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Land der Vielfalt

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„Volksgruppen als ein Teil von uns selbst“ ist der Titel einer von der Rektorenkonferenz am 18./19. März veranstalteten Tagung an der Wiener Universität. Hier eines der Referate.

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„Volksgruppen als ein Teil von uns selbst“ ist der Titel einer von der Rektorenkonferenz am 18./19. März veranstalteten Tagung an der Wiener Universität. Hier eines der Referate.

Jeder, der sich mit dem sogenannten Minderheitenproblem beschäftigt, wird sich nicht nur mit einer Bestandsaufnahme der Gegenwart zufrieden geben dürfen, vielmehr, neben Vergleichen mit anderen Ländern, vor allem die spezielle historische Entwicklung in diesem Lande vor Augen haben müssen. Ein solcher Rückgriff auf die historischen Voraussetzungen scheint vor allem insofern von Bedeutung zu sein, als ethnische Minderheiten hier nicht wie in manchen anderen Regionen und Ländern relativ spät entstandene „Fremdkörper“ innerhalb einer homogenen historischen Gesellschaftsschicht darstellen, das heißt zum Beispiel nicht durch späte Zuwanderung zustande gekommen sind, vielmehr zum festen, alten Bestand des österreichischen Staatsvolkes gehören. Minoritäten sind hier ein integraler Teil dessen, was man als „österreichische Identität“ zu verstehen hat.

Wenn man von der Voraussetzung ausgeht, daß ethnische, sprachliche oder kulturelle Uni-formität zwar zu einer der Zielvorstellungen der nationalen

Ideologie des 19. Jahrhunderts gehörte, daß aber solche Ziel vor Stellungen weder von real-historischen Voraussetzungen ausgegangen waren, geschweige denn auf Dauer verwirklicht werden konnten, dann gilt es, dieser realen gesellschaftlichen Pluralität in ihrer sprachlich-kulturellen und ethnischen Differenzierung stets Rechnung zu tragen.

Das heißt: Nicht nur wissenschaftliche Erkenntnisse der Geschichtsforschung, der Sprachsoziologie oder der Volkskunde haben prinzipiell den irrationalen Charakter der Kriterien eines nationalen Uniformitätsstrebens (Reinheit eines Volkes, einer Sprache, einer Kultur) zu widerlegen vermocht, vielmehr hat auch das kläglich-tragische Versagen einer politischen Praxis den Beweis dafür geliefert, daß eine konsequente Verwirklichung der Zielvorstellungen des Nationalismus letztlich nur zu Repression und Inhumanität geführt hat. Die bewußte und systematische

Mißachtung von Pluralitäten, das heißt eben auch von Minderheiten, mündete stets in gesellschaftlichen „Neurosen“ und in einer überhöhten Aggression all jenen gegenüber, die anders sind, als man es selbst haben will.

Solche grundsätzliche Überlegungen vorausgesetzt, muß man sich weiterhin vergegenwärtigen, daß es nicht nur in einem bestimmten Land, sondern in Europa insgesamt Regionen gibt, in welchen Pluralitäten anscheinend weniger bestimmend waren, daß es aber sehr wohl auch Regionen gibt, in denen ethnische, sprachliche oder kulturelle Pluralitäten so vorherrschend waren und sind, daß sie wohl zum existentiellen Konstitutivum solcher Länder und Regionen zu zählen sind. Solche besonders pluralistisch gefärbte Regionen Europas sind etwa die Iberische Halbinsel oder jene mittel- oder ostmitteleuropäische Region, in der auch das heutige Osterreich seinen Platz hat.

Eine geographisch eng neben-und ineinander gehende Pluralität von Völkern, Sprachen und Kulturen bedeutet aber, daß hier gegenseitige Wechselwirkungen und Einflüsse in Gang waren und sind, die auf verschiedenen Ebenen zur Entstehung analoger Strukturen beigetragen haben. Die Völker dieser Region weisen daher, trotz der unterschiedlichsten Voraussetzungen, Ähnlichkeiten auf, die in der Vergangenheit etwa zu politischen Föderationsbestrebungen Anlaß gegeben haben.

So begegnen wir schon lange vor der habsburgisphen Staatenföderation (1526) Versuchen, bei Wahrung der Eigenstaatlichkeit der einzelnen Teüe eine politische Interessenvereinheitlichung herbeizuführen (Zusammenfassung der Erblande, Föderationspläne der Pfemysliden, der ungarischen Anjou, der Luxemburger, der Jagiellonen, des ungarischen Königs Matthias Corvi-nus). Daß dann in der Folge die habsburgische Staatenföderation ethnische und kulturelle Wechselwirkungen nachhaltigst begünstigte, muß hier wohl nicht eigens hervorgehoben werden. Johann Pezzl verweist im Zusammenhang mit Wien, dem geistigen Topos dieser pluralistischen Monarchie, im ausgehenden 18. Jahrhundert mit Nachdruck auf dieses Phänomen:

„Was die innere unmerkbare Verschiedenheit der Bewohner Wiens betrifft, in dieser Rücksicht ist es wahr, daß keine Familie ihre einheimische Abstammung mehr bis in die dritte Generation hinaufführen kann. Ungarn, Böhmer, Mährer, Siebenbürger, Steiermärker, Tiroler, Niederländer, Italiener, Franzosen, Bayern, Schwaben, Sachsen, Schlesier, Rheinländer, Schweizer, Westfä-ler, Lothringer usw. usw. wandern unaufhörlich in Menge nach Wien, suchen dort ihr Glück, finden es zum Teü und naturalisieren sich. Die originalen Wiener sind verschwunden. Eben diese Mischung so vieler Nationen erzeugt hier jene unendliche Sprachenverwirrung, die Wien vor allen europäischen Plätzen auszeichnet.“

Das Österreich von heute hat seine historischen Wurzeln sowohl in der von Pluralitäten bestimmten mitteleuropäischen Region im allgemeinen als auch in der habsburgischen Staatenföderation im besonderen. Auf der staatlich-politischen Ebene spiegelt sich diese historische Pluralität in der bundesstaatlichen Struktur, auf der sozialkulturel-lenEbene verdeutlichen die autonomen Traditionen (Länderbewußtsein) diesen Aspekt. Dazu kommen noch pluralistische Merkmale auf der sprachlich-kulturellen und ethnischen Ebene. Das heißt aber insgesamt soviel, als daß das Osterreichische nie uniform-national im Sinne des nationalen 19. Jahrhunderts begriffen werden kann, daß vielmehr ein wesentliches Kriterium des österreichischen, trotz des Vorherrschens der deutschen Umgangs- und Staatssprache, gerade diese ethnische, sprachliche und kulturelle Pluralität ist. Daraus folgt, daß diese Pluralität sowohl in ihrer historischen Dimension als auch in der Realität der Gegenwart ein wesentliches Merkmal der österreichischen Identität darstellt.

Ist nun ethnische, sprachliche und kulturelle Pluralität ein konstitutives Kriterium des österreichischen, dann gut es, nicht zuletzt im Sinne der Bewahrung dieses österreichischen, einer solchen Pluralität positiv zu begegnen. Das heißt: Minderheiten erhalten in einer solchen historisch belegbaren pluralistischen Situation die gleiche Qualität, die Majoritäten zugesprochen wird, und der Verlust von Minderheiten würde gleichermaßen einen Verlust an österreichischer Identität nach sich ziehen. Daher hat in Österreich auch eine prinzipielle Stellungnahme Minderheiten gegenüber einen ganz anderen Stellenwert als in anderen Ländern, in welchen diese eben nicht oder nur in geringerem Maße Anteil am historisch gewachsenen sozial-politischen Selbstverständnis haben.

Die Lösung des Minderheitenproblems in Österreich scheint daher, bevor man an praktische Lösungsversuche herangeht, zumindest zwei wichtige intellektuelle Voraussetzungen zu haben: erstens, indem man sich der österreichischen Identität ganz allgemein bewußt wird, und zweitens, indem man als Folge der Einsicht in die Kriterien dieser österreichischen Identität zur Erkenntnis gelangt, daß die sogenannten Minderheiten nicht etwas Fremdes, sondern ein wesentlicher Teil unser selbst sind.

Der Autor ist Professor für Geschichte an der Universität Graz.

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