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Land im Umbruch

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Ungarns Reformkommunisten haben eine „Sozialistische Partei“ gegründet. Die Stalinisten werden ausgegrenzt. Wie es weitergehen könnte, sagen zwei Gewerkschafter.

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Ungarns Reformkommunisten haben eine „Sozialistische Partei“ gegründet. Die Stalinisten werden ausgegrenzt. Wie es weitergehen könnte, sagen zwei Gewerkschafter.

FUJRCHE: Mit der Gründung der Ungarischen Sozialistischen Partei (USP) und dem Abschied vom Marxismus, Leninismus und Stalinismus wollen Ungarns bisherige KP-Reformpolitiker, die die überwältigende Mehrheit der Parteitagsdelegierten für sich gewinnen konnten, Vertrauen zurückgewinnen. Vom Vertrauensverlust ist auch Ungarns offizielle Gewerkschaftsbewegung SZOT betroffen. Wie versuchen Sie von der Liga der Unabhängigen Gewerkschaften Ungarns (FURCHE 40/1989, Seite 5) Vertrauensdefizite wettzumachen?

PÄL FORGÄCS: Jahrzehntelang war der Ungarische Gewerkschaftsbund SZOT der Partei und der Regierung untergeordnet. Deshalb hat SZOT viel an Sympathie eingebüßt. Wir Unabhängige haben ganz neu begonnen und die Strukturen von Grund auf geändert. Bei der kommunistischen Machtübernahme 1948 wurde in Ungarn die ganze traditionelle Gewerkschaftsstruktur zerschlagen. Wir hatten sehr aktive Berufsgewerkschaften. Ich selbst war vor dem Krieg in einer dieser Gewerkschaften tätig. Und diese wurden dann in Industriegewerkschaften umgestaltet. Jetzt sind wir bestrebt, die einzelnen Berufe wieder gewerkschaftlich zu erfassen.

FURCHE: SZOT soll ja ähnliche Ideen verfolgen (siehe untenstehendes Interview).

FORGÄCS: SZOT-Chef Sändor Nagy ist bereits seinerzeit aus dem ZK der Ungarischen Sozialistischen Arbeiterpartei (USAP, die es jetzt nicht mehr gibt, Anm.d.Red.) ausgetreten, das ist eine Tatsache. Aber noch immer ist die große Mehrheit der SZOT-Funktionäre im kommunistischen Denken fest'verankert. SZOT trat bisher nur für ein wenig mehr Unabhängigkeit ein. Dies aber auch nur deswegen, weil wir dem-entsprechenden Druck ausübten.

FURCHE: Im Westen stehen Politiker oft staunend und ratlos den Umwälzungen in Osteuropa gegenüber. Was vor einer Woche noch galt, sieht heute schon gänzlich anders aus. Wie kann der Westen den osteuropäischen Ländern auf dem Weg zur Demokratie helfen?

FORGÄCS: Wir brauchen zunächst mehr Verständnis. Wenn es uns in Ungarn gelingt, eine demokratische Gesellschaftsordnung zu errichten, in der Menschenrechte

respektiert werden, wenn wir also ein wirklich europäisches Land aufbauen, dann hätte das für ganz Europa bedeutende Auswirkungen. Tragisch ist, daß wir uns zwar politisch auf einem guten Weg befinden, unsere wirtschaftliche Lage aber katastrophal ist. Es läge im Eigeninteresse Westeuropas und der USA, in dieser Übergangsperiode Wirtschaftshilfe zu leisten, damit Ungarn lebensfähig bleibt. Ein Weiterbestehen unserer ökonomischen Probleme würde den gesamten Demokratisierungsprozeß gefährden.

FURCHE: Wo soll der Westen ansetzen?

FORGÄCS: In erster Linie nicht bei Krediten, sondern bei Investitionen - also mittels Joint ventures, wodurch uns auch das nötige Know how vermittelt wird. Natürlich werden wir auch einige Erleichterungen bei der Rückzahlung unserer Auslandsschulden seitens des Weltwährungsfonds brauchen. Aber wir sind nicht für neue Kredite. Es besteht ja auch die Möglichkeit der Schuldentransformierung in Teil-

haberschaften. Das wäre auch eine positive Leistung des Westens.

Auf jeden Fall müßte man trachten, Ungarn zu einem Bestandteil Europas zu machen, gemeinsam mit Polen. Das hätte Beispielwirkung für alle ehemaligen Ostblockländer. Wir liegen geographisch in Mitteleuropa, unsere Geschichte und Kultur war immer am Westen orientiert. Jetzt muß das Zeitalter von Jalta endgültig überwunden werden. Die osteuropäischen Völker müssen dieselben Rechte wie die westeuropäischen bekommen. Die

Zweiteilung Europas ist überholt.

FURCHE: Ein bestimmtes Sicherheitsdenken im Westen will aber am Status quo der europäischen Teilung nicht rütteln. Auch Henry Kissinger hat in diese Richtung gedacht.

FORGÄCS: Das ist unverantwortlich. Es hat sich gezeigt und zeigt sich jeden Tag neu, daß die Völker Mitteleuropas, die sich als Europäer fühlen, nach denselben Rechten verlangen, wie sie im Westen gelten: sie wollen eine demokratische Gesellschaft, eine Marktwirtschaft und die grundlegenden Menschenrechte garantiert haben. Man darf nicht mit zwei Maßen messen.

FURCHE: Die KSZE-Beschlüsse werden langsam Praxis.

FORGÄCS: Die Konsequenzen des Zweiten Weltkrieges dürfen weiteren Generationen nicht mehr aufgebürdet werden. Ich glaube, es ist wichtig zu betonen, daß wir zu Europa gehörten und dazu gehören wollen.

Das bedeutet: Wenn wir jetzt in Not sind, brauchen wir die Solidarität unserer europäischen Bruderländer - das gilt auch für Österreich. Ungarn hat in jüngster Zeit gezeigt, daß eine gesamte, bedeutende Umgestaltung Wirklichkeit geworden ist.

FURCHE: Sie haben hier in Wien an einer Enquete der Fraktion Christlicher Gewerkschafter im ÖGB über die 1995 geplante Weltausstellung zwischen Wien und Budapest teilgenommen. Was sagt Ungarns Opposition zur Expo?

FORGÄCS: Unsere Bedenken gegenüber der Weltausstellung entstehen aus unserem Verantwortungsgefühl heraus. Wir Wollen nämlich nicht, daß sich der Fall des Donaukraftwerkes Nagymaros auf Expo-Ebene wiederholt, daß man eine Fehlentscheidung trifft, deren Konsequenzen der Bevölkerung nicht zugemutet werden können.

Mit Päl Forgäcs, Gründungsmitglied der ersten unabhängigen Gewerkschaft Ungarns im Mai 1988, sprach Franz Gansrigier.

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