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Krise hausgemacht

Ausländer, die zu den Feiertagen die Wiener Staatsoper besuchten, schwärmten. Placido Domingo als Dirigent der „Fledermaus“ , Domingo mit Mirella Freni in einer „Boheme“ -Serie, Sänger wie Peter Dvorsky in der glanzvoll besetzten „Rusalka“ . Festtage für Opernfreunde, das Publikum atmet auf.

Denn die vergangenen Monate waren an der Staatsoper alles andere als festlich gewesen: Wiederaufnahmen von „Aida“ und „Boris Godunow“ waren gefallen,

kaum ein Sängerstar zog durchs Haus am Ring, die großen Werke fehlten. Und die extrem teuren Karten verkauften sich schlecht-trister Opernalltag. Staatsoperndirektor Claus Helmut Drese zog auf Sponsorenfang aus, ging „mit dem Hut in der Hand“ durch das Land. Und stimmte sein klagendes Lied von den „Sparzeiten“ an, während Kritiker über den „lahmgelegten Betrieb“ ätzten.

Schaut man allerdings auf die „Konkurrenten“ der Wiener Staatsoper, also vor allem auf die Mailänder Scala und auf die Londoner Covent Garden Opera, die unablässig die große Show ankündigen — der Betrieb an der Pariser Oper scheint bereits paralysiert —, kommen wir gar nicht so schlecht weg. Die Covent Garden Opera spielt zwischen 23. November und Ende Jänner, also an siebzig Tagen, bloß zwanzig Opernabende, sechsmal „Tosca“ , zweimal „Entführung aus dem Serail“ , sechsmal „Liebestrank“ und sechsmal „Italienerin in Algier“ , sonst vorwiegend Ballett. Das kommt am billigsten und hält das vom Bankrott bedrohte Haus am ehesten über Wasser.

Auch die Mailänder Scala verwöhnt ihr Publikum nicht: Von der Eröffnung am 7. Dezember bis Ende Jänner ist die „Don Giovan-ni“ -Serie so ziemlich der einzige Trumpf. Wobei „Giovanni“ -Re-gisseur Giorgio Strehler klagte:

„Operntheater ist heute eine mahlende Maschine, die uns kaum Zeit und schon gar nicht die Möglichkeit gibt, Erarbeitetes in Frage zu stellen. Kritische Arbeit, wie Sänger sie brauchen, die keine guten Schauspieler sind, ist da nicht mehr möglich.“

Wer Dreses Spar-Periode verfolgt und seine Inszenierung von Glucks „Iphigenie in Aulis“ gesehen hatte, fragte sich aber bei allem Verständnis für Budgetknappheit und Zwänge des Betriebs, ob es nicht vernünftiger gewesen wäre, statt dieser Prunk-„Iphigenie“ , die sich miserabel verkauft, Verdis „Troubadour“ neu herauszubringen, der im Repertoire als bereits Jahrzehnte al-

te „Ruine“ figuriert?

Dabei hatte Drese Glück im Unglück. „Die Bundestheater sollen bei meinem Abgang kein Minus aufweisen“ , fand Robert Jung-bluth, der ins Theater in der Josefstadt übergewechselte Generalsekretär der Bundestheater, und handelte mit dem Finanzministerium eine Begleichung aller Schulden aus - 28 Millionen Schilling Schulden der Staatsoper wurden bedeckt, Drese ist für 1988 unbelastet. Ob das von langer Dauer sein wird?

Neue Belastungen zeichnen sich ab. Das in der Miete sündteure Künstlerhaus-Theater, das kaum Ertrag bringt, wird im Jänner die Oper „akob Lenz“ von Wolfgang

Rihm zeigen. Diese Premiere ist im Staatsopernbudget überhaupt nicht einkalkuliert. Und die nächsten Premieren im großen Haus kosten enorm viel: die kostspielige Rossini-Oper „II Viaggio a Reims“ unter Claudio Abbado und Luca Ronconi wie „Die Zauberflöte“ unter Nikolaus Harnon-court und Otto Schenk, Claude Debussys „Pelleas und Melisan-de“ mit Abbado und Antoine Vi-tez wie Peter I. Tschaikowskis „Eugen Onegin“ , für den noch mit dem Chor um veränderte Probenbedingungen gerauft wird.

Brüssels Opernintendant Gerard Mortier scheint doch rechtzuhaben, wenn er den Opernhäusern „endzeitliche Verfallserscheinungen“ vorwirft. Mortier attackiert die Schamlosigkeit, mit der Sänger der Mittelklasse einander in ihren Gagenforderungen überbieten, wobei die Direktoren noch mitspielen. Er empört sich darüber, daß Regisseure nicht nur astronomische Gagen kassieren, sondern sich auch kaum an kalkulierte Kosten vor anschlage halten. Und daß auch die gewerkschaftlichen Abgeltungs- und Zulagenforderungen in vielen Bereichen den Plafond erreicht haben.

Legt sich da nicht die Schlußfolgerung nahe, daß die „Krise der Oper“ hausgemacht und vorprogrammiert ist und daß es sogar an abgesicherten Häusern wie der Wiener Staatsoper nur eine Frage der Zeit sein kann, wann sie in ein totales Finanzdebakel schlittert? Radikales Umdenken tut not, ein Umdenken, das Spielplan wie Ensemblekonzeption, Inszenierungskonzepte wie Stargästepolitik betrifft. Eine Zukunft, für die manche eher schwarz sehen, hat schon begonnen - viele wissen es nur noch nicht.

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