stalin in Potsdam den Verbündeten seinen Willen, in den Krieg gegen Japan einzutreten-

Der Aufmarsch der Roten Armee im Fernen Osten dauerte den ganzen Sommer 1945. Der sowjetische Generalstab setzte alles daran, um ihn bis Anfang August zu beenden.

Am 6. und 9. August 1945 fielen die amerikanischen Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki (siehe auch FURCHE Nr. 32/85). Die kaiserliche Regierung in Tokio, die bereits in der Schweiz Friedensfühler nach Washington ausgestreckt hatte, sah sich nun gezwungen, den Krieg schnellstens zu beenden, notfalls auch durch die Annahme der „bedingungslosen Kapitulation“.

Am 8. August — als die japanischen Kapitulationsverhandlungen bereits eingeleitet waren — teilte Molotow dem japanischen Botschafter in Moskau mit, die UdSSR betrachte sich vom folgenden Tag an als mit Japan im Kriegszustand befindlich. Gründe dafür wurden nicht mitgeteilt. Der Entschluß der Sowjetregierung wurde allein mit der Potsdamer-Deklaration der USA, Großbritanniens und Chinas an Japan vom 26. Juli 1945 untermauert.

Die sowjetischen Truppen im

Fernen Osten der UdSSR waren in drei mächtige Heeresgruppen gegliedert, die unter der Leitung des bestens ausgewiesenen Marschall A. M. Wassilewski standen. Beinahe 100 Divisionen, 1,5 Millionen Mann, 5.500 Panzer und Sturmgeschütze sowie über 3.800 Kampfflugzeuge standen Wassilewski zu seinem Feldzug zur Verfügung.

Die japanische „Kwantungar-mee“ in der Mandschurei, eigentlich eine Heeresgruppe, setzte sich aus 24 Divisionen und 8 Brigaden zusammen. Aber nur zwei Divisionen hatten vollen Kampfwert. Die anderen Verbände waren unzulänglich aufgefüllte, ausgerüstete und ausgebildete Neuaufstellungen der Jahre 1944/45.

Die Luftunterstützung der „Kwantungarmee“ bestand aus 155 Jägern, 40 Jagdbombern, 20 mittleren Bombern und 15 Ver-

„Die Sowjets übertrieben maßlos, als sie von .schweren Kämpfen' gegen die Japaner schrieben“ bindungsflugzeugen. Marschall Wassilewski schätzte dagegen die japanischen und verbündeten Truppen (das heißt die Armee des Kaisers von Mandschukuo) in der Mandschurei auf rund 900.000 Mann — eine Zahl, die, wie es sich später herausstellte, viel zu hoch gegriffen war.

Am 9. August eröffneten die sowjetischen Truppen im Fernen Osten ihre Offensive. Diese hatte in erster Linie politische Bedeutung, demonstrierte sie doch die Einigkeit der Großmächte über die Zerschlagung des Hitler-Reiches hinaus.

Militärisch hatte der sowjetische Angriff auf das bereits kapitulationsreife und -willige Japan bei weitem nicht die Wichtigkeit, die ihm nachträglich in der überaus reichen sowjetischen Historiographie gegeben wird. Das Schicksal Japans war durch den Einsatz der Atombombe am 6. und 9. August bereits besiegelt worden.

Die „Kwantungarmee“ war nicht mehr der gefürchtete Elite-Verband von 1939, weil sie ständig zugunsten anderer Kriegsschauplätze geschwächt worden war. So kam es, daß die angreifenden sowjetischen Truppen in einer Woche mehrere hundert Kilometer vordringen konnten.

Unter dem Eindruck der allgemeinen katastrophalen Lage nahm am 10. August der japanische Kronrat die bedingungslose Kapitulation der Alliierten an. Bis aber der entsprechende Befehl des japanischen Oberkommandos die Truppen in der Mandschurei erreichte, vergingen wertvolle Tage.

Obwohl Stalin bereits am 12. August vom Entscheid Tokios, den Krieg zu beenden, wußte, ließ er seine Truppen im Fernen Osten weiter Krieg führen. Am 15. August gelang es Wassilewski, die „Kwantungarmee“ in mehrere Teile zu spalten, am 17. August stellte er im Raum Kirin (heute: Zhang-jiakon) die Verbindung zur Chinesischen Volksbefreiungsarmee her.

Am 22. August nahmen die Rotarmisten Port Arthur, die schicksalhafte Stadt und Festung des Krieges 1904/05. Am 19. August steckte das Oberkommando der „Kwantungarmee“ vor den Truppen Stalins die Waffen. Dessen ungeachtet rückte die sowjetische Fernostarmee weiter vor und brachte bis Ende des Monats die gesamte Mandschurei, die Halbinsel Liadong und Nordkorea bis zum 38. Breitengrad unter sowjetische Kontrolle. Die japanische Garnison auf Süd-Sachalin kapitulierte am 26. August, während die Kämpfe auf den Kurilen erst am 1. September eingestellt wurden.

Nach sowjetischen Angaben betrugen die Opfer der Japaner im Krieg gegen die Rote Armee etwa 80.000 Gefallene und Verwundete. Etwa 600.000 Mann gerieten in Kriegsgefangenschaft. Die Verluste der Roten Armee im Fernen Osten wurden mit 32.000 Mann beziffert; sie waren also ungefähr gleichgroß wie diejenigen, die die Heeresgruppe Schukow im April 1945 bei der Erstürmung der See-lower Höhen östlich von Berlin an der Oder in der dreitägigen

Schlacht hatte hinnehmen müssen.

Am 2. September 1945 unterzeichneten Japans Vertreter an Bord des US-Schlachtschiffes „Missouri“ in der Bucht von Tokio die Urkunde über die bedingungslose Kapitulation vor US-General Douglas MacArthur. Unter den Vertretern der Siegermächte befand sich im Auftrag der Roten Armee Generalleutnant K. N. Gerewjenko.

Stalin begrüßte den Sieg seiner Truppen über Japan enthusiastisch. Er bewertete den Sieg als eine „Revanche“ für die Niederlage der zaristischen Armee von 1905. Nicht der Bolschewik, der russische Imperalist sprach aus ihm, als er am 2. September in ei-

,.Stalin bewertete den Sieg über Japan als Revanche für die schwere Niederlage von 1905“ ner Rundfunkrede Japans bedingungslose Kapitulation dem Sowjetvolk verkündete: „Vierzig Jahre haben wir, Menschen der alten Generation, auf diesen Tag gewartet. Und nun ist der Tag gekommen.“

Die Sowjetunion hatte im Zweiten Weltkrieg die schwersten Menschenverluste erlitten. Nach heutigen offiziellen Angaben verlor sie etwa 20 Millionen Tote, wovon 13 Millionen Angehörige der Roten Armee waren. Durch den Krieg wurden im europäischen Teil der UdSSR 1.710 Städte und größere Ortschaften, mehr als 70.000 Dörfer teilweise oder völlig zerstört. Die UdSSR hatte etwa 30 Prozent ihres Nationalreichtums verloren.

Trotzdem ist die Sowjetunion nach 1945 politisch und militärisch gestärkt hervorgegangen. „Noch nie in seiner Geschichte hat unser Vaterland über solch gerechte und günstig gelegene Staatsgrenzen verfügt wie jetzt“, schrieb später der führende sowjetische Historiker, Professor Boris S. Telpuchowski. Und er zählt die Gebiete auf, welche die Sowjetunion nach 1945 — wie er bemerkt: „für immer und ewig“ — ihrem Staatsverband eingegliedert hatte:

West-Ukraine und West-Bjelo-rußland (ehemals Polen); die Moldauische Sowjetrepublik (ehemals das rumänische Bessa-rabien'und Nord-Bukowina); die Karpatho-Ukraine (ehemals Bestandteil der Tschechoslowakei); Lettland, Estland und Litauen (zwischen 1920 und 1940 freie Republiken): Kaliningrad mit Hinterland (ehemals Königsberg, Ostpreußen); finnische Gebiete aufgrund der durch Krieg erzwungenen Gebietsabgaben vom März 1940; Petsamo mit seinem eisfreien Hafen.

Im Fernen Osten wurden der Sowjetunion Süd-Sachalin und die Kurilen zugesprochen, nicht zu vergessen die Republik Tannu Tuwa mit ihren 171.000 Quadratkilometern zwischen der UdSSR und der Mongolischen Volksrepublik.

Außerdem standen 1945 sowjetische Truppen in Polen, Ost-Deutschland, in der Tschechoslowakei, in Ungarn, in den östlichen Teilen von Österreich, in Rumänien, in Bulgarien sowie in Iran, Nord-Korea und in der Mandschurei.

Der Aufstieg der Sowjetunion zu einer der Supermächte unserer Zeit nahm hier seinen Anfang.

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