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Krise auf französisch

Nach dem 8. Oktober flimmerten Frankreichs Mattscheiben schwach. Ein unbefristeter Generalstreik fast des gesamten Personals — nur die gemäßigte Gewerkschaft FO schloß sich von dieser Aktion aus — zwang die Direktion, den Fernsehzuschauern ein einheitliches Mindestprogramm auf allen drei Kanälen anzubieten. Malaise und Sorge von Technikern, Verwaltungsbeamten und Journalisten des größten Massenmediums des Landes wurden durch die Streikwelle sinnfällig demonstriert. Es ist nicht das erste Mal, daß die französische Rundfunk- und Fernsehanstalt ORTF, die am Ende dieses Jahres ihr Leben aushauchen soll, von einer schweren Krise geschüttelt wird.

Die Bedeutung des Fernsehens kann durch eine einzige Zahl unterstrichen werden. Im Jahre 1950 zahlten 3794 Bürger Gebühren für den Flimmerkasten, 1972 waren es bereits 12,332.000. Der Wert dieses Instruments wurde erstmals im vollen Umfang von General de Gaulle erkannt, der den staatlichen Einfluß auf die Anstalt mit allen Mitteln hütete. Er war nicht bereit, den Leitern des ORTF, die als Direktoren oder Präsidenten die Geschicke des Institutes führten, echte Initiativen einzuräumen. Der Begriff des staatlichen Monopols wurde und wird bis in unsere Tage sorgfältig geschützt. Wohl gab es 1972/73 Überlegungen, neben dem staatlichen ORTF auch ein privates Fernsehen zu gestatten, dessen Einnahmen auf Werbung basieren würden. Der bekannteste Repräsentant dieser Richtung war der Bruder des jetzigen Staatschefs, der auch beim gegenwärtigen Innenminister Poniatowski diesbezüglich auf großes Verständnis stieß. Die Gaullisten und die Linksparteien stemmten sich mit aller Gewalt gegen derartige Projekte und es ist um sie in diesen Monaten denn auch still geworden. Anläßlich der breitangelegten Parlamentsdebatte im Juli 1974 über die Zukunft des Fernsehens bestätigte Ministerpräsident Chirac, daß von einer Aufgabe dieses Monopols vorläufig nicht die Rede sein könne. Aus seinen Worten konnte der Beobachter jedoch ablesen, daß Ideen über ein privates Programm wieder aus den Schubladen geholt werden würden, falls das Reformwerk von 1974 keine Erfolge auf weisen kann und in den neuen Anstalten die gleichen Krisenerscheinungen auftauchen wie im hingerichteten ORTF.

Nur ein Chef des ORTF versuchte die Ketten, die ihn an die Regierung banden, zu sprengen und die politischen Einflüsse zu eliminieren. Es war dies der profilierte, früher sozialistische, später gaullistische Abgeordnete Arthur Conte, der die Anstalt auf eine Höhe gebracht hatte, wie sie seit seinem Abgang im Oktober 1973 nicht mehr erreicht werden konnte. Generaldirektor Conte hatte am 16. Oktober 1973 die Flucht in die Öffentlichkeit ergriffen und von politischen Interventionen gesprochen, die er nicht mehr dulden könne. Nach einer ebenso dramatischen wie kurzen Krise wurde er nach 16monatiger Tätigkeit entlassen, obwohl sein Vertrag auf drei Jahre befristet gewesen wäre. In einem polemisch gehaltenen Buch hat der frühere Chef des französischen Fernsehens jetzt mit seinen Gegnern und besonders mit dem unerträglichen Statut des ORTF abgerechnet.

Arthur Conte war die zehnte Persönlichkeit, die seit Oktober 1944 die Geschicke des staatlichen Rundfunks, und später des Fernsehens lenkte. Die IV. Republik verheizte deren vier, die V. Republik deren sechs, und wenn man den jetzigen Chef, Marceau Long, hinzuzählt, sind es sogar schon elf. Alle genannten Herren wurden zur Demission gezwungen und konnten ihr Mandat nicht zu Ende führen. Die Kompetenz der Leiter des ORTF Wurde oft angezwei- felt, sowohl vom eigenen Personal wie von der öffentlichen Meinung. Es handelte sich ^lten um Fachleute aus dem audiovisuellen Sektor, sondern um Männer, die in erster Linie dem jeweiligen Regime ergeben waren. So finden wir in dieser illustren Reihe zwei Botschafter, einen Finanzinspektor und einen leitenden Staatsanwalt. Sie wurden unter dem Vorwand in den Vordergrund gerückt, sie besäßen vorzügliche Verwaltungsqualitäten. Auch dem gegenwärtigen Inhaber des Amtes kann die Eigenschaft eines guten Administrators nicht abgesptochen werden. Das Überwiegen von Absolventen der staatlichen Verwaltungsakademie ENA in fast allen leitenden Positionen fällt auf. Wer die internen Verhältnisse des französischen Staates näher studiert, kann feststellen, daß die Diplomierten der hohen Schulen einen spezifischen Korpsgeist entwickeln.

Durch diese Gegensätze zwischen dem gehobenen Beamtenapparat und den Fachleuten kam es zu den verschiedensten größeren und kleineren Krisen. Im Mai, Juni 1968 schloß sich die Mehrheit des Personals, und vor allem der politischen Journalisten, der Streikwelle an und der Bildschirm blieb tage-, ja wochenlang leer. Viele Kommentatoren fielen einer späteren Säuberung zum Opfer und mancher konnte sich bis zum heutigen Tag in seinem Beruf als Journalist nicht wieder reklassieren.

Im Jahre 1972 verzeichnete die Chronik eine weitere peinliche Spannung im ORTF. Der Zentrumssenator Andrė Diligent (in den Senatswahlen vom September 1974 ge schlagen), Berichterstatter für Angelegenheiten des ORTF in der Zweiten Kammer, hatte auf Grund umfangreicher Nachforschungen skandalöse Schleichwerbungen entdeckt. In gewisse Reportagen, hauptsächlich sportlicher Natur, aber selbst ln kulturelle Sendungen wurde Werbematerial eingeblendet. Dies geschah so geschickt, daß selbst erfahrene Experten monatelang diesen Betrug nicht in seinem vollen Umfang erkannten. Es stellte sich heraus, daß einzelne Produzenten und Sachbearbeiter von bestimmten Firmen regelrecht bestochen worden waren, um die Werbesuggestivwirkung des Bildes auf die Massen der Zuschauer zu akzentuieren. Der Politiker Arthur Conte wurde nach Auffliegen dieses Vorfalls beauftragt, ein Reformwerk in die Wege zu leiten, und er hat sich dieser Aufgabe mit beachtlichem Geschick entledigt. Seine Kritiker kreiden ihm an, daß er seine Position überschätzt, sich selbst durch das Fernsehen ein Image geschaffen und sich zumindest dem Ministerpräsidenten machtmäßig ebenbürtig gefühlt habe. Leicht ironisch wurde er daher in Fach- und Regierungskreisen als ,König Arthur von Frankreich” apostrophiert. Sein Nachfolger, ein aalglatter, diplomatisch wirkender Beamter, hat die Konflikte mit der Regierung umschifft, aber auch er konnte dieses Monsterunternehmen mit 16.000 Angestellten und Arbeitern — mit den freien Mitarbeitern steigt die Gesamtzahl aller beim ORTF ständig oder zeitweise Beschäftigten auf 30.000 — nicht vollkommen beherrschen. Die Intrigenwirtschaft, der Kampf verschiede- der Clans im Innern des Hauses und eine oft archaische Geschäftsführung waren ganz einfach nicht zu dominieren. Manche wahre Anekdote erzählt davon, wie durch den Mangel an Koordinierung verschiedener konkurrierender Dienststellen oft beachtliche Summen verschleudert wurden.

Staatspräsident Pompidou hatte die Politik seines Vorgängers folgerichtig fortgesetzt und sein Geist schwebte, wenn man diesen Vergleich benutzen kann, über dem Rundgebäude des ORTF am Quai Kennedy. Giscard d’Estaing vermied im Wahlkampf, sich über die Zukunft des Fernsehens eingehender zu äußern. Doch versprach er, das Programm durch gezielte Reformen zu verbessern und die Gefahr allzu häufiger Streiks zu bannen. Auch der neue Staatschef ist sich der Wichtigkeit dieser Waffe voll bewußt und glaubt, mit der Dezentralisierung das Ei des Kolumbus gefunden zu haben. Das ehemalige ORTF-Statut vom Juni 1964, das im Juli 1972 weitgehend verbessert und ergänzt wurde, hat die Kammer auf Empfehlung der Regierung hin über Bord geworfen. Eine Reihe autonomer Gesellschaften ersetzen nach dem Jänner 1975 die ehrwürdige Anstalt ORTF. Kritiker dieses Projekts warnen vor einem absoluten Mangel an Koordination.

Das Gesetz vom Juli 1974 lehnt sich wesentlich an einen Bericht an, der von einer Parlamentskommission unter dem Vorsitz des Abgeordneten Lucien Payė ausgearbeitet wurde. Dieser Rapport, Juni 1970 publiziert, kann als Charta des französischen Fernsehens betrachtet werden. Auch Payė spricht sich für eine Dezentralisierung der Strukturen aus, will jedoch eine Holdinggesellschaft beibehalten, die eine Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Programmen sichern würde. Doch auf diese Empfehlung verzichtete die Regierung Chirac. Das schwierigste Problem, das die eingeleiteten Reformen mit sich bringen, ist die Zukunft des Personals. Die Überzahl von Angestellten soll beseitigt werden. 500 Personen, darunter 20 leitende, werden in ihre ehemaligen Verwaltungsstellen zurückbeordert. Sämtliche Beamte über 60 Jahren erhalten ein spezielles Statut und können die Frühpension anstreben. Für Journalisten und Musiker wird dieses Alterslimit auf 55 Jahre gesenkt. Die Gewerkschaften haben sich entschieden gegen eine Verringerung des Personals ausgesprochen und akzeptieren auch vorzeitige Pensionierung und willkürliche Versetzung nicht. 80 Prozent der Angestellten gehören den beiden großen Gewerkschaftsorganisationen CGT und CFDT an, die sich zu einem Aktionskomitee zusammengeschlossen haben. Die Regierung ist sich der Gefahr dieses Konfliktes durchaus bewußt. Was geschieht, wenn die Mehrheit des Personals die Radio- und Filmsendestationen besetzt und nach eigenem Gutdünken Bilder ausstrahlt, die subversiver Natur sind?’

Dėr Normalkonsument wünscht von diesen Konflikten unberührt zu bleiben und sein tägliches Söll an Bildern zu erhalten. Ihn interessiert nur eines: wird das Programm der dezentralisierten Kanäle besser sein, als jene Sendungen, die Präsident Marceau Long auf die oft geduldigen Zuschauer herabrieseln läßt?

Die Generaldirektoren der nun autonomen Anstalten können im wesentlichen als audiovisuelle Fachleute angesprochen werden. Das Institut für .schwere” Produktionen, in dem Fernsehfilme produziert werden, vertraute man einem anerkannten Experten der Filmindustrie an. Damit erhofft sich die Regierung einen Abbau der Gegensätze zwischen Fernsehen- und Filmindustrie, da die letztere nur zu oft über Verletzungen des Abkommens ORTF-Filmwirt- schaft klagte. Die französischen Kenner der Materie vertreten die Ansicht, daß die Sendungen des ORTF, international gesehen, einem guten Niveau entsprechen, zwar schwächer seien als jene der USA und der Bundesrepublik, aber die Produktionen Großbritanniens, der nordischen Staaten und der Beneluxländer überträfen.

Es ist überaus schwierig, den Propheten spielen zu wollen und die Reform des Juli 1974 in ihren Auswirkungen richtig abzuschätzen. Eine Maßnahme scheint die Initiative der neuen Generaldirektoren einzuschränken: das jährliche Budget für jedes Programm hängt von einer Kommission ab, die auf Grund gewisser Kriterien — statistisch ermittelte Zuschauerzahlen bei gewissen Sendungen — die zur Verfügung gestellten Summen um 10 Prozent erhöhen oder kürzen kann. Damit hängt die Programmgestaltung wesentlich von einem Gremium staatlicher Finanzverwalter ab, die nicht imstande sind, den inneren Wert der Programme zu erkennen.

Die Opposition hat zwar mächtig über die Zerstörung des ORTF gelästert, aber man wird in den Erklärungen der Sozialisten und Kommunisten vergebens neue Aspekte oder Lösungen suchen. Es soll alles beim Alten bleiben, lautet die Alternative der linken Union, die Büros der ORTF würden demnach auch weiterhin mit Schmarotzern überfüllt sein und das Statut bliebe zur Gänze erhalten. Wie immer man die Neugestaltung des Fernsehens ansieht — Regierung, Parlament, politische Parteien und öffentliche Meinung werden die politischen Aspekte wohl erkennen, aber die Schlacht nach dem 31. Dezember 1974 wird ohne Zweifel an der Programmfront geschlagen werden.

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