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Laienapostolat heute

Von zwei Türmen in Trier aus wird seit altersher an die Vorübergehenden in großer lateinischer Schrift appelliert: „Vigilate et Orate“ — Wachet und betet!, sowie: „Ihr wißt nicht, in welcher Stunde der Herr kommt.“ Freilich, viele wollen es gar nicht mehr wissen, und für die meisten sind die Sätze ohnedies unverständlich — Aussagen einer vergangenen Welt. Doch halt: Nicht der Anruf als solcher bleibt ohne Hörer, oft ist es nur seine Form, die

die Adressaten verscheucht. Wie aber erreicht man die Menschen? Was heißt „Laienapostolat“ heute?

Es war das Konzil, das „die Spaltung zwischen dem Glauben, den man bekennt, und dem täglichen Leben vieler“ zu den „größten Verirrungen unserer Zeit“ zählte. Daher kommt es nicht so sehr auf die Veränderung dieser oder jener inner kirchlichen Struktur an, auf kurzlebige Resolutionen, Tagungen und so weiter. Die christliche Botschaft ist keine bloße Theorie über ein Gottes-, Menschen- oder Weltbild. Heute

ist das größte Hindernis für den christlichen Glauben nach den Worten des irischen Primas Thomas O'Fiaich nicht der intellektuelle Zweifel - „es ist ganz einfach die unchristliche Lebensweise so vieler, die behaupten, gute Christen zu sein“.

In einer Zeit, da der praktische Atheismus zum verbreiteten Lebensstil wird, kommt es mehr denn je auf das glaubwürdige Lebenszeugnis an. „Durch dieses Zeugnis ohne Worte wecken die Christen in den Herzen derer, die ihr Leben sehen, unwiderstehliche Fragen: Warum sind jene so? Warum leben sie auf diese Weise?“ (Paul VI.).

Die Jeremiaden über die „Krise der Kirche“ oder den „Winter des Glaubens“ sind verkehrt, insofern sie darüber die Stärke christlicher Hoffnung zu wenig zur Sprache bringen. „Sähen sie nur erlöster aus!“, spottete Nietzsche schon vor einhundert Jahren. Der Ruf des Engels „Fürchtet euch nicht!“ scheint mitunter in der schwierigen Situation von Christen in der Zweiten und Dritten Welt mehr Gehör zu finden als bei uns.

In dem Buch „Heiden und Christen in einem Zeitalter der Angst“ geht der verstorbene britische Gräzist Eric R. Dodds der Frage nach, warum es den Christen in der Zeit zwischen Marc Aurel und Konstantin gelang, sich als Religion durchzusetzen. Weil die

Christen die Hoffnung - so der Agnostiker Dodds —, die sie predigten, in der Einsamkeit, Desorientierung und Armut ihrer Metropolen durch Liebe, Gemeinschaft und tätige Solidarität unter Beweis zu stellen vermochten.

Mehr denn je geht heute der Ruf an uns „Sucht den Lebenden nicht bei den Toten!“. Im Laienapostolat wie bei der Weitergabe des Glaubens ganz allgemein führen viele ausgefahrene Gleise in Sackgassen. Wagen wir Grenzüberschreitungen beim Althergebrachten ! Als „Geh-hin-, nicht als, Warte-ab-Kirche“ (Kardinal Joseph Höffner) müssen wir den Mitmenschen in seiner wirklichen Lage mit seinen Nöten und Wünschen aufsuchen, uns fragen, wo konkret Erlösungsbedürftigkeit vorhanden ist, auch gesellschaftspolitisch aktiv werden statt trap-pistenartig zu schweigen, und das Gute suchen, an das wir anknüpfen können. „Was ihr verehrt ohne es zu kennen, das verkündige ich

euch“, sagte Paulus vor dem Altar des unbekannten Gottes auf dem Areopag.

Laienapostolat heute ist auch das Suchen nach einer verständlichen Sprache, mehr noch: nach der Sprache der anderen. Jeder, der getauft und gefirmt ist, hat den Auftrag, an der Sendung Jesu Christi und der Kirche mitzuwirken — jeder. Was das Konzil über die Kirche als Volk Gottes und über das Laienapostolat gesagt hat, ist in seiner spirituellen Dynamik (wie so vieles andere) längst noch nicht ausgeschöpft. Angesichts des notwendigen Erneuerungsprozesses ist es ärgerlich, wie häufig man auch unter Christen in diesem ohnedies ge-schichtsmüde gewordenen Europa auf ängstliche Kleinmütigkeit stößt.

Aus dieser Ängstlichkeit rührt mancherlei Verengung — etwa wenn die proklamierte Mündigkeit des Laien innerkirchlich zu selten gefördert und offen akzep-

tiert wird. Manche, so scheint es, wittern die Gefahr einer Konkurrenz zum Priesteramt und halten in den Gemeinden Laien von wirklicher Mitsprache und Mitverantwortung fern. Als einmal ein Bischof Formen künftiger Mitbestimmung von Laien bei der Bischofsernennung nicht ausschloß, gab es eine Welle des beunruhigten Raunens. Zu schweigen von manchen Schwächen des kirchlichen Amtsstils und der wachsenden Tendenz zur Verna-derung. Welche Glaubensschwäche und Herzensblindheit werden hier deutlich!

Es ist auch mehr Furchtsamkeit als Klugheit am Werke, wenn man sich mit der Rolle der Frau in der Kirche nur mit äußerster Vorsicht befaßt. Die Sorge vor einer schwer kontrollierbaren Debatte über Diakonat und Priesterweihe für Frauen verstellt oft die Sicht für Wege zu mehr Lebendigkeit. Welches Maß an Vitalität und Glaubensintensität, gerade unter jüngeren Frauen, wäre bei größerer Offenheit im kirchlichen Raum zu entbinden! Statt dessen vergeuden manche ihre Energien im Streit um Ministrantinnen.

Wer sich den Blick nicht provinziell beschränken läßt, weiß, daß die Stunde der Laien vorprogrammiert ist — nicht als „verlängerter Arm der Hierarchie“ ohne Eigenverantwortung und eigenen Sendungsauftrag, sondern im brüderlichen Miteinander und im Bewußtsein der Vielfalt kirchlicher Dienste. Wir müssen — so die deutschen Bischöfe — die Unterscheidungen zwischen Klerus und Laien auf das Gemeinsame zurückbeziehen und vom Gemeinsamen her lesen.

Je mehr uns das in der Realität auch gelingt, desto weniger werden Dialog, Aggiornamento und das Einbringen von Welterfahrung in der Kirche fromme Schlagworte bleiben.

Der Autor ist Präsident der Katholischen Aktion Österreichs und referierte zu diesem Thema auf der österreichischen Pastoraltagung 1986 „Kirche in gemeinsamer Verantwortung“.

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