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Kunstvoll

(Wiener Konzerthaus, „Wien modern", Pierre Boulez) Wien ehrte Pierre Boulez zu seinem 65. Geburtstag: Einer der brillantesten Dirigenten neuer Musik, der seit Jahrzehnten das Schaffen der Wiener Schule international betreut, erhielt die Goldene Ehrenmedaille. Im Schlußkonzert des Zyklus „Wien modern" bescherte das aufregendste Ereignis dabei aber Maurizio Pollini mit Boulez' „Notations" (op. 1, 1945) und der II. Klaviersonate. Wie nur wenige, trifft Pollini den Ton dieser Werke. Das Opus 1, zwölf taktige Miniaturen von fragiler Künstlichkeit, sind eine Herausforderung, Kleinstformen mit höchstem Raffinement zu modellieren. Anders Pollinis Auseinandersetzung mit der Sonate aus dem Jahr 1948: Mit ungeheurer Dynamik stürzte er sich in das Abenteuer der pianistischen Gratwanderung, spielte entschlackt, frei von Gefühlen. Alles ist klare Konstruktion, kunstvolles Spiel der Formen, ein vibrierender Klangkoloß.

Boulez selbst dirigierte sein Ensemble „Intercontemporain", London Voices und Rascher-Saxophon-quartett. György Ligetis Kammerkonzert (1969/70) und Bruno Madernas „Juilliard Serenade" (1971) wurden in strenger Sachlichkeit und mit noblem Kalkül musiziert. Die Erstaufführung von Luciano Berios „CanticumNovissimiTesta-menti II", ein Auftragswerk des Pariser Herbstfestivals, brachte ein Spiel verschiedener Klangebenen. Madrigalartig verpackt wurden Texte Eduardo Sanguinetis, von weichen Schönklängen umspült. Das Stück brachte einen Vorgeschmack auf das Berio-Fest bei „Wien modern 1990".

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