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Kultur als christlicher Auftrag heute

„Kultur als christlicher Auftrag" ist heute alles andere eher als selbstverständlich, was immer das Wort „Kultur" auch bedeuten mag. Wir empfinden das, was man gemeinhin das „historische Erbe des Christentums" nennt zuweilen als eine schwere Hypothek, die es so rasch wie möglich abzutragen gilt. Diese weitverbreitete Skepsis gegenüber den kulturschöpferischen Leistungen des Christentums, wie sie uns in unzähligen Zeugnissen der Vergangenheit anschaulich entgegentreten, ist keineswegs nur das Ergebnis massiver Schuldgefühle im Hinblick auf die Geschichte des Christentums, die ja keineswegs nur Heilsgeschichte gewesen ist. Diese Skepsis ist auch Ausdruck der richtigen Einsicht, daß christlicher Glaube und menschliche Kultur letztlich unvergleichbar sind und eben darum vom christlichen Glauben her eine Rückfrage an dessen kulturelle Hervorbringungen fällig ist.

Hätte man von allem Anfang an darauf hingewiesen, daß hier nicht mehr und nicht weniger als der Weltbezug, ja die Weltpotenz des christlichen Glaubens - das Verhältnis zur modernen Welt im Sinne der Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils - zur Debatte steht, wäre mit einem Schlag die aktuelle Brisanz des Generalthemas deutlich geworden.

Wenn die Erörterungen diesmal nur schleppend in Gang kamen und man erst allmählich zum eigentlichen Kern der Sache vorstieß, so lag dies nicht zuletzt am Fehlen einer orientierenden Einführungsvorlesung, deren Funktion es gewesen wäre, das Thema nach seinen verschiedenen Gesichtspunkten zu entfalten oder zumindest doch jene Koordinaten sichtbar zu machen, innerhalb derer es sinnvoll erörtert werden kann.

In dieser Funktion zeigte sich der Kölner Historiker Prof. Peter Berglar sowohl in historischer als auch in theologischer Hinsicht überfordert. Berglars geschichtstheologische Ausführungen zum Thema „Geschichte -Heilsgeschichte" erschöpften sich weitgehend im Bekenntnis seines eigenen, dogmatisch-fundamentalistischen Glaubens.

Geschichte ist für Berglar völlig identisch mit Heilsgeschichte, und zwar nicht nur in einem geheimnisvollen, unserem Erkennen für immer unzugänglichen Sinne, sondern durchaus explizit und konkret.

Zwar bestritt Berglar keineswegs, daß die Identität von Geschichte und Heilsgeschichte jenseits des historisch Wißbaren liegt. Wenn er auch als Christ dem Wort Jakob Burckhardts; wir sind eben nicht eingeweiht in die Zwecke der ewigen Weisheit und kennen sie nicht auf Grund des Offenbarungswissens keineswegs zustimmen könne, so bleibe doch andererseits die Feststellung des jungen Ranke aus dem Jahre 1820 gültig, daß „der Zusammenhang der großen Geschichte wie eine heilige Hieroglyphe" dasteht, die zu enthüllen er sich in jugendlicher Begeisterung vorgenommen hatte. Nach einem langen Leben unvergleichlicher Geschichtsforschung habe Ranke jedoch nicht mehr zu sagen vermocht, als daß über den Ereignissen der Geschichte „zuweilen die Hand Gottes" zu erkennen sei.

Das würde aber bedeuten, daß wir auch als gläubige Christen nicht in der Lage sind, den Gesamtzusammenhang der Weltgeschichte sub specie salutis zu

„Kultur ist das, was die Menschen daran hindert, übereinander herzufallen und schlimmer zu sein, als jedes Tier."_

deuten oder gar die Einzelereignisse der Geschichte zum Heilsgeschehen an den Menschen in einem klaren und erkennbaren Bezug zu setzen. Geschichte wäre demnach nicht in concreto als Heilsge-' schichte erkennbar und alle diesbezüglichen Bemühungen müßten unweigerlich in die Spekulation und schließlich in die Resignation führen.

Die Vorlesung des Regensburger Religionshistorikers und Patristikers Norbert Brox über „Evangelium und Kultur in der Spätantike" brachte dann den eigentlichen Durchbruch. Brox zeichnete ein sehr differenziertes Bild des im Grunde höchst prekären und widerspruchsvollen Verhältnisses zwischen dem jungen Christentum und der spätantiken Kultur, das jenem weitverbreiteten Klischee zuwiderläuft, dem zufolge das Christentum nach der konstantinischen Wende völlig von seiner hellenistischen Umwelt absorbiert worden sei. Geradezu vertraut und zeitgemäß klang, was •Norbert Brox über die ausgeprägte Theologiefeindschaft der frühchristlichen Kirche zu sagen hatte.

Prof. Michael Zöller aus Bayreuth ging davon aus, daß die moderne Kultur letztlich nur durch die Uberzeugung erklärt werden könne, Wissenschaft sei das Mittel schlechthin zur Bewältigung der Realität. Andererseits gerate jedoch diese Kultur unweigerlich in die Krise, sobald die Wissenschaft in Verdacht steht, jene Realitäten, die zu bewältigen sie vorgibt, zum wesentlichen Teil selbst erzeugt zu haben. Offenbar befinden wir uns gegenwärtig mitten in diesem Vorgang, wobei das weitverbreitete diffuse Unbehagen an der Kultur sich immer deutlicher als ein Verlust des Vertrauens auf die Wissenschaft darstellt, genauer gesagt des Vertrauens auf das Expertenwissen und das Berufsethos anderer.

Der Freiburger Genetiker und Evolutionstheoretiker Carsten Bresch beschäftigte sich mit der Sprache als Kulturvoraussetzung und mit den biologischen Wurzeln menschlicher Eigenschaften, deren Entwicklung eine zwangsläufige Tendenz zur Disharmonie innezuwohnen scheint. An diesem Punkt drängt sich natürlich auch für den Biologen die 1 Frage nach dem Ursprung von „gut" und „böse" auf. Bresch kam ausführlich auf die Antworten der „Soziobiologie" zu sprechen, die heute mit dem Anspruch auftritt, alles menschliche Verhalten, einschließlich des kulturellen, aus evolutionärer Sicht restlos beantworten zu können.

Bresch mißt in Zukunft sowohl der modernen Wissenschaft, als auch der Religion eine ganz zentrale Bedeutung bei. Schlüsselfigur ist für ihn Teilhard de Chardin.

Zu dem brillanten Festvortrag des Heidelberger Philosophen Prof. Dr. Hans-Georg Gadamer wurde wieder einmal mehr deutlich, daß die Sprache mehr ist als Information im Sinne der modernen Informationstheorie.

Man könne Kultur geradezu als das definieren, das, wenn man es teilt, nicht weniger wird, sondern mehr. Eben dadurch unterscheiden sich die „Kulturgüter" von den Gütern des Konsums. Kultur habe demnach nichts zu tun mit' Freizeitgestaltung. Kultur sei vielmehr das, was die Menschen daran hindert, übereinander herzufallen und schlimmer zu sein als jedes Tier. Genau hier liege aber auch die Hoffnung auf eine Uberwindung des zerstörerischen und selbstzerstörerischen Aggressionstriebes.

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