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Kulturkampf in Moskau

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Marx und Lenin, die Pro- pheten eines irdischen Pa- radieses, haben sich geirrt: Die These vom „Absterben der Religion" im Sowjetreich wurde nun auch amtlich - statistisch - widerlegt.

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Marx und Lenin, die Pro- pheten eines irdischen Pa- radieses, haben sich geirrt: Die These vom „Absterben der Religion" im Sowjetreich wurde nun auch amtlich - statistisch - widerlegt.

In der Jännerausgabe von „Wis- senschaft und Religion" wurde bestätigt, daß trotz staatlicher Förderung die „Atheisten" sich gegenüber den „Gläubigen" in der Minderheit befinden. In Lemberg etwa stehen 70 Prozent Gläubige sieben Prozent Atheisten gegen- über. Und nicht nur das: Die Zahl der Gläubigen nimmt zu, im Nord- kaukasus etwa in den letzten fünf Jahren um 16 Prozent. In Rußland finden wir derzeit drei Gruppen von „Gläubigen", die sich teilweise überschneiden, teils hef- tig bekämpfen.

Da gibt es die Gruppe jener Chri- sten, die ein erneuertes, von Macht- ambitionen gereinigtes Christen- tum im Sinne von Leo Tolstoj und Wladimir Solowjew vertreten. Dazu zählt etwa die Reformbewegung „Perestrojka und Kirche", die sich um den prominenten orthodoxen Priester Gleb Jakunin formierte.

Die zweite Gruppe umfaßt die russischen Nationalisten, bei de- nen sich orthodoxer Glaube mit militantem Russentum vermengen. Zu deren herausragendsten Vertre- tern gehört die Vereinigung „Pam- jat", die unter dem Motto „Ein Kreuz, ein Thron" - gewürzt mit antisemitischen Ausfällen - auftritt.

Die dritte Gruppe umfaßt die Spiritisten und Okkultisten, die im diffusen Grenzbereich des „Über- sinnlichen" herumwerken. Wenn der Wundertäter Anatolij Kaschpi- rowski im sonntäglichen Fernseh- programm „Guten Abend, Moskau" seine Seancen hält, versammeln sich bis zu 150 Millionen Zuseher vor dem Bildschirm. Die Massen hän- gen hypnotisiert an den Lippen des Meisters.

Wie auch immer: Die Suche nach geistigen Inhalten ist zum beherr- schenden Thema geworden. Irrwe- ge sind auch hiernicht ausgeschlos- sen. Jüngst kommentierten dazu die liberalen „Moscow News": „Das Ende des vorigen Jahrhunderts war gekennzeichnet durch fiebrigen Mystizismus, Spiritismus und Hell- seherei. Das 20. Jahrhundert scheint auf ähnliche Art zu enden."

Die Kirche war in Rußland die längste Zeit, wenn auch nicht immer, im Joch des Staatsdienstes eingespannt. Auch jetzt werden die Gläubigen, die rechten und die echten, vom Machtgerangel im Gefolge der Perestrojka nicht ver- schont. Im Politbüro, im Zentral- komitee und anderswo suchen die Mächtigen nach einem konsensfä- higen Ersatz für den abgetakelten „wissenschaftlichen Atheismus ": Eignet sich das Christentum als vereinigende Kraft des Imperiums statt der diskreditierten säkularen Doktrinen? Sollte man den marxi- stischen Internationalismus durch Wladimir Solowjews Konzept ei- neruniversellen, christlichen Theo- kratie ersetzen?

Zur Illustration: Jegor Ligat- schow, die Symbolfigur der Kon- servativen im Parteiapparat, läßt sich demonstrativ vor dem Gemäl- de „Ewiges Rußland" von Ilja Gla- sunow ablichten. Die Bildmitte wird von Jesus am Kreuz bestimmt. Ligatschow hat ziemlich abrupt mit seinen aggressiven Ausfällen gegen- über der Kirche aufgehört. Ilja Glasunow hingegen wird von den russischen Nationalisten hochge- rühmt. Obendrein ist er mit Dimi- trij Wassiljew, dem Führer von „Pamjat", eng befreundet. Beide, Glasunow und Wassiljew, bekreu- zigen sich ungeniert in aller Öffent- lichkeit.

Demgegenüber warnt der be- kannte Philologe Dimitrij Lichat- schow, Vorsitzender des russischen „Kulturfonds", vor einer neuerli- chen Symbiose Kirche-Staat. Bis- her hätte so etwas immer mit einem Desaster für die Kirche geendet.

Die liberalen Medien wiederum wittern im orthodoxen Christen- tum eine brauchbare Waffe gegen die „Kräfte der Finsternis" in der KPdSU. So wird neuerdings in der „Literaturnaja Gasjeta", ja sogar in der „Iswestja", die russisch-or- thodoxe Kirche Ständig als einzige „soziale Alternative" zum marxi- stischen Säkularismus gepriesen. Noch vor zwei Jahren wäre so eine Agitation undenkbar gewesen.

Die Reaktionen der konservati- ven Kräfte in der Partei auf das Wiedererwachen der Religion ist gespalten. Schon in den sechziger Jahren gab es das Phänomen der National-Bolschewiken, die aber mehr am Rand der KPdSU dahin- vegetierten. Sie konnten nur im „Samisdat" laut darüber nachden- ken, wie sich christlicher Slawo- philismus mit dem Leninismus verbinden ließe. Diesen Standpunkt nimmt aber nur die Minderheit ein. Die Mehrheit der National-Bolsche- wiken sieht im Christentum eine „jüdisch-kosmopolitische Ver- schwörung" und bevorzugt die Wiederbelebung des Heidentums. Eines ihrer Kultobjekte ist ein Gemälde von Konstantin Wasiljew, betitelt „Der russische Fürst Ilja Muromets erschlägt die christliche Pest". Diese Gruppierung will auch alte heidnische Riten bei Hochzeit, Begräbnis und ähnlichen Anlässen popularisieren.

Neben den National-Bolschewi- ken gibt es auch einen regen Nazi- Kult, sowohl in der Sowjetarmee als auch im kommunistischen Ju- gendverband Komsomol. Die Neo- Nazis drangsalieren Mitglieder der Opposition, entweihen jüdische und christliche Friedhöfe und bleiben dabei zumeist ungestraft. Beson- ders der militante, anti-religiöse Flügel des Komsomol sieht in den Neo-Nazis Verbündete. DasBinde- glied bildet der Haß gegen alles „Christliche": Man bildet und ko- ordiniert Schlägertrupps, um den christlichen Aktivisten einen Denk- zettel zu verpassen.

Seltsame Allianzen findet man überall: Hält die einen der Haß gegen alles Christliche zusammen, so verbindet die Liebe zu Rußland „Pamjat" und Gläubige. „Pamjat" zog anfangs viele engagierte Chri- sten an, da die Bewegung schon anfang der achtziger Jahre für die Wiederherstellung und Öffnung von Klöstern und Kirchen eingetreten war. Die dadurch entstandene Kooperation nutzten die Konser- vativen weidlich zur Diffamierung der Orthodoxie aus. So „entlarvte" die „Komsomolskaja Prawda" „Pamjat" als Hort „orthodoxer Fanatiker".

Allerdings beginnt diese Allianz jetzt zu bröckeln. Das Trennende gewinnt Überhand: So plädiert „Pamjat" für die Streichung der Lesungen aus dem Alten Testament (= jüdisch!) aus der orthodoxen Liturgie. Der Patriotismus wird immer isolationistischer, immer aggressiver gegen alles Nicht-Rus- sische.

Die christlichen Patrioten be- schreiten andere Wege. So brachte im Vorjahr die religiöse Unter- grundzeitung „Nadeschda" (= Hoff- nung) das Porträt einer jungen Christin, die die Chance zur Emi- gration nicht nützte, weil sie ihr Volk in seiner Not nicht verlassen will.

Welche Rolle die Religion im zukünftigen, nicht-kommunisti- schen Rußland spielen wird, ist noch ungewiß. Die christliche Dichterin Olesja Nikolajewa bezeichnete in einem kürzlich veröffentlichten Interview in „Moscow News" die Art der praktizierten Annäherung Kirche-Staat als „absurd": Die Religion wird vor den Staatskarren gespannt, um die „gesellschaftli- che Moral" zu heben, die christli- che Tradition wird zur Beweihräu- cherung des russischen National- gefühls mißbraucht. Dabei sollte das Christentum, so die Dichterin, lieber sein Potential zur tätigen Reue reaktivieren. Aber schon Fjo- dor Dostojewskij hatte die Kirche - vergeblich - vor der Versuchung des Nationalismus gewarnt.

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