7018344-1988_35_08.jpg
Digital In Arbeit

Lächelnd durch die Hölle

Dieses Buch ist, gerade durch seine Aufrichtigkeit und Subjektivität, ein Zeitdokument: Geschichte nicht nur eines Lebens, sondern einer Weltsicht. Wer künftig wissen will, wie Intellektuelle der „heimatlosen Linken“ in diesem halben Jahrhundert gedacht und empfunden haben, wird die Erinnerungen Milo Dors lesen müssen.

Das Buch ist, nebstbei, auch ein Beitrag zur Literaturgeschichte unserer Zeit. Es zeigt, warum den etwa zwischen 1920 und 1930 geborenen österreichischen Erzählern der hermetische Standort des l'art pour l'art so fremd bleibt. Herbert Zand, Gerhard Fritsch, Reinhard Federmann, Herbert Eisenreich, Milo Dor sind in der grausamsten Zeit europäischer Geschichte aufgewachsen, sind seelisch — und oft auch physisch — Verwundete, die vor allem Zeugnis ablegen, mit sich selbst und mit ihren Peinigern ins reine kommen, auch als Moralisten wirken wollen. Da sie die Todesgefahr am eigenen Leib erfahren haben, entwickeln sie. oft unbewußt, eine Ästhetik der Vitalität.

An diesem Punkt zeigt sich die Unterschiedlichkeit der Erlebnisbereiche zweier Generationen. Barbara Frischmuth litt unter dem strengen Erziehungssystem einer Klosterschule, Gerhard Fritsch an der Gefahr, als Angehöriger der deutschen Luftwaffe im Kampf für eine Sache, die er verabscheute, abgeschossen und getötet zu werden. Das Beispiel steht für viele.

Die Unterschiedlichkeit mag manchen beschränkten, in ihrer eigenen Generation gleichsam eingeschlossenen Germanisten als Wertunterschied erscheinen. Sie verstehen nicht, das die Welt-haltigkeit und Erlebnisfülle etwa der Prosa Eisenreichs eine höchste Verdichtung eigener innerer Disposition ist, für die Erkenntnis des Menschen, auch der Sprache, nicht weniger wichtig als die frei dahinströmenden Assoziationen Friederike Mayröckers oder die manieristischen, gleichwohl Schmerzliches freilegenden Arien Thomas Bernhards.

Im Kapitel „Meine Paten Hitler und Stalin“ hat Milo Dor die Lage, in der er sich gezwungenermaßen befand, als leidendes und zugleich wachsam beobachtendes Subjekt des eigenen Schicksals geschildert und zuvor unter dem Titel „Wie Peter Handke Peter Handke wurde“ seine kuriosen und bedrückenden Erfahrungen mit manchen Jüngeren dargestellt. Die Kluft ist unüberbrückbar. Das mag jene durch die friedlichen Zeitumstände verwöhnten, etwas kindischen Leser stören, die in der Atmosphäre einer geschwätzigen und scheinbar ausgeglichenen Gesellschaft den Eindruck gewonnen haben, das Tragische sei durch einen friedlichen Gedankenaustausch aus der Welt zu schaffen. Milo Dor kennt aber die lebensgefährliche Härte mancher Verblendungen. v

Man mag manche seiner Vorlieben und Aversionen nicht teilen können, den heute bereits undefinierbaren Standort der „heimatlosen Linken“ für einen rührenden — und menschlich berührenden — Anachronismus halten, über Geist und Ungeist der Nachkriegsgesellschaft eine andere Meinung haben: auch in diesen Punkten beeindruckt und bezaubert die Integrität eines bedeutenden Autors, der es sich selbst nie leichtgemacht hat, während er seinen Mitmenschen und vor allem den in diesem Land fürwahr nicht verwöhnten Literaten zur Seite stand.

Diese tatkräftige Hilfsbereitschaft entspringt nicht nur der natürlichen Gutmütigkeit eines melancholischen Moralisten, sondern vor allem den meistens elegischen Erinnerungen an die kleine Kosmopolis des mitteleuropäischen Raumes, in der Serben und Österreicher, Kroaten und Deutsche, Ungarn und Italiener ihre

Eigenart bewahren, einander respektieren, gemeinsam ein farbiges und einheitliches Gewebe verschiedener Kulturen bilden konnten. Die eigenen, meistens bitteren Erfahrungen schärften zudem den Sinn für Zeichen und Vorzeichen jener grassierenden Dummheit, die — sei es im engeren Kreis des Verlagswesens, sei es auf dem weiteren Gebiet der Politik — gute Vorsätze bedenkenlos unterdrückt, ja menschliche Schicksale zerstört.

Die „Fragmente einer Autobiographie“ fügen sich letztlich zum Bild eines Menschen, der sich immer wieder gezwungen sah, den „falschen Dampfer“ zu besteigen, nicht aus Mangel an Urteilskraft, sondern weil in den Jahrzehnten seines Lebens vorwiegend „falsche Dampfer“ zur Verfügung standen. Der einsame Passagier blieb inmitten der Irrungen und Wirrungen der Zeit seinem inneren Kompaß treu, der ihn im Leben wie in der Literatur die einzige ihm gemäße Richtung erkennen ließ. Milo Dors Rückblick zeigt die Redlichkeit eines nachdenklichen Europäers.

AUF DEM FALSCHEN DAMPFER. Fragmente einer Autobiographie. Von Milo Dor. Paul Zsolnay Verlag, Wien-Darmstadt. 304 Seiten, öS 238,-.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau