7032734-1989_37_11.jpg
Digital In Arbeit

Leiden an der Vatersehnsucht

Viele Kinder und Jugendliche heute, die mir in meiner Arbeit als Psychotherapeutinbegegnen, leiden an „Vatersehnsucht“. Der einundzwanzigjährige Olaf, dessen Vater in seinem zehnten Lebensjahr die Familie verließ, um bei einer anderen Frau sein Glück zu suchen, sagt ebenso lakonisch wie versteckttraurig: „Ich ertappe mich immer wieder dabei, nach einem Vater zu suchen.“ Und die 45jährige Rita M. erklärt: „Ich renne wie eine Idiotin hinter alten Männern her, will mich an sie binden, lasse alle Selbständigkeit fahren. Ich benehme mich in dieser Hinsicht ganz unrealistisch und werde von meinen Idolen dann auch immer wieder enttäuscht. Ich glaube, es liegt daran, daß ich meinen Vater nie gekannt habe. Meine Mutter ist Kriegerwitwe, und ich habe das Leben in einer vollständigen Familie nie erlebt.“

Die Reihe dieser Beispiele ließe sich beüebig verlängern. So viele tapfere Frauen es auch gibt, die ihre Kinder ohne Vater aufziehen und sie zu seelisch gesunden, ausgeglichenen Menschen werden lassen, so deutlich zeichnet es sich doch auch ab, daß Menschen, die vaterlos aufwuchsen, diesen Umstand als eine Entbehrung, als ein Defizit erleben, das in ihnen einen „Nachholbedarf“ entstehen Ueß. Es erweist sich gerade im Zeitalter des Scheidungsbooms, daß der Vater für das Leben seiner Kinder mehr ist als nur der „Zeugungsfunke“, daß er eine höchst wesentliche Aufgabe hat im Entfaltungsprozeß seiner Kinder.

Die Aufgabe des Vaters im Erziehungsgeschehen ist groß und verantwortungsschwer; denn die Aussicht, daß Kinder zu seelisch gesunden Erwachsenen heranwachsen, ist wesentlich größer, wenn ein seelisch einigermaßen ausgeglichener Vater konstant dem Familienverband angehört. Eine erfreuliche Erscheinung unserer Zeit ist, daß junge Väter zunehmend aktiv an der Betreuung ihrer Kinder teilnehmen. Auch im Säuglings- und Kleinkindalter gibt es für den Vater manche die Familienmutter entlastende Handreichung. Die Beschäftigung des jungen Vaters mit seinen kleinen Söhnen und Töchtern kann eine festere und emotional poeitive-re Beziehung der Kinder zu ihm vorbereiten.

Die anerkennende Liebe zu seiner Frau, die auch verbal bekundet werden sollte, stärkt die Tragfähigkeit der Familienmutter, die gerade für die erste Lebenszeit der Kinder von zentraler Bedeutung ist.

Die Väter haben darüber hinaus, meist ein besseres Gespür für Verwöhnungen, es gelingt ihnen leichter nein zu sagen, Grenzen der Ansprüche zu setzen und von ihren Kindern Geduld zu fordern. Sie sind von ihrer Struktur her leichter fähig zur Konsequenz in der Erziehung. Konsequenz in der Erziehung aber ist keineswegs einfach überflüssig.

Kinder werden klarer, zufriedener, zukunftsfreudiger, wenn sie innerhalb ihres Werdeganges auch ihre Grenzen kennengelernt haben, wenn man ihnen auf diese Weise Orientierungshilfen vermittelte, die es ihnen möglich machen, nach vom zu sehen und die Kräfte dorthin zu konzentrieren, statt unentwegt durch Riesenansprüche die eigenen Grenzen breitflächig überschreiten zu müssen. Fehlt dieses Element ganz in der Erziehung der Kinder, so beginnt bereits vom Schulalter an das Leben sehr mühsam zu werden. Wer niemals zu verzichten gelernt hat, ist nicht bereit Schularbeiten zu machen. Wer keine Schularbeiten macht, versagt in der Schule, selbst wenn er hochintelligent ist. Wer in der Schule versagt, hat es sehr schwer, in einer Lehre durchzuhalten und zu einer angemessenen Berufsausbildung zu kommen.

Kinder brauchen ihren Vater aber noch in vieler anderer Hinsicht. Schon die Kleinen brauchen das Mann-Vorbild - die kleinen Mädchen, um in die Bereitschaft hineinzuwachsen, eines Tages eine Ehefrau zu werden. Mädchen ohne Vater haben häufig ähnliche Schwierigkeiten wie Rita. Sie haben nicht die Beziehung der Mutter zum Vater erlebt, sie haben nicht in der Liebe des Vaters zur Tochter in aller Unschuld die kleine Eva spielen können. Es klafft einfach eine wichtige Erfahrungslücke im Erleben. Diese Lücke ist gewiß nachholbar; aber das Werden zur Frau erfolgt mühevoller als bei Töchtern mit einer hebevollen Beziehung zum Vater.Und erst recht für die Söhne ist das Hineinwachsen in die Mannrolle sehr viel selbstverständhcher gesichert, wenn sie einen Vater haben, der sich um sie kümmerte, den sie bei der Arbeit sahen, dem sie nachstreben konnten.

Darüber hinaus wollen Kinder sich vom Grundschulalter ab zu einem Vater, ihrem Vater zugehörig fühlen. Ich kenne Kinder aus Kommunen, die verzweifelt' orientierungslos nach ihrem richtigen Vater auf die Suche gingen, weil dafür eine ganze Reihe von Männern in-frage kamen.

Am meisten brauchen die Kinder aber ihren Vater im Jugendalter als einen verläßlichen Menschen, der mit sich reden läßt: Über Fragen um die Berufswahl, nach dem Sinn des Lebens, nach politischen Einstellungen, Fragen um die Liebe und die Beziehung zu Menschen. In Gesprächen der Jugendlichen mit ihren Vätern wird mehr als in solchen mit den Müttern der Sinn für überpersönliche Verantwortung geweckt, kann mehr das Wissen um die Notwendigkeit entstehen, über den Tellerrand der eigenen Interessen hinauszuschauen, wenn das Leben zu einer optimalen Erfüllung kommen soll.

Freilich: Nur Menschen, die wahre Verantwortung für die Zukunft leben, können ihre Kinder überzeugen und ihnen bei ihren Zielsetzungen helfen. Väter, die nur dem Geld oder der Karriere nachrennen, bewirken bei ihren Söhnen Verach-. tung, ja eine aggressive Traurigkeit, weil sie ohne Halt und Vorbild auf den Lebensweg geschickt werden. Deshalb suchen sie dann oft wahllos den Vater - in alten Männern, in zweifelhaften Idolen. Lebensziele ohne Illusionen, Lebensziele geistiger Wirklichkeit kann nur ein realer Vater geben - und es wird höchste Zeit, daß er diese Aufgabe ganz bewußt für seine Kmderübernimmt, damit so viele von ihnen nicht weiter in die Irre gehen.

Die jungen Väter, die ihre Kinder stolz auf den Schultern durch die Straße tragen, die mit Bekenntnisfröhlichkeit die Kinderwagen schieben, geben viel Anlaß zur Hoffnung: auf eine Generation von Vätern, die sich ihrer Verantwortung für die Familie, der Notwendigkeit ihrer Zuwendung zu den Kindern ganz bewußt sind und dies durchhaltend verwirklichen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau