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Künstler sucht Publikum

Schließen künstlerisches Schaffen und marktgerechte Verwertung einander aus? Welche wirtschaftlichen Impulse geben kulturelle Ereignisse einer Region? Sponsor oder Mäzen? Weniger öffentliche Gelder für die Kultur? - Ein Dossier zu diesen Fragen.

iS unst war und ist imtrennbarer IV Wesenszug jedermenschlichen Kultur. Die Debatte um Notwendigkeit, Zielsetzungen und Modalitäten von Kunstförderung darf daher a priori als bedenkliches Omen für den Zustand der gegenwärtigen Gemeinwesen begriffen werden.

Von ihrer existenziellen Bedingtheit her ist die Kunst eine unersetzliche Waffe im Kampf gegen die Regression, das beständig drohende Abgleiten ins Primitive. Sie wirkt deshalb als Vervollkommnung der

Natur - weit davon entfernt, ihr entgegengesetzt zu sein. Sie ist Mittel der Bindung wie der Rückbindung, der religio: Ausdruck des Individuellen, indem es dieses mit dem Ganzen konfrontiert und dadurch begrenzt; Einheit von Subjekt und Objekt, Freiheit und Gesetz, Trieb und Pflicht, Ich- und Wir-Bewußtsein.

In dieser medialen Funktion ist sie notwendige Grundlage der Selbstgestaltung wie der Kommunikation, Bindeglied zudem zwischen Mensch und Gottheit, willentlichem Handeln und mythischer Schau. Das Artefakt schafft, trägt und relativiert Ideen und Werte, Emotionen und Gedanken; es ist Form- und Sinngebung des Materiellen, Körperhaften.

Jede zur Kultur gebundene Gesellschaft war von dieser Auffassung durchdrungen. Lediglich der sich auf lösende, der dekadente Staat trennt die Materie vom Geistigen und verweist damit den Künstler in Epigonalität oder Abseitigkeit, macht ihn zum Possenreißer oder Eremiten, zum Dekorateur oder - zum legendären „Hungerkünstler“ (sofern er nicht selbst über ökonomische Ressourcen verfügt).

Im griechischen oder hebräischen Altertum gilt der Pyramidenbau jeder Gemeinschaft aus den vier Seiten der Politik, Wissenschaft, Religion und Kunst bestehend. Das Ökonomische könnte gleichsam als Grundfläche und Träger dieser Form betrachtet werden. Die Eliten der mehrtausendjährigen indoeuropäischen Tradition waren aus ihrer organischen Verbindung mit den von ihnen beherrschten Völkern heraus selbstverständliche Förderer der Kunst.

ländliche und städtische Führungsschichten des Mittelalters, der Renaissance und des Barock gaben der Kunstausübung ihrer Zeit, welche auch Volks- und landschaftsgebunden ist, spezifisches Gepräge. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts sah neben der Nachbarschaft von Philosophie und Staatskunst die Verbindung dersich straffenden und lebhafter pulsierenden Territorien zu Malerei, Literatur oder Architektur. Das bedingt freilich die mögliche Opposition von Kunst und Politik. Die Wirkung der deutschen Schaubühne eines Lessing oder Schiller ist nicht zuletzt ihrer ent schiedenen Abrechnung mit dem Potentatentum des zerstückelten Reichs zu verdanken. Damals - ebenso wie im Holland des „Goldenen Zeitalters“ - zeichnet sich eine neue Achse zwischen den Künsten und dem erstarkten Bürgertum ab, welches zu deren wichtigstem ökonomischen Träger heranreifte.

Das 19. und 20. Jahrhundert sieht die Künstler an der Seite der sich ihrer Beschränkungen entledigenden Völker. „Mit dem Volk, nun vorwärts, Dichter / Alle vorwärts bei Feuer und Sturm“ schrieb der ungarische Lyriker Sändor Petöfi (1823-1849). Wie Lord Byron, Joseph von Eichendorff, Heinrich Heine verwirklichte er durch sein dramatisch gestaltetes Leben ein Kunstwerk der Existenz, welches sich in fundamentalerer Weise in der ganzheitlichen Bewegung der Moderne ausformen sollte.

Nationaler Stil, neue Sachlichkeit und Traditionsbewußtsein gin gen an der letzten Jahrhundertwende eine vielversprechende Synthese ein, die auf der Grundlage der Gesamtkunstwerkskonzeption eine durchgehende ästhetische Formierung der Lebenswelt forderte: die Folge war eine Hochblüte realistischer und klassizistischer Kunst, deren sich wiederum öffnende Knospen heute im Rahmen der Postmodeme wachsen - freilich vor allem außerhalb des deutschsprachigen Raumes.

Ein neoklassizistisches Bauwerk, eine proportionsgerechte Plastik, ein realistisches Gemälde oder ein har- monikales musikalisches Werk hatten hierzulande seit der Jahrhundertmitte geringe Chance, gefördert zu werden, es sei denn, wie im Falle der Plastiken Alfred Hrdlickas, wenn es mit ideologischem Schwulst umwoben war. Erst in den letzten Jahren scheint ein partieller Ausbruch aus dieser Entfremdung zu gelingen.

Eines der Hindernisse geht von jener, im Kern notwendigen, jedoch monströs aufgeblähten Gruppe von Kunst-Vermittlem aus, die seit dem 19. Jahrhundert in stetigem und, wie es scheint, unaufhaltsamem Wachstum begriffen ist: Händler, Galeristen, Kritiker, Kunstwissenschaftler, Verleger, Beamte et cetera kontrollieren durch ihr numerisches und politisches Übergewicht weitgehend die Beziehung von Volk und Kunstschaffendem, tragen kunstfremde ideologische Forderungen an diesen heran, engen ihn somit in seiner Kreativität ein und legen ihn weitgehend auf Moden fest.

Zudem ist durch sprachliche Destruktion der konkreten Poesie, Auflösung des Gegenständlichen und des Symbolhaften in der bildenden Kunst, Beseitigung des Harmonikalen in der Musik und einen völligen Niedergang der Baukunst eine tiefgreifende Kluft zwischen Bevölkerung und Künstler entstanden, welche dieser nur durch Liebedienerei bei den Angehörigen der oben angeführten Vermittlerriege überspringen zu können glaubt. Ferner hat die von den beamteten Kunstrichtern zur Direktive erhobene Wahllosigkeit, die völlige Auflösung des Kunstbegriffs, zu einer tiefen Irritation des Publikums, im Grunde zu seiner Knebelung gegenüber den wechselnden geschmäcklerischen Äußerungen selbsternannter Autoritätengeführt.

Das Publikum aus dieser Gängelung zu befreien, ist primäre Aufgabe jeder kulturpolitischen Bemühung. Dies bedeutet zum einen seine Bildung, zum anderen seine Befreiung von dem repressiven Kauderwelsch der - auch in übrigen Bereichen - siehe Ökologie! - zerstörerischen Vormünder. Erst damit vermag der von Liberalen aller Schattierung als Allheilmittel angepriesene Marktmechanismus wirklich selektiv und schöpferisch zu wirken. Dieser Mechanismus trägt ja selbst kein eigenes Wesen, er ist lediglich Austauschbasis. Die zugrundehegenden Wertmaßstäbe müssen außerhalb der ökonomischen Sphäre getroffen werden, wofern das Kunstwerk nicht zum bloßen Anlagekapital herabsinken solL

Zu fordern ist nicht die Kommerzialisierung der Kunst, sondern ihre Demokratisierung. Dies schließt die Unterstützung förderungswürdiger Artefakte durch Privatiers, halböffentliche und öffentliche Institutionen keineswegs aus. Zu fordern ist nicht Beamtenkunst, sondern VolkB- kunst. Zu fordern ist letztlich eine Wiederbestimmung des Kunstbegriffs und damit seine Rückführung auf die überzeitlich gültigen Kategorien des Wahren, Guten undSchö- nen - als innere Voraussetzung der Verständigung von Künstler und Publikum.

Der Autor ist Assistent am Historischen Institut der Universität Graz.

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