6979028-1986_04_11.jpg
Digital In Arbeit

Langsamer Rückzug

Eines Tages hatte sie bemerkt, daß sie alt geworden war. Auf einem ihrer täglichen Spaziergänge, mit einem Hund, der rundlich sich neben ihr mühsam da-hinschleppte, war ihr dieser Gedanke gekommen; er hatte sich sogleich verdichtet, und als sie überrascht aufblickte, sah sie in eine kalte, bizarr hochstrebende

Wohnlandschaft, Teil eines neuen Stadtbezirkes namens „Eisteichsiedlung".

Wohl ließ der Name „Eisteich" immer noch kindliche Erinnerungen in ihr aufsteigen, Erinnerungen von klaren Wintertagen, von blitzenden Schlittschuhen und schallendem Kinderlachen im Echo kleinerer Hügel. Indes die Kette von warmen Bildern brach ab, als sie in den Schatten eines Hochhauses geriet. Es fröstelte sie kurz, dies, obgleich schon mitten im Frühling. Ja, sie hatte in dieser wachsenden Siedlung einige Jahre gelebt, zurückgezogen, wie es immer ihre Art war, und sie hatte dabei die Veränderung, die ihr Altern mit sich brachte, lange nicht bemerkt. Immer seltener war sie in letzter Zeit „in die Stadt" gegangen; vordergründig mag dies mit dem schlechten Gesundheitszustand ihres Hundes erklärbar gewesen sein, aber in Wirklichkeit war es ein Aufgeben von Abläufen, von vertrauten Gewohnheiten, weil die Umgebungen, ihre Umgebungen, ihr immer befremdlicher und überwucherter erschienen waren.

Sie hatte bisher darüber mit niemanden gesprochen, weil sie wußte, daß ihr Sehen, ihr Gefühl kaum in Worte oder in Sätze zu fügen waren. Ihre Kreise von Lebensumwelt wurden merklich kleiner, ihre Schritte im Umkreis der Siedlung zählbarer. Und gegenüber den Nachbarn war der leise Nebel des Schweigens, dies aber vielleicht ohne jemandes Schuld, dichter geworden.

Aber einmal am Tag, und das schon längere Zeit, war sie am Rande, im Süden der Siedlung, an einer Baustelle anzutreffen, wovon sie wußte, daß es eine Kirche werden sollte. Tief hatte sich in sie schon eine merkwürdige Erwartung eingegraben, gespeist wiederum von Jugenderinnerungen, worin ihr die weihevolle Stille eines fernen, schönen Gotteshauses aufstieg, vermengt mit dem unmittelbaren Geruch von Weihrauch, als wäre es gestern gewesen. Sie sah sich darin

als Mädchen in weißem Kleid inmitten der purpurnen Gewänder der Priester, und dieses Bild wurde noch umsäumt von goldglänzenden Heiligenfiguren und vom bunten Farbenspiel der Kirchenfenster. Sie konnte die Gestalten und Fenster einzeln nicht mehr erkennen, aber, und das sah sie genau, es war ein beklemmend rätselvolles, verklärt großartiges Schauspiel.

Gerade diese Augenblicke, lange verschollen geglaubt, erschienen ihr trotz aller Zeitferne wieder zum Greifen nahe. So etwas wie Sehnsucht oder wie Heimatgefühl spürte sie immer deutlicher hervorbrechen. Aber sie erinnerte sich wieder der Jahrzehnte des Abseitsstehens, ohne den wahren Grund des Verblassens, ja des Verlustes des einstigen Kindheitsschatzes zu begreifen.

Allmählich bemerkte sie, die Kirche war inzwischen fertiggestellt und eingeweiht worden, eine Enttäuschung; diese wurde immer gewisser, je öfter sie um den neuen Bau herumging. Sie entdeckte keine Brücke zwischen ihrem fernen, verklärten Jugendgotteshaus und dem vor ihr liegenden Bauwerk. Daher hatte sie noch immer nicht den Mut gefunden, dieses Haus zu betreten, das

einer großen Halle glich, ähnlich jener nicht geliebten Lagerhalle, in der sie vor ihrem Ruhestand viele Jahre gearbeitet hatte.

Geradezu ängstlich vermied sie es, dem breit einladenden Tor zu nahe zu kommen. Nur an stillen Nachmittagen versuchte sie hin und wieder einen flüchtigen Blick durch die milchigen Glasscheiben in die Kirche zu werfen, was ihr nicht gelang. Oder sie beobachtete, abseits stehend, verstohlen, wie teils ihr bekannte Menschen, manche fröhlich lachend, aus und ein gingen. Sie hatte dabei das Gefühl, nicht dazuzugehören. Eines Abends kehrte sie müde mit diesem Wissen nach Hause zurück. Nur der alte Hund wedelte sie freundlich an. Lange stand sie im verdunkelten Zimmer am Fenster und starrte in die Nacht.

Einige Tage später, plötzlich an einem Sonntagmorgen, entschloß sie sich,' endlich die neue Kirche zu besuchen. Scheu, mit einer seltsamen Langsamkeit, trat sie, aber ohne Festesblick, in den weiten, hellen Raum und blieb nicht fern vom Ausgang stehen. Die Messe begann. Ein Priester, anders als in der Kinderzeit, ihr zugewandt, aber mit einem Gesicht ohne Rätsel, erschien ihr als Fremder, ohne Glanz, jedoch mit einer unerklärlichen Schärfe in seiner Erscheinung. Ihr Blick irrte durch den leer wirkenden Raum, der in ein gläsernes Licht getaucht war. Es schien, als suchte sie darin etwas, das in dessen Erscheinung sowohl lieblich und dunkel als auch süß und friedlich war. Es war aber nicht zu finden.

Langsam, vorbei an fremden Menschen, mit einem unbekannten Schmerz in der Brust, näherte sie sich dem Ausgang. Fast unmerklich, mit dem Gefühl der leisen Ausschließung, hatte sie die Türe geöffnet und fand sich im Freien.

Es war sonnig und still. In den blühenden Forsythiensträuchern saßen schwer die Amseln. Sie ging langsam ihren Weg zurück, aber er schien ihr verändert. Das vertraute Gelände war immer noch bebaut, jedoch statt der einzelnen Bäume, Sträucher und Häuser sah sie mit einem Mal durch den Tränenschleier in den Augen nur noch ein großes, unbestimmtes Farbenfeld. Sie blieb stehen. Nach einiger Zeit wuchs aber der wieder klare Blick so hoch, daß sie weit hinter der Stadt, auf den Bergen, noch den Winter erkennen konnte. Das anheimelnde Geräusch einer Fahrradglocke ließ sie aufhorchen. Jetzt wußte sie, daß sie allein war.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau