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Landarzt vor 80 Jahren

Er hatte es ihnen wie allen Leuten im Distrikt oft genug gesagt und würde es jederzeit wieder sagen, sie müßten Luft und Sonnenschein in ihre Häuser lassen, nicht Feuchtigkeit und Schatten. Im Sommer grausten sie sich vor den Maden, Fliegen und Gelsen, im Winter fürchteten sie den Frost, darum machten sie sehr selten die Fenster auf, wenn man so eine Keusche betrat, warf der Gestank einen fast um. Und die Bodennässe stieg in den Mauern solcher Talhäuser bis in die Tramaufbauten hinein, so daß die braunen Blöcke, wo sie auf den Mauern lagen, fast schwarz von feuchtem Moder waren, übel rochen und wie angenagt aussahen.

Fast alle Kinder, die in solchen Keuschen aufwuchsen, waren rachitisch, viele tuberkulös, die Frauen sahen mit fünfunddreißig aus wie anderswo die Fünfzigoder Sechzigjährigen, und die Männer zwischen fünfundvierzig und fünfundfünfzig zählten sich selber zu den Greisen, so marod und anfällig fühlten sie sich. Ihre Rücken und Glieder waren von Gicht und Arthritis verbogen, ihre Wangen und Stirnen waren von tiefen Falten zerrissen, die Haare waren fettig und früh weißgrau, und sie schauten selten anders als müd drein. An vielem machten die Leute sich selber schuldig, bei der Ernährung zum Beispiel, sie aßen schwere Speisen, Speck und Sterz und Sterz und Speck, weil sie, wenn sie so aßen, nur einmal am Tag richtig zu essen brauchten, und dazu tranken sie Obstmost und Selbstgebrannten Schnaps aus Fallobst, sie wuschen sich selten gründlich und atmeten nachts ihre eigenen Ausdünstungen ein. ..Ferner kämpfte, seitdem er sich als junger Arzt im Kreuztal angesiedelt hatte, um Vernunft und

Reinlichkeit, aber es sah fast so aus, als hingen die Leute an ihrem Dreck wie an einem Erbe, manchmal glaubte er, an ihrer Sturheit verzagen zu müssen.

Vor einigen Tagen erst, als es ungewöhnlich warm geworden war, hatte er von einem Bauern verlangt, der Bäuerin zu befehlen, ihren Säugling auszuwik-keln und ihm den Hintern zu waschen, und der Bauer hatte verwundert gesagt:

Ja, wia denn, Herr Dokter, d' Frau hot ihr Oabat, dö hot koa Zeit net zan Umanandertegerln, auf d' Nocht woscht s'n Lickerl eh!

Und vor vielen Jahren hatte eine Bäuerin sich in der Ordination schon beim Barchentjanker gesträubt, sich weiter auszuziehen, hatte ihn vorn bei den Knöpfen fest zugehalten und gejammert: Herr Dokter, i schäm mi so vui! Sie hatte unter dem Janker einen schweißig riechenden gestrickten Seelenwärmer und darunter ein Oberhemd über dem verschwitzten Unterhemd angehabt, mitten im Mai war es gewesen, an einem sonnigen Vormittag, das Thermometer hatte im Schatten neunzehn Grad Celsius angezeigt, und er hätte sie untersuchen sollen, es war ihr eigener Wunsch gewesen. Weil sie sieben Kinder geboren hatte und er schon deswegen kein Verständnis für ihre Schamhaftigkeit gehabt hatte, war er grob geworden.

Er hatte sie angebrüllt, wie sie bei ihrer Gschamigkeit zu dem Haufen Kinder gekommen sei.

Dös woaß i net, hatte sie zornig gesagt, war in ihr Leiberl und in die Schafwollbluse geschlüpft, hatte sie über, dem-Barchentjanker sorgfältig zugeknöpft und war würdevoll fortgegangen.

Seitdem hatte er nie wieder auch nur annähernd ähnlich verfängliche Fragen gestellt, auch nicht wegen Unreinlichkeiten, und war immer brav geduldig geblieben, falls er die Notwendigkeit, rein zu sein, erläutern mußte, oft war es ihm hart angekommen, das verdammte Geduldigsein. Er wußte ja oft nicht, welche Listen er anwenden sollte, um bloß das Stethoskop ansetzen zu können, und wenn jemand ungewaschen zu ihm kam, zankte er nicht, wie er es in den ersten drei Jahren seiner Praxis in den Kreuztälern getan hatte, sondern erzählte wie beiläufig von den Gutgewaschenen, die viel weniger oft krank werden als die andern. Er log, so gut er konnte, obwohl er wußte, daß sie ihm nie recht glaubten. Manche von ihnen genossen sogar ihr Kranksein, wie andere einen Urlaub genießen, weil sie liegen oder in den Wirtshäusern herumsitzen und heißen Schnapstee trinken konnten, die Männer halt, von den Weibern war viel seltener eins bettlägrig oder anders marod, denn die konnten sich das Nichtstun überhaupt nicht leisten.

Er wickelte die Zügel um den Bremsstock, hob die Instrumententasche vom Wagen und holte mit der linken Hand ein Stück Zucker aus seiner Ausseerjoppe, wobei er sich die Leutgeb Rosl vorstellte, die wie eine runde Bauernmadonna aussah und im nächsten Jahr den Kutscher Johann aus der Egkhmannschen Dienstbotengilde heiraten würde. Eher konnte sie nämlich ihre Aussteuer nicht beisammen haben, und sie wollte sich und der eigenen Freundschaft nichts nachsagen lassen. Ferner hatte sie einmal dabei erwischt, wie sie die Sirena mit Zucker gelabt hatte, weil das Roß länger als eine Stunde mit dem angeschirrten Wagen vorm Herrenhaus hatte warten müssen und der Wind sehr eisig gewesen war, während er sich bei der Angerer Fanni, die wieder einmal wegen einer Herzschwäche darniedergelegen, verplaudert hatte. Als er aus dem Haus getreten war und das Mädchen angelacht hatte, war es mockig gewesen.

Der Herrgott hat's Vieh net der-schaffn, damit wir's leiden loßn, hatte es gemurmelt, einen Knicks gemacht und war ins Haus gehuscht.

Auf die Rosl war er sogar ein wenig stolz, die durfte sich so eine Keckheit ihm gegenüber erlauben. Sie war ein schwaches krummbeiniges Kind gewesen, aber es war ihm gelungen, mit leichten Jodgaben und Malzextrakten und harten Massagen in den armseligen kleinen Körper etwas Kraft zu pumpen. Später hatte er der Rosl, die bei den Streckmassagen viel geweint hatte, eine Flasche voll Eisenwein geschenkt, hernach eine zweite und dann eine dritte Flasche, damit sie einen besseren Gusto aufs Essen bekomme, und den hatte sie bekommen, sie war ganz schön rund angewachsen, sogar die Knie und die Waden waren fest und hübsch geworden.

Aus: „Der Tod des Asklepios”, Erzählung von Grete Scheuer, Styria Verlag. Graz 1985.

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