6994468-1987_04_13.jpg
Digital In Arbeit

Krisenfeuerwehr

Wenn es in der Ehe oder innerhalb der Familie kriselt, meinen die meisten, sie müßten selbst mit den Problemen fertig werden. „Wie kann uns jemand helfen, der uns nicht kennt“, sagen sich die Betroffenen und haben große Scheu davor, ihre Sorgen an einen Ehe- und Familienberater heranzutragen.

Oft mischen sich Familienangehörige oder Freunde ein, weil sie helfen möchten. So kommt es häufig zu den widersprüchlichsten Ratschlägen, was die Konfliktpartner meist noch mehr verunsichert. „Zu viele Köche ver-

derben den Brei“, gilt auch in diesem Fall, wo es darum geht, daß die Partner ihr eigenes Konzept finden müssen, nach dem sie sich einigen können.

Wenden sich nun Ehepaare mit ihrem Konflikt an einen dafür ausgebildeten Berater, so machen sie zuallererst die positive Erfahrung, daß dieser sie so annimmt, wie sie momentan sind. Er hört ihre Probleme an, ohne zu werten und zu urteilen. Er wird sich hüten, Patentrezepte zu geben, wie der Konflikt zu beheben sei.

Die Aufarbeitung ihrer Probleme bleibt den jeweiligen Partnern überlassen. Dazu sind allerdings intensive Gespräche mit dem Berater nötig, die auch schmerzlich sein können, weil viele Verletzungen von früher dabei zur Sprache kommen. Ist doch einer der wichtigsteh Punkte für jede Versöhnung das Verzeihen, das man dem anderen schenkt.

Illusorisch ist es, den Partner ändern zu wollen. Mit viel Offenheit und gutem Willen kann eine Annäherung der beiden erzielt werden. Aber um die Entscheidung, einander grundsätzlich so anzunehmen, wie man ist, werden die beiden nicht herumkommen.

Hiebei müssen Wunschvorstellungen und Ideale, die Ehe betreffend, sowie die Verliebtheit der ersten Zeit durchbesprochen wer-'den. Vieles wird sich als illusorisch erweisen.

Der größte Gewinn für das Paar ist es, wenn es erfährt, daß beide offen miteinander sprechen können, und wenn sie erleben, wieviel es ihnen bringt, wenn sie beim anderen Interesse und Angenommensein spüren, wo früher Machtkampf war, der sie bis an die Grenze der Trennung gebracht hatte.

Der hier geschilderte positive Ausgang einer Beratung kann natürlich keinem Paar garantiert werden. Es gibt Fälle, wo das bessere gegenseitige Kennenlernen während der Beratung zu der Erkenntnis führt, daß man nicht mehr miteinander weiterleben kann und will. Hier wird es nötig sein, trotzdem ein verzeihendes Auseinandergehen zu ermöglichen, um beiden eine Kränkung auf Lebenszeit zu ersparen.

Es ergibt sich nun die Frage: Wann ist der Zeitpunkt gekommen, eine Beratungsstelle aufzusuchen? Denn Probleme gibt es bekanntlich immer und überall.

Grundsätzlich gilt, daß es immer besser ist, zu früh als zu spät eine Beratung in Anspruch zu nehmen.

Viele junge Paare geraten schon in den ersten Ehejahren in eine frustrierende und deprimierende Situation, wenn die erste Verliebtheit schwindet und die Bela-

stung durch Beruf, Alltag und kleine Kinder wie ein Keil in die Beziehung einzudringen beginnt. Dann fangen auch die gegenseitigen Vorwürfe und Verletzungen an, Entfremdung wird spürbar, und der Gedanke an Scheidung taucht auf.

Mit gutem Willen und Offenheit kann hier noch alles zu retten sein. Die Beratung ermöglicht eine Klärung und gestattet, neue Standpunkte und Strategien zu finden.

Auch als Vorbereitung auf eine Ehe wäre es denkbar, eine Beratung in Anspruch zu nehmen. Die Beziehung kann dabei in aller Offenheit geklärt werden. Das würde eine zuverlässigere Basis für die zukünftige Ehe bringen. Bei zu geringer Harmonie kann man sich beizeiten trennen, was viel Leid ersparen hilft.

Wie läuft nun die Beratung in der Praxis ab? Nur in einem Drittel der Fälle suchen beide Partner die Beratungsstelle. Häufiger meldet sich nur ein Ehepartner telefonisch oder persönlich für eine Beratung an. In der überwiegenden Zahl der Fälle sind es die Frauen, die den ersten Schritt wagen.

Im Erstgespräch geht es um die grundsätzliche Problematik und den Wunsch des Ratsuchenden, was er verändern möchte und wie dies geschehen könnte. In den meisten Fällen wird dann versucht, den Ehepartner ins Beratungsgespräch miteinzubeziehen.

Dies sollte möglichst zu Anfang geschehen, damit die Betroffenen eine ausgewogene gemeinsame Gesprächsbasis mit dem Berater aufbauen können. Ist dies nicht möglich, dann ist es auch hilfreich, wenn nur ein Betroffener am Problem arbeitet. Auch wenn nur ein Partner Kraft schöpft und einer Beziehung neue positive Aspekte abgewinnt, kann sich vieles ändern.

Manche Paare ziehen es vor, eine Zeitlang getrennt Gespräche zu führen (meist mit verschiedenen Beratern). Auch dadurch werden tiefere Einblicke in die Problematik gewonnen.

Da Ehe nicht isoliert von der Umwelt gelebt wird, können berufliche Probleme, Wohnungsoder Erziehungspröbleme oder solche mit den Schwiegereltern zu Konflikten in der Partnerschaft

führen. Manchmal ist es dann nötig, auch die Kinder, Schwiegereltern oder andere Personen in das Beratungsgeschehen miteinzubeziehen. All das muß aber auf freiwilliger Basis geschehen.

In manchen Fällen wird sich der Berater für unzuständig erklären. Das ist etwa bei speziellen Rechts-, Sozial- oder medizinischen Problemen der Fall. Hier kann ein entsprechender Konsu-lent empfohlen werden.

Wie viele Beratungen nötig sein werden, steht nicht von vornherein fest. Es wird von den Ratsuchenden und dem Berater gemeinsam entschieden.

Abschließend muß gesagt werden, daß die Beratungen in vollkommener Verschwiegenheit seitens des Beraters stattfinden und daß persönliche Freiheit in größtem Maße gewährleistet ist.

Eheberatung ermöglicht somit, Konflikte möglichst zielführend zu lösen, und sie trägt damit zu positiver Sinnfindung in Partnerschaft und Familie bei.

Die Autorin ist diplomierte Ehe- und Familienberaterin.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau