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Kriegskind - fürs Leben gezeichnet

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Unter dem Trauma der Gewalt leiden oft noch die Kinder der Kinder

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Unter dem Trauma der Gewalt leiden oft noch die Kinder der Kinder

Haß, Intoleranz und andere inhumane Verhaltensweisen

sind oft „nur" Spätfolge dessen, was Erwachsenen in ihrer eigenen Kindheit im Krieg, vom Krieg, angetan wurde.

„Jeder ist für alles vor allen verantwortlich." Dieser alle Grenzen und Vorurteile sprengende Satz aus „Die Brüder Karamasow" von Dostojewski ist in den grauen Beton der Eingangshalle des internationalen Rotkreuz- und Rot ha 1 bmond -museums gemeißelt, das ein Besucher im Gästebuch als „das wichtigste Museum der Welt" bezeichnet. Das Motto spiegelt die hohe

ethische und dabei schlichte Forderung, die das Rote Kreuz an sich und andere stellt.

Zur Zeit dokumentiert eine Foto-Ausstellung mit über hundert Aufnahmen das Thema „Kinder im Krieg" für den Zeitraum von 1900 bis heute. Da in der Kindheit die gesamte menschliche Gesellschaft einen gemeinsamen Nenner hat, wird die Verantwortlichkeit „jeder für alles vor allen" hier besonders deutlich. Das Wortpaar Kinder und Krieg stellt ein schreckliches Paradox dar, das nur zu oft aus dem Bewußtsein scheinbar friedlicher Alltäglichkeit verdrängt wird: Zärtlichkeit, Liebe, Hoffnungsträger für die Zukunft - vor dem blinden Grauen unbarmherziger, gnadenloser Zerstörung.

Die Bilder vom Ersten Weltkrieg, vom Spanischen Bürgerkrieg, vom japanischen Mandschurei-Feldzug, aus Auschwitz, vom Suez-Krieg, aus Vietnam oder Afghanistan berichten, um nur einige Orte kriegerischer Zerstörungen zu nennen, vom ohnmächtigen Leiden der Opfer. Vielleicht verbindet sie auch die Frage, warum die Menschheit bis heute ihre Geschichtsbücher so stolz mit Berichten von großen Schlachten füllt.

Vier Flüchtlingskinder sitzen durch das Schicksal zusammengewürfelt während des Ersten Weltkrieges irgendwo in Frankreich in einem Wartesaal, in Erwartung einer ungewissen Zukunft, die sie allzu rasch erwachsen sehen wird. Ein Waisenkind spielt, ganz allein auf der Welt, im Spanischen Bürgerkrieg mit Patronenhülsen. Der Schrei des verwundeten Dreijährigen im Mandschurei-Krieg vermittelt schreckliche Schmerzen, im Hintergrund steht die verzweifelte Wut und Angst der hilflosen Mutter. Die Fotografie des kleinen jüdischen Jungen, der bei Vertreibung seiner Familie aus dem Ghetto in Warschau die Hände hebt, ist um die Welt gegangen. Die Bilder vom kleinen Knaben in einer zerbombten Stadt in den fünfziger Jahren in Korea, der weinende Vater an der Bahre seiner toten Tochter in Suez, sie alle prägen sich ein.

In Vietnam gibt ein amerikanischer Sergeant einem „verdächtigen" Kind, dessen Augen verbunden sind, ein Bonbon. Eine Mutter schwimmt mit ihren vier Kindern über einen Fluß hinaus aus Südvietnam. Als symbolisierten sie die Schutzbedürftigkeit aller schutzlosen Kinder im Krieg, hat sich eine Mutter mit ihrem Kind irgendwo in Vietnam wie in einem Nest, in ein Erdloch verkrochen. Doch der amerikanische Soldat hat sie trotzdem gefunden. Ein Blick in den Spiegel zeigt einem Jungen in Kabul, wie er mit Beinprothese aussieht. Das elternlose Kleinkind aus dem Bürgerkrieg in Kambodscha brüllt seine Verzweiflung hinaus. Anklage an alle.

Nicht, daß es an Versuchen gefehlt hätte, das Los der Kinder angesichts nicht endenwollender kriegerischer Auseinandersetzungen zu verbessern. An einer Wand des Ausstellungsraums werden alle wichtigen Texte gezeigt, über die die internationale Gemeinschaft sich seit 1900 zum Thema Kind geeinigt hat.

Da ist die erste Erklärung der Rechte des Kindes von 1924. Darin heißt es, daß Kindern, ungeachtet ihrer Rasse oder Nationalität, besondere Pflege und Schutz zu gewähren sei.

Die Zusatzprotokolle der Genfer Abkommen von 1949 sollen Kinder davor schützen, schuldlos, freiwillig oder manipuliert, zum Spielball blutiger Auseinandersetzungen zu werden.

1974 nahm die Generalversammlung der UNO die Erklärung über den Schutz von Frauen und Kindern in Notlagen und in bewaffneten Konflikten an. In dieser Erklärung werden Angriffe und Bombardierungen gegen die Zivilbevölkerung verurteilt und Verfolgungen, Inhaftierungen, Folterungen sowie alle Formen erniedrigender Behandlungen untersagt.

Das zweite Zusatzprotokoll von 1977, das unter anderem Kinder unter fünfzehn Jahren vor einem Einsatz in Bürgerkriegen bewahren soll, wurde bisher nur von 88 der 159 UNO-Mitgliedsstaaten ratifiziert. Gezeigt wird auch das neue Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes von 1989.

Wie wenig diese Erklärungen in der Praxis bedeuten - davon legen die Bilder dieser Ausstellung erschütterndes Zeugnis ab. Und bis jetzt noch zurückgehaltene Bilder aus dem Irak-Krieg werden es erneut bestätigen.

Bis 1945 waren die Opfer des Krieges meist Soldaten. In den 150 Kriegen, die seither stattgefunden haben, stammten 80 Prozent der 20 Millionen Toten und der 60 Millionen Verwundeten aus der Zivilbevölkerung/die meisten waren Frauen und Kinder. Die genaue Zahl der getöteten, verlassenen Kinder, die zu Waisen und auch zu Geiseln wurden, läßt sich nicht feststellen. Man schätzt, daß allein in Afrika sieben Millionen in Flüchtlingslagern unter schwersten und ungünstigsten Lebenschancen und Bedingungen aufwachsen. Aber Kinder

werden auch als Soldaten eingesetzt, nach Schätzungen der UNO waren es 1989 bis zu 200.000, die gezwungen wurden, zu töten, oder als menschliche Testwerkzeuge über Minenfelder rennen mußten.

„Terre des Hommes" weist auf Untersuchungen zahlreicher Forscher hin, die zeigen, daß, unabhängig von der Altersstufe, Krieg einen erheblichen Risikofaktor für die affektive Entwicklung des Kindes darstellt. Die Symptome umfassen den ganzen Bereich seelischer Störungen des Kindesalters: Verhaltensstörungen, Schlafstörungen, Bettnässen, Lernschwierigkeiten, Angstzustände. Sie können bis zu psychotischen Ausbrüchen gehen. Wenn die Störungen nach einem längeren Zeitraum nicht abklingen, stellen sie eine ernste Gefahr für die spätere seelische Gesundheit dar.

Dabei spielen Faktoren wie die Dauer des Konfliktes, der Verlust von Familienmitgliedern, die Zerstörung des Zuhauses, aber auch traumatische Reaktionen von Bezugspersonen, eine wichtige Rolle.

Untersuchungen aus dem Libanon zeigen, daß nahezu alle Kinder im Schulalter, die in Ost-Beirut leben, Verhaltensstörungen aufweisen. Inzwischen erwachsene Kinder jüdischer Eltern, die den Schrek-ken der Konzentrationslager ausgesetzt waren, leiden häufig an psychosozialen Störungen.

Diese Traumen stehen in einem engen Zusammenhang mit der Dauer, während der sich ein Kind im Kampfgebiet befunden hat. Mit der Zunahme von Angriffen auf die Zivilbevölkerung, oft als „Konflikte von geringer Intensität" bezeichnet, hat die Häufigkeit solcher Traumatisierungen zugenommen. Kinder entwickeln verschiedene Strategien, um sich seelisch zu schützen.

So wurde bei palästinensischen Kindern der Intifada beobachtet, daßsiedie Welt in „gut" und „böse" einteilten. Nach dieser Ideologisierung war in ihren Augen für die eine Seite alles erlaubt, während die „Feinde" zu „Teufeln" wurden, die es zu eliminieren galt. Daß solche Betrachtungsweisen schon bei sehr kleinen Kindern vorhanden sein können, hat ein spanischer Forscher gezeigt, der Kinder der Contras in Honduras untersuchte. Beängstigende Perspektiven, wenn man bedenkt, mit welchen belastenden Vorstellungen solche „Kinder des Krieges" anders denkenden Menschen oder Kulturen begegnen werden.

Die mit Unterstützung der UNICEF durchgeführte Ausstellung dauert in Genf noch bis zum 1. April. Sie ist als Wanderausstellung konzipiert. Das Material kann beim Museum gemietet werden.

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