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Kriegsgefahr trotz Kriegsmüdigkeit

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Des Wahnsinns müde sind Kroaten und Serben nach Aussage des serbischen Oppositionsführers Vuk Draskovic im dieswöchigen „Spiegel". Gleichzeitig steigt aber die Kriegsgefahr sowohl in Kroatien als auch in Bosnien-Herzegowina, wenn die UN-Friedenspläne nicht greifen. Auch Österreichs Außenminister befürchtet eine Explosion, sollte man bei Teillösungen steckenbleiben.

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Des Wahnsinns müde sind Kroaten und Serben nach Aussage des serbischen Oppositionsführers Vuk Draskovic im dieswöchigen „Spiegel". Gleichzeitig steigt aber die Kriegsgefahr sowohl in Kroatien als auch in Bosnien-Herzegowina, wenn die UN-Friedenspläne nicht greifen. Auch Österreichs Außenminister befürchtet eine Explosion, sollte man bei Teillösungen steckenbleiben.

Die Dynamik, die zur Anerkennung Kroatiens und Sloweniens geführt hat, möchte Außenminister Alois Mock weiterhin aufrechterhalten, „weil wir" - wie er gegenüber der FURCHE betonte - „von einer endgültigen Lösung der sogenannten jugoslawischen Krise weit weg sind". Mock befürchtet, daß sich bei einem Steckenbleiben im ersten Drittel der Krisenlösung alles nur verfestigt, um dann mit noch größerem Getöse zu explodieren.

Deswegen setzt Österreich auf eine rasche Entsendung von UNO-Trup-pen nach Kroatien und wenn möglich auch nach Bosnien-Herzegowina. Mock: „Beobachter sind schon in Sarajewo und verhandeln mit der dortigen Regierung." Man sollte auch die Anerkennung Mazedoniens ins Auge fassen, meint Mock, wobei man sich bewußt sein müsse, daß Serbien das zu verhindern trachte. Die serbische Opposition, meint Mock, zeige durchaus realistische Ansätze zu einer anderen Politik, die darauf abziele, die Serben in anderen Staaten zu schützen, anders als durch eine Politik der Aggression mittels der ehemaligen jugoslawischen Volksarmee.

Hinsichtlich der Rückführung der kroatischen Flüchtlinge in ihre Heimat gibt sich Mock momentan wenig optimistisch. Dazu müßten erst die Serben bereit sein, Menschenrechte zu respektieren und ein demokratisches Land aufzubauen. Kroatien, sagt Mock, habe gute Chancen, in seinen anerkannten Grenzen die Oberhoheit auszuüben: „Die Verwirklichung dieses Ziels könnte sich aber durchaus noch längere Zeit hinziehen."

Politische Beobachter kritisieren die Vorgangsweise von UNO-Vermittler Cyrus Vance, der - wie beispielsweise die „Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt - mit allen serbischen „Vor-gartenzwergen",darunterderselbsternannte Präsident der Krajina, Milan Babic, gesprochen habe, anstatt den Letztverantwortlichen, Slobodan Milosevic, gehörig unter Druck zu setzen. Babic hat sich der Stationierung von UNO-Truppen widersetzt. Sein „Regierungschef Milan Paspalj erklärte im Belgrader Femsehen, er habe vom UNO-Vizegeneralsekretär Mar-rack Goulding die Zusicherung erhalten, daß der „Friedensplan noch in unserem Sinne ergänzt wird". Was darunter zu verstehen sei, darüber wird in Kroatien und in Serbien gerätselt.

Die einzige kritische Tageszeitung Belgrads, die „Borba", hält das Babic-Lager für größer als offiziell eingestanden. Wäre Babic" politisch isoliert, hätte Milosevic" ein leichtes Spiel gehabt, ihn erst gar nicht nach Belgrad zurSerbenkonferenzeinzuladen. Doch wie mehrere Zeitungen schon vor Tagen feststellten, versucht die serbische Opposition aus der Stationierung von Blauhelmen für sich Kapital zu schlagen, da sie die derzeitige Schwäche Milosevic erkannt hat. Milosevic war es, der die Serben außerhalb der Mutterrepublik zum bewaffneten Kampf aufstachelte, „um nun die Krajina fallenzulassen", wie es der Belgrader Abgeordnete, kritische Intellektuelle und Pazifist Djindjic" ausdrückte. Er suchte vor kurzem die nähe zu Babid, in einer gemeinsamen Erklärung zwischen der „Demokratischen Partei" und der „Regierung der Krajina" sagten sich beide Seiten Unterstützung zu.

Die Belgrader Wochenschrift „Vreme", Sprachrohr der Belgrader Anti-Kriegsbewegung, protestierte gegen ein Bündnis der Opposition mit militanten Rechten mit dem Ziel, Milosevic zu stürzen. Djindjic äußerte sich zu den Vorwürfen bisher ebensowenig wie Vuk Draskovic", Führer der „Serbischen Erneuerungsbewegung". Dieser setzt überhaupt auf eine weitere Aufteilung Jugoslawiens nach Ethnien: Die kroatische Krajina solle der bosnischen zugeschlagen werden, dafür sollte Kroatien ein ebenso großes Territorium in der West-Herzegowina erhalten.

Diese unausgegorenen Vorschläge und der lange Schwanz von neuen, gigantischen Problemen, der daran hängt, ist es, der die Kroaten - trotz völkerrechtlichen Anerkennung - nicht optimistisch stimmt. „Wir fühlen uns zwar besser", so ein Zagreber politischer Beobachter zur FURCHE, „aber die Anerkennung hat unser Problem mit der Armee noch nicht gelöst." Den Kroaten geht es jetzt darum, zurückzuerhalten, was in der Hand serbischer Freischärler ist. Der Pro-vinzial der Franziskaner in Zagreb, Mirko Matausic, nennt Flüchtlingshilfe an erster Stelle der für Kroatien wichtigen Probleme; danach die Erhaltung des Friedens, um die Güterproduktion zu gewährleisten, die Ankurbelung des Wirtschaftsprozesses und auch die Konsolidierung und Stärkung des kroatischen Heeres. Ganz wichtig ist für ihn die Integrität Kroatiens innerhalb seiner anerkannten Grenzen, was für ihn im Klartext Zurückerhaltung der besetzten Gebiete bedeutet.

Kroatiens Präsident Franjo Tudj-man erklärte vor kurzem bei einer Pressekonferenz, daß er für den Van-ce-Plan einer friedlichen Lösung sei, aber auch vor militärischen Mitteln nicht zurückschrecken werde, wenn nichts anderes übrigbleibe, die besetzten Gebiete zurückzuerhalten. Eine Zurückeroberung sei möglich, wie das Beispiel Westslawonien zeige.

Eine Rückkehr der Hunderttausenden Flüchtlinge aus dem In- und Ausland in ihre angestammte Heimat in Slawonien oder in die Krajina sei momentan nicht möglich, sagt Matausic. Die Caritas hat für jene Binnenflüchtlinge, die bei Familien wohnen, einen Essens- und Kleidungsdienst eingerichtet; die anderen werden in den Hotels versorgt, die der Staat requiriert hat. Eine Priesterriege in Kroatien hat sich bereiterklärt, jene Menschen zu betreuen, die zurückkehren, und - wenn möglich - in den zerstörten Dörfern neue Gemeinschaften aufzubauen zu helfen. Wenn der Vance-Plan scheitert - so Matausic -dann bedeute das Krieg. „Die Milizen der Krajina und Einheiten der jugoslawischen Armee halten vitale Gebiete Kroatiens in ihren Händen - beispielsweise die Verbindungsstraße Zagreb-Split." Diesen Zustand könne Kroatien so nicht hinnehmen.

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