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Kritisch und am Volk orientiert

Das Selbstverständnis der spanischen Kirche ist in den vergangenen Jahrzehnten durch geschichtliche Ereignisse geprägt: Bürgerkrieg und Zweites Vatikanisches Konzil.

Kulturell gesehen unterbrach der Bürgerkrieg in Spanien einen blühenden Prozeß der Modernisierung. Der intellektuellen Elite, die eine wesentliche Rolle bei der Entstehung der Republik spielte, fehlte ein tiefergehendes Verständnis für die theoretischen Probleme des Christentums. Es gab keine Theologie an den staatlichen Universitäten, und die Kirche, die diesen Intellektuellen begegnete, bot ihnen weder quantitativ noch qualitativ Gesprächspartner, die es ihnen ermöglicht hätten, die Bedeutung des Christentums für ein Land auch jenseits der konkreten Kirche zu würdigen, mit der sie sich Tag für Tag herumschlagen mußten und die vor allem durch die alte Ideologie der Einheit von Thron und Altar, der Untrennbarkeit von Staat und Kirche sowie von der Uberzeugung geprägt war, daß spanische Identität und katholischer Glaube unlösbar seien.

Zwischen 1940 und 1950 strebte die spanische Theologie danach, die eigene große Vergangenheit wiederzugewinnen, von 1950 bis 1960 nahm die Öffnung nach Europa ihren Anfang. Sie wurde konkret sichtbar durch die Präsenz junger spanischer Theologen an den Universitäten Innsbruck, Tübingen und München. Bis dahin hatten fast alle spanischen Priester und Bischöfe ihre theologische Ausbildung in Spanien oder in Rom absolviert, in beiden Fällen fast immer durch Jesuiten.

Das Jahrzehnt von 1960 bis 1970 wurde durch zwei herausragende Charakteristika bestimmt. Das Zweite Vatikanum und die massive Invasion der Ubersetzungen deutscher theologischer Werke.

Die spanische Theologie erlebte das Konzil als etwas Unvorhergesehenes und seine Grundoptionen als Bruch mit ihren bisherigen fundamentalen Einsichten und ihrer gesellschaftlich-politischen Verwurzelung. Den Gläubigen erschien das Fehlen qualifizierter und an den Entscheidungen maßgeblich beteiligter spanischer Bischöfe in den Konzilkommissionen als Disqualifizierung und als nationaler Mißerfolg. Die Texte des Konzils stießen nicht auf ein intellektuell dafür vorbereitetes, sondern vielmehr auf ein in genau gegenläufigen Sinn bestelltes Feld. Deshalb wurden sie weniger auf Grund einer theoretischen Reflexion angenommen, denn aus Zustimmung und Gehorsam gegenüber der höchsten kirchlichen Autorität.

Erst in einem zweiten Schritt machte man sich an die große und schwere Aufgabe, nach der logischen und theologischen Ubereinstimmung vieler Konzilsaussagen mit dem zu fragen, was Glaube und Theologie in Spanien in der Zeit zuvor mit Nachdruck vertreten hatten. Themen wie Religionsfreiheit, Kollegialität, Pluralismus, Dialog mit anderen Religionen und Kirchen erschütterten das spanische Bewußtsein.

Schließlich waren das nicht nur religiöse Aussagen mit Bedeutung für die Gläubigen, sondern Aussagen mit grundlegenden geschichtlich-politischen Rückwirkungen. Die Konzilskonstitutionen über die Liturgie und die Erklärung über die Religionsfreiheit mußten in einem Land, in dem es keine Vereinigungsfreiheit und keine (politische) Teilnahme in den verschiedenen Lebensbereichen gab, subversiv wirken.

Als die Euphorie vorüber war, blieb ein kritisches Denken zurück und eine Theologie, die sich statt auf theoretische Konstruktionen auf die Analyse der konkreten Wirklichkeit verlegte. Ergebnis dieser neuen Situation war der Ubergang von einer Universitätstheologie, die im Schoß der europäischen theologischen Fakultäten entstanden war.

zu einer Theologie, die sich aus dem Handeln von Männern und Frauen entwickelte, die sich in der Dritten Welt leidenschaftlich für Freiheit und Gerechtigkeit für die unterdrückten Völker einsetzten, einer Theologie, die die Weltwirtschaftsordnung und den Rüstungswettlauf als unmenschlich, unchristlich und als Ursache für die Situation der ärmsten Länder anklagte.

Nachdem die spanische Theologie bis dahin im Bann der einflußreichen Universitätstheologie West- und Mitteleuropas gestanden hatte, geriet sie jetzt unter den Einfluß der lateinamerikanischen Theologie der Befreiung. Die Faszination und der Anpassungsdruck, die in Spanien bis heute von Namen wie Gustavo Gutier-rez, Leonardo Boff, Jon Sobrino und anderen ausgehen, haben nicht nur theoretische, sondern ebenso historische und psychologische Ursachen.

Vier wichtige Tendenzen prägen gegenwärtig das theologische Panorama Spaniens. Mangels Theologischer Fakultäten an den staatlichen Universitäten ist ein erster Typ, die Universitätstheologie im eigentlichen Sinne, kaum vertreten.

Einen zweiten Strang bildet die im engeren Sinne kirchenbezogene Theologie. Darunter ist jene Theologie zu verstehen, die an kirchlichen theologischen Ausbildungsstätten, seien sie universitärer oder nichtuniversitärer Art, betrieben wird. Ihr Hauptziel ist die theoretische Ausbildung der Priester, Ordensleute oder Katecheten und erst in zweiter Linie bemüht sie sich auch um den Dialog von Glaube und Kultur...

Als dritter Typus wäre eine kritische, am Volk orientierte Theologie zu nennen, die in Verbindung mit den kirchlichen Erfahrungen in den neuen Basisgemeinschaften betrieben wird. Fast immer ist mit dieser Tendenz eine politische Option für die Linke verbunden, ebenso die Ablehnung sowohl der Theologie, die den Verlautbarungen des Lehramtes zugrunde liegt, wie auch der herkömmlichen kirchlichen Strukturen.

Schließlich gibt es als viertes die sogenannte wissenschaftlichkritische Theologie, die letztlich eine Umwandlung der Theologie in Philosophie fordert und Religion und Christentum unabhängig zu ihrer normativen Bezeugung durch das Neue Testament und seine verbindliche Interpretation in der Kirche zu erfassen beansprucht. Gegenwärtig besteht ein deutliches Gefälle hin zu einer praktisch-politischen Theologie.

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