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Künstler kontra Macher-Allmacht ?

Treffsicher oder nicht, auch heute gibt es sie noch, die Propheten, die den Weltuntergang, oder jedenfalls den Untergang dessen, was unser Leben lebenswert macht, vorhersagen - die nahende Jahrtausendwende bietet sich dazu förmlich an.

Die wenigsten glauben an die Vernichtung der Erde als Gesamtheit. Aber die Zukunftsvisionen sind schrecklich genug: Werke, die eine Welt der totalen

Entmenschlichung, ein Dasein ohne jede Menschenwürde beschreiben, sind als Warnung zu verstehen, es nicht so weit kommen zu lassen.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätten George Orwell und Aldous Huxley übertrieben. Weder werden wir per Televisor vom Großen Bruder überwacht, noch erfolgt die Aufzucht des Menschen, gegliedert in Alphas bis Deltas, in chemischen Laboratorien. Doch Huxley wußte sehr wohl, welchen Gefahren es zu begegnen galt, sollte ein Staat wie dieses sein Utopia nicht Wirklichkeit werden. Im Vorwort zu seinem Roman schreibt er: „Je mehr sich politische und wirtschaftliche Freiheit verringern, desto mehr strebt, entschädigungsweise, die sexuelle Freiheit danach, sich zu vergrößern“. Er war sicher, daß der Erfolg eines wirklich leistungsfähigen totalitären Staates nur dann möglich sei, wenn politische Machthaber und Manager Menschen beherrschen, die zu nichts gezwungen werden müssen, weil sie ihre Sklaverei lieben.

Huxley, der 1963 starb, war keineswegs amüsierter Beobachter einer Entwicklung, die ihn nicht mehr betreffen würde. Er verstand sein Buch als Warnung vor einer Welt, in der zwar Not und Krankheiten nicht mehr existieren würden—aber auf Kosten der Humanität.

Viele Probleme entstanden, weil wir verlernt haben, im Einklang mit der Natur zu leben. Der Philosoph Leszek Kolakowski warnt davor, die Natur in eine berechenbare Maschine zu verwandeln. Der Versuch, sie zu bändigen und so zu „humanisieren“, ist seiner Meinung ein verhängnisvoller Irrweg.

Aus der Einsicht, daß Vernunft nicht alle Probleme lösen kann, ist aber eine neue Mythologie entstanden, die die Zerstörung aller Wertsysteme, die sich auf die Vernunft berufen, anstrebt. Sie ist auf ihre Weise genauso zerstörerisch wie die Ideologie, die sie bekämpft. Viele ihrer Exponenten sind Sektierer, die sich in eine neue Innerlichkeit flüchten. Huxley sah nur ein Rezept für die Rettung der Menschheit: die Staatsallmacht sei, meinte er, nur durch eine auf Dezentralisierung und Selbsthüfe gerichtete Bewegung aufzuhalten.

Die Menschheit steht also wieder einmal an einem Wendepunkt. Das Weltbild von der Machbarkeit aller Dinge zerbricht, der unbedingte Fortschrittsglaube erwies sich als Irrtum, eine Rückkehr in die naive Gläubigkeit früherer Zeiten scheint unmöglich.

Der Designer Peter Noever spricht von einer Gesellschaft verängstigter, kritikloser, einfallsloser, geistig verarmter, schöpferisch degenerierter und somit unfreier Staatsbürger, die sich von „Machern“ manipulieren lassen. Macher lassen sich von keinem Wertsystem in ihrem Macht- und Erfolgswillen stoppen. Nie zuvor ist soviel von Mitbestimmung, Kreativität und Freiheit die Rede gewesen, aber wie sieht die Realität aus? Die Medien bestimmen, was Kunst ist, sie vermitteln uns den Eindruck, über alles informiert zu sein, doch die Auseinandersetzung, die direkte Anteilnahme fehlt. Der Mensch nimmt—via TV und Zeitung - am „Leben“ teil, er lebt es nicht.

Eine besonders widerwärtige Spezies geistiger Verarmung ist der sogenannte Zeitgeist. Seinen Mitläufern gilt schon eine entsprechende Aufmachung als Philosophie, Individualisten zählen hier nicht. Uber den Fortbestand der Welt gibt man sich keinen Illusionen hin, aber das Styling soll wenigstens stimmen — als Ersatz dafür, daß man das Gefühl für Stil längst verloren hat.

Der armen Kassandra zu Troja blieb nur Wehklagen, wenn sie wieder einmal recht gehabt hatte. Unsere „Kulturkassandren“ bieten Lösungsvorschläge an, die die Menschheit auf ihrem Weg in den Untergang aufhalten könnten. Sie stimmen mehrheitlich darin überein, daß die Kunst Auslöser für notwendige Änderungen sein müsse.

Künstler treten also sich für potentiell allmächtig haltenden Wissenschaftlern entgegen, gesunder Menschenverstand nimmt den Kampf auf gegen den Mythos des Experten. Schon immer waren es Einzelpersonen oder Minoritäten, welche die Überheblichkeit der Mächtigen aus den Angeln hoben. „Spinner“ — oder Visionäre — haben die Menschheit vorwärtsgebracht. Heute halten sich viele sogenannte Aussteiger für Retter der Menschheit. Können sie diesen Anspruch einlösen? Wenn ihre Ablehnung bestehender Zustände sie zur Flucht in Hoffnungslosigkeit und Verweigerung bestimmt, wohl kaum. Wenn sie beim einzelnen Betroffenheit erzeugen, Solidarität, Mitmenschlichkeit, dann vielleicht. Denn wer, wie so viele heute, geradezu damit kokettiert, nur ein kleines Rädchen im Getriebe zu sein, dokumentiert damit nicht nur einen beachtlichen Mangel an Selbstachtung, sondern auch Ablehnung von Verantwortung. Der Architekt baut dann eben die vom Politiker in Auftrag gegebene Tintenburg, den Wohnklotz oder das Riesenspital, auch wenn sie den Bedürfnissen derer für die sie bestimmt sind, nicht entsprechen. Und der Politiker schließt sich der Meinung fbrtschrittsgläubiger Wissenschaftler an, ohne eventuelle Folgen zu bedenken.

Keiner hat es wirklich bös gemeint, jeder nach bestem Wissen und Gewissen... und wie derartige Formeln sonst noch lauten mögen. Es hat nur keiner auf den fetten Profit verzichten wollen, oder auf die glänzende Karriere.

Doch eine Zukunft ist nur noch vorstellbar mit Staatsbürgern, die, statt das eigene Denken zugunsten einer Ideologie auszuschalten oder an eine Macher-Kaste zu delegieren, die Verantwortung für ihr Schicksal—und damit für das Schicksal aller - selbst zu tragen bereit sind.

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