7031241-1989_31_11.jpg
Digital In Arbeit

Lassen Sie sich animieren!

1945 1960 1980 2000 2020

Immer weniger Menschen wissen mit ihrer Freizeit etwas anzufangen. Darum haben Animateure und Urlaubsberater Hochsaison. Speziallehrgänge gehen auf diesen Trend ein

1945 1960 1980 2000 2020

Immer weniger Menschen wissen mit ihrer Freizeit etwas anzufangen. Darum haben Animateure und Urlaubsberater Hochsaison. Speziallehrgänge gehen auf diesen Trend ein

„So sollen Ebbe und Flut entstanden sein!“

Mit dieser trockenen Bemerkung begrüßt ein braungebrannter junger Mann einen Herrn in den sogenannten besten Jahren an der Wasseroberfläche. Dieser schickt sich gerade an, beim Auftauchen aus zwei Metern Tiefe den Swimmingpool auszutrinken.

Der junge Mann ist Animateur in einem Ferienclub und der heftig prustende und spuckende Herr im Neoprenanzug, mit einer Flasche Sauerstoff am Rücken, sein Schü-ler.

Einer von vielen, die an heißen Tagen erste Versuche unternehmen, die fremde Welt unter Wasser kennenzulernen und die hoffen, in der Tiefe neue Abenteuer zu finden.

Tauchen ist „in“ - sagt der Animateur. Und der muß es ja wissen, denkt der Urlauber.

Eigentlich würde er ganz gerne am Rand des Pools hegen und die Seele baumeln lassen, anstatt sich vor dem sportHch-durchtrainierten Tauchlehrer diese Blöße zu geben. Aber es gehört eine Portion Mut und Selbstbewußtsein dazu, die „Anregungen“ des Animateurs in den Wind zu schlagen und ganz einfach nichts zu tun.

Nicht zuletzt deshalb, weil im abendländischen Kulturkreis ein aktiver, sportlicher Mensch oft ein höheres Ansehen genießt, als ein passiver.

Und das wissen Animateure beziehungsweise die Manager der Ferienclubs - mehr oder weniger geschickt - auszunutzen.

Von Morgengymnastik über Bastei- und Tanzkurse, Inszenierungen von Theaterstücken und allen möglichen Spielen, werden sämtliche Sportarten, die im Zusammenhang mit Sommer, Sonne und Wasser stehen, geboten.

Wie sieht so ein Urlaubsprogramm mit einem Animateur nun aus?

Am Anreisetag wird dem Erholungshungrigen erst einmal alles gezeigt und er erfährt, wann und wo diverse Spiel- und Sportveranstaltungen stattfinden. Jeder kann jederzeit mitmachen und auch in laufende Kurse einsteigen. Die Teilnahme wird so einfach wie möglich gestaltet, um dem Urlauber erst gar nicht die Möglichkeit zu Ausreden zu geben wie: „Ich habe gar nicht gewußt, wo ich mich anmelden muß.“

Gymnastik und Tanzkurse werden an herrlichen und gut sichtbaren Plätzen abgehalten. Und natürlich nur von ästhetisch-schönen Menschen. Denn ein hübsches Mädchen in einem gut sitzenden Trikot animiert doch mehr als alles andere zum Mitmachen, oder?

Und immer und überall muß der Animateur selbstverständlich gut gelaunt dabei sein und ein Lächeln für jeden parat haben.

Einfach ist so ein Job nicht, aber das haben diese Touristikberufe so an sich: knallharte Streßberufe, die vollen persönlichen Einsatz verlangen. Und das im Durchschnitt zehn bis zwölf Stunden pro Tag.

Diese lange Arbeitszeit ist auch ein Grund dafür, warum viele, meist

junge Menschen, die mit dem Beruf Animateur die Vorstellung von ei-nem mehrmonatigen Urlaub verbinden, nach kürzester Zeit das Handtuch werfen. Denn die Wirklichkeit sieht anders aus. Sie verlangt dem Animateur einiges ab: stets freundlicher und sehr persönlicher Umgang mit allen Gästen, egal wie nervenaufreibend diese auch sein mögen.

Und zur sportlichen Belastung, fremder Kost und ungewohntem Klima kommt noch enormer psychischer Druck: Zuhören muß man können und zumindest so tun, als würde man für die Probleme der anderen Verständnis haben. Die eigenen Probleme hat ein Animateur natürlich selbst zu lösen, die interessieren die Urlauber nicht. Für ein geregeltes Privatleben bleibt meist auch nur wenig Platz.

Für viele wird auch der Alkohol zum Stolperstein. Der Job verlangt die Gestaltung des Nachtlebens im Club. Dabei sein bis zum bitteren Ende ist Pflicht Da gehört schon einiges an Charakterstärke dazu, die vielen Einladungen auf einen Drink freundlich dankend abzulehnen. Denn auf der anderen Seite verlangt der Manager, daß man die Gäste auch an der Bar animiert und das heißt mittrinkenl

Bei Clubanimation wird wenig Augenmerk auf Fähigkeiten und Eigenschaften wie Charakterstärke, Reife und Menschenkenntnis der Animateure gelegt Wer den Anforderungen nicht gewachsen ist, wird heimgeschickt Bezahlung gibt es für das erste Monat nicht, dafür aber einen Gratisrückflug.

Worauf legen die Manager bei den Einstellungsgesprächen nun Wert?Jung muß so ein Anwärter sein, aber nicht unter 2 0. Und schön muß er/sie auch sein. Schicke Clubatmosphäre verlangt nach schicken Leuten. Gefragt sind Fremdspra-chenkenntnis. Ansonsten sollten Animateure eine, oder besser, mehrere Sportarten beherrschen, zum Beispiel als Tauch- oder Surf lehrer ausgebildet sein, Bogenschießen und Tennis spielen können.

Jede noch so ausgefallene Sportart ist recht, nur Perfektion muß sein. Die hohe Qualität des eigenen Spiels soll die Urlauber zum Nachmachen animieren.

Ob sich da nicht mancher denkt: „So gut werde ich nie, und bevor ich mich blamiere, lasse ich das ganze doch lieber bleiben.“?

Immerhin sagen doch auch Spezialisten wie des Hamburger Freizeit-Forschungsinstitutes, daß der Aktivurlaub eine Legende ist, die dem Leitgedanken unserer Gesellschaft entspricht 72 Prozent wollen nämlich im Urlaub einfach nur abschalten und auf der faulen Haut liegen. Inden vergangenen acht Jahren ließ sich allerdings ein Aufwärtstrend bei den sportlichen Aktivitäten im Urlaub beobachten, sagen die Freizeitforscher, der derzeit bei rund 20 Prozent liegt Von einem Boom kann da sicher nicht die Rede sein. Aber es gibt einen interessanten Markt für Sport- und Aktionsprogramme, der von Sport-reisespeziaUsten und immer stärker auch von Ferienclubanbietern, die dem zunehmenden Wunsch nach spielerischen, leichten Aktivitäten entgegenkommen, bedient wird.

Vermehrt wird laut den Hamburger Forschern, der Zweit- oder Dritturlaub zum Aktivurlaub. Radfahren, Bergwandern, Paragleiten erfreuen sich zunehmender Beliebtheit.

Im lang herbeigesehnten Sommerurlaub aber wollen die Leute ihre Ruhe haben. Es reicht, wenn die Kinder gut betreut sind.

Im sogenannten Miniclub werden bevorzugt arbeitslose Kindergärtner und Lehrer eingestellt Die Manager wissen: Die Kinder von heute sind die möglichen Gäste von morgen.

Übrigens: Verheiratet dürfen Sie nicht sein, wollen Sie Ihr Geld als Animateur in einem Ferienclub verdienen. Darauf, daß zwischenmenschliche Beziehungen entstehen, bauen die Manager, mit eifersüchtigen Ehefrauen und -mannern aber wollen sie nichts zu tun haben.

Feinfühliger mit Gästen und Animateuren geht man in der sogenannten Hotelanimation vor.

In Österreich erst seit wenigen Jahren etabliert, versucht das Fremdenverkehrsgewerbe dadurch Qualitätstourismus zu bieten.

Meist sind Hotelanimateure Mitglieder der Untemehmerfamilie. Das hat Vorteile für Urlauber und Animateure: Hotelbesitzer wechseln in den seltensten Fällen ihren Arbeitsplatz. Und so kennen sie die meisten Gäste schon, wissen über Lieblingchampagnerund Lieblingsblumen Bescheid, können auf ihre Vorheben eingehen, ohne diese erst mühsam herausfinden zu müssen.

Wird eigens ein Animateur eingestellt, bringt das Probleme mit sich:

Es kann ihm passieren, daß Stammgäste die Umgebung besser kennen, als er selbst, der erst wenige Tage hier ist und sich noch erkundigen muß, wo man am besten einen verregneten Tage verbringen kann.

Meist hat er auch innerhalb des Betriebes mit Schwierigkeiten zu rechnen. Dem übrigen Personal -muß es nun in der schlimmsten Sommerhitze in der Küche stehen oder Stubendienst versehen - fällt es oft nicht leicht, die Tätigkeit des Animateurs als Arbeit zu akzeptieren.

Aber das „andere“ Personal vergißt meist, daß es ebenso anstrengend ist, den ganzen Tag parat zu sein, die Launen der Gäste zu ertragen, sich Vorwürfe wegen des schlechten Wetters anhorchen zu müssen und dann noch guter Stimmung zu sein und gute Ideen zu haben, auch wenn diese Arbeit nicht mit der eines Kellners zu vergleichen ist

Was erwartet nun der Hotelbesitzer als Arbeitgeber und was die Gäste von einem Animateur?

Auf den kürzesten Nenner gebracht Er soll möglichst alles wissen!

Erholung auch noch?

Er soll wissen, wo und wann welche Museen geöffnet haben, wo ein einsames Fleckchen Strand zu finden ist, wo es die schönsten Dimdl zu kaufen gibt Er soll Regentage in Erlebnistage verwandeln können, über die herrlichsten Wanderwege ebenso Bescheid wissen wie darüber, wo am Abend die beste Musik zu hören ist. Früh morgens soll er mit der einen Gruppe eine Bergtour starten, mit einer anderen Gruppe das Nachtleben genießen.

Zeit zum Erholen, zum Regenerieren bleibt da meist wenig.

Aber der moderne Gast verlangt Hnnflph Das beginnt schon mit der Planung des Urlaubs:

In allen österreichischen Fremdenverkehrsbüros stehen sogenannte Urlaubsberater zur Verfügung. Ihnen gibt man einige Kurzinformationen - wie zum Beispiel Kärnten, See, kleines Hotel, kinderfreundlicher Strand - und schon spucken sie wie ein Computer all ihr Wissen zu diesen Schlagworten aus und verraten, wo der nächste Urlaub hinführt

Damit ist jegliche Verantwortung abgeschoben. Wenn etwas nicht so ist, wie man sich das vorgestellt hat, dann kann man im nächsten Jahr nicht nur den Urlaubsort, sondern auch den Urlaubsberater wechseln.

Hat einem endlich jemand gesagt, wo man hinfahren mochte, so gilt es noch die Hürde der Anfahrt zu nehmen. Und um auf den überfüllten Autobahnen nicht auf sich allein gestellt zu sein, stehen dem geplagten Urlauber seit neuestem Stauberater zur Seite. Die „Seelentröster“ sind auf den am stärksten befahrenen österreichischen Autobahnen per Motorrad unterwegs, beraten über Staulänge und Ausweichmöglichkeiten, leisten seelische Hilfe und beheben kleinere technische Pannen.

Am Urlaubsort angekommen, kümmern sich dann die Animateure um das seelische und leibliche Wohl der Urlauber...

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau