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Lehrling werden — bald wieder „in“

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„Wer zu faul oder zu blöd für die Mittelschule ist, wird Lehrling“ - Stoßseufzer eines Tischlers. Stimmt das? Und wenn ja: Können wir uns diese Abwertung noch lange leisten?

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„Wer zu faul oder zu blöd für die Mittelschule ist, wird Lehrling“ - Stoßseufzer eines Tischlers. Stimmt das? Und wenn ja: Können wir uns diese Abwertung noch lange leisten?

Ist das Image des Lehrlings wirklich schon so verkommen? Und haben jene recht, die da sagen, das Lehrlingswesen als Ganzes wäre zum Sammelbecken einer negativen Auslese unseres Bildungssystems verludert?

Wenn das so sein sollte, und

• wenn auch in Zukunft beinahe die Hälfte aller jungen Leute bei uns ihr Berufsleben als Lehrling beginnen, und

• wenn diese vermutete negative Auslese dann womöglich noch die

Lehrlingsausbildner von morgen sein sollten, und

• wenn es stimmt, daß die vielen Milliarden, die unsere verstaatlichten Unternehmen fortwährend verschlingen, nicht zuletzt von den vielen Klein- und Mittelbetrieben erwirtschaftet werden müssen, und

• wenn es so wäre, daß die Lernfähigen und Lernwilligen nach der Volks- und Hauptschule in weiterführende Schulen aufsteigen und sich die Lehrbetriebe mit den logischerweise übriggebliebenen Lernunfähigen und Lern-unwüligen bescheiden müssen, und

• wenn es auch nur den leisesten Anschein haben sollte, daß viele Eltern alles tun, um ihren Kindern einen solchen heruntergekommenen Bildungsweg zu er* sparen,

dann ist Gefahr in Verzug.

Das gilt vor allem dann, wenn täglich viele Millionen Nachhilfeschillinge für Mittelschüler einen pervers-verlogenen Standesdünkel gewisser Eltern befriedigen müssen, die ihr eigenes Sozialprestige dadurch bestätigt oder gehoben sehen, wenn sie der Nachbarin verkünden können, daß „auch unsere Vera nächstes Jahr maturiert“.

Es ist schon richtig, wenn Eltern in die schulische Ausbildung ihrer Kinder auch Nachhilfegeld investieren. Denn heutzutage stellt oft allein schon die Tatsache, eine Matura zu besitzen, den Schlüssel zum Tor vieler Berufe dar.

Und es stimmt schon, daß man nie genug Bildung haben kann, aber — und darum geht es eigentlich: Es gibt eben keine niedere und keine höhere Büdung, sondern einzig einen richtigen und einen falschen Bildungsweg. Und für viele manuell geschickte und praktisch veranlagte Kinder ist ein mit Tränen und Nachhilfe erlittenes Gymnasium zweifellos ein falscher Büdungsweg.

Nun sind aber unsere Bildungsfahrpläne so angelegt, daß schon bei den Zehnjährigen lukrative Weichen in Mittelschulen wegführen. Und nach der Hauptschü-le bieten sich wieder neue Schulen an, die man zum Teü nur beginnt, um den Polytechnischen Lehrgang zu umgehen. Deshalb kann man oft nur hinter vorgehaltener Hand ausdrücken, was für den gewerblichen Nachwuchs bleibt.

Denn aus diesem mehrmals abgerahmten Topf kommen „am Ende“ jene Lehrlinge, von denen Betriebe wie Berufsschulen gleichermaßen klagen, daß sie kaum rechtschreiben und grundrechnen können, daß sie beim Ausfüllen eines Formulars und Verfassen eines Bewerbungsschreibens überfordert sind, eine Bedienungsanleitung nicht folgerichtig nachvollziehen können oder — so ein Berufsschuldirektor aus dem Oberösterreichischen: — ,,... mich ein Schüler mit gewerkschaftlich strengem Blick anmault: ,Sie, des derfens von mir gor net verlangen!'.“

Trotzdem sind wir überzeugt, • daß eine gute Lehre für viele junge Leute die geeignetste Foam der Berufsausbildung ist und gute Berufsaussichten bereithält;

• daß viele Betriebe und Berufsschulen vorbildlich ausbilden und

• daß unsere Klein-, Mittel- und Privatbetriebe mehr Sinngebung in Beruf und Arbeit vermitteln und bewahren können, als dies in unseren unüberschaubaren Renommiergiganten jemals möglich fst.

Wir erinnern uns, wie gleich zu Beginn der Regierung Kreisky die Abschaffung der Aufnahmeprüfung bei Mittelschulen Schlagzeilen machte. Es war schon richtig, „auch Arbeiterkinder müssen zur Matura gelangen können“. Das konnten sie zwar bisher auch, aber es war wohl meist die Ausnahme von einer Regel, wonach mehr Bildung in Erbpacht vergeben wurde.

Nun wurden also — wie es hieß — Bildungsbarrieren weggeräumt. Der dadurch ausgelöste Sturm auf die Matura hat aber dazu geführt, daß oft ganze Maturaklassen nicht wissen, wie es weitergehen soll.

Eine zweifellos gute Absicht hatte ein Bewußtsein geschaffen, wonach eben alles, was dazu einigermaßen in der Lage ist, „natürlich“ in die Mittelschule „gehört“, und jene, die nicht wollen oder nicht können oder deren Eltern nicht genug dahinter sind, die müßten halt weiter in die Hauptschule gehen.

Umso mehr ließ im Dezember 1985 der SP-Politiker und Spitzengewerkschafter Helmut Braun in Wien aufhorchen, als er von einer „Fehlentwicklung“ sprach: „Viele Eltern meinen es ja gut, aber für die Kinder ist das oft schlicht eine Katastrophe.“ Er appellierte an die Eltern, nicht aus bloßem Prestigedenken ihre Küv der in weiterführende Schulen zu zwingen, wenn diese es nicht wollen oder dazu nicht geeignet sind.

Kurzum: Von den 53 Prozent aller, die heute in weiterführende Schulen gehen — und dies ohne Rücksicht auf schwindende Berufsaussichten von AHS-Matu-ranten —, befinden sich nicht wenige nach übereinstimmender Ansicht aller drei Parlamentsparteien auf einem verkehrten Büdungsweg.

„Schön reden tut's nicht...“, sagt Kolping, und deshalb ist es auch zuwenig, für den Lehrling eine Lanze zu brechen, (das Erlernen eines Berufes gleichzeitig in Betrieb und Schule) hochzuhalten oder an der Glorie der AHS-Matura zu kratzen. Es ist traurige Wahrheit, daß Lehrlinge auch mal nur billige Arbeitskräfte sind, die man sich für betriebliche Interessen „herrichtet“ und die man nach Lehrabschluß und Behaltefrist durch neue ersetzt.

Und es gibt auch Betriebe, die aufgrund ihrer Spezialisierung dem Lehrling ein Beruf sbüd nicht mehr zur Gänze vermitteln können — und es dabei bewenden lassen. Aber aus solchen Betrieben beziehen jene ihre Argumente, die dieses duale Ausbildungssystem am liebsten durch überbetriebliche Einrichtungen ersetzen würden.

Die Interessenvertretungen der Gewerbebetriebe haben großes Interesse daran, daß das duale System auch morgen noch modellhaft bleibt, daß das Gewerbe auch morgen über gutausgebildete Facharbeiter verfügt, vor allem aber, daß das Gewerbe auch morgen noch seinen eigenen Nachwuchs selbst ausbilden darf. Deshalb dürfen die Kammern manchen ihrer Mitglieder auch ruhig auf die Finger klopfen und sie

• zu innerbetrieblichen Ausbü-dungskonzepten zwingen;

• anhalten, für zwischenbetriebliche Maßnahmen zu sorgen, wenn sie den Lehrlingen ein Be-rufsbüd nicht mehr zur Gänze. vermitteln können, und

• dazu drängen, daß der ,Aus-büdner“ auch wirklich ausbüdet.

Es nützt nämlich wenig, wenn in einem Betrieb der Inhaber oder einer seiner Mitarbeiter die Ausbüdnerprüf ung hat, damit der Betrieb überhaupt einen Lehrling ausbilden darf, wenn dann der Lehrling dem Gehilfen drei Jahre lang die Werkzeugkiste nachträgt.

Er — der Ausbildner — muß den Lehrling in die Berufs- und Arbeitswelt einführen, ihn beaufsichtigen, betreuen und sich für ihn Zeit nehmen. Er muß nicht nur fachliche, sondern auch pädagogische Fähigkeiten und Führungsqualitäten besitzen.

Er muß dem Lehrling alle Fertigkeiten und Kenntnisse des Berufes vermitteln, und er muß die gesamte Ausbüdung planen, durchführen und kontrollieren. Ein bißchen viel? Keineswegs! Wenn Betriebe die Lehrberechtigung bekommen und behalten wollen, dann muß auf diesem hohen Anspruch bestanden werden. Die Zeit spricht für den Lehrling. Der oft zitierte Pülenknick hat zur Folge, daß Mitte der Neunzigerjahre um ein Drittel (!) weniger Jugendliche die Schule verlassen als heute.

Bleibt noch, an die Eltern zu appellieren, doch an die Stelle der guten Absicht „Mein Kind soll es einmal besser haben!“ die Frage zu stellen: „Wie kann ich meinem Kind helfen, daß es glücklich wird; daß es seinen Platz im Leben findet und es schafft, aus dieser Position heraus seinen Lebensunterhalt zu verdienen?“

Der Autor ist Zentralpräses des Osterreichischen Kolpingwerkes.

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