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Leiden der Zivilbevölkerung

FURCHE: Das Ziel der 1971 gegründeten UNDRO ist die Koordinierung verschiedener humanitärer Organisationen im Falle von Katastrophen. Wie wird das Katastro-phenhilfswerk dieser Aufgabe während der Golfkrise gerecht?

FERDINAND MAYRHOFER-GRÜNBÜHEL: Wie es auch bei Naturkatastrophen der Fall ist, versuchen wir zunächst die Hilfsorganisationen innerhalb des UN-Systems und auch andere humanitäre Organisationen zu koordinieren. Dabei wollen wir sicherstellen, daß die bei einer Katastrophe zur Verfügung gestellten Mittel optimal eingesetzt und doppelte Aktionen vermieden werden. Jetzt, während der Golfkrise, haben wir jeden zweiten Tag mit den betroffenen Organisationen, dem Flüchtlingshochkomissa-riat (UNHCR), der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Unicef, und dem Welternährungsprogramm (WFP) Sitzungen im Genfer UNO-Palais. Außerhalb der UNO sind die internationale Organisation für Migration (OMI) und das Internationale Rote Kreuz (IKRK) daran beteiligt. Die UNDRO besteht aus einem kleinen Stab von 51 Mitarbeitern, verfügt aber zusätzlich in einem Bedarfsfall wie diesem, über eine Anzahl von Experten. Zur Zeit liegt der Hauptakzent unserer Arbeit dabei, in den vier Ländern Jordanien, Türkei, Syrien und Iran die Aufnahme von Flüchtlingen vorzubereiten. Dabei kümmern wir uns um Zelte, Nahrungsmittel, den Transport und die Gesundheitsversorgung.

Wir könnten im Bedarfsfall in jedem dieser Länder 10.000 Menschen versorgen. Im Iran wurde für die Ankunft von 50.000 Flüchtlingen geplant. Die Grenzen zur Türkei sind auf irakischer Seite nach wie vor geschlossen und vermint. In Syrien sind Nahrungsmittel vorhanden, mit denen 100.000 während eines Monats verpflegt werden können. Der Flughafen von Amman ist noch geöffnet, in der letzten Zeit kamen in Jordanien mehr als 5.000 Flüchtlinge an. Es existieren dort jetzt sechs Lager für insgesamt 60.000 Menschen, die Lebensmittel reichen für 450.000 Menschen, ebenfalls für einen Monat.

FURCHE: Wie hat die UNDRO auf den irakischen Einmarsch in Kuweit am 2. August reagiert?

MAYRHOFER-GRÜNBÜHEL: Die UNO und die anderen Organisationen geben im Prinzip nur Hilfe, wenn sie darum gebeten werden. Dies ist auch in unserer Sicht in der Definition des Wortes Katastrophe enthalten; für uns ist eine Katastrophe etwas, womit ein Land nicht allein fertig wird. Jordanien, das Haupttransitland für die Vertriebenen, hat lange Zeit gedacht, daß es selbst mit den Schwierigkeiten fertig werden könnte. Doch als wir sahen, welche Ausmaße dieses Problem angenommen hatte, haben wir die Initiative ergriffen und die jordanische Regierung gefragt, ob sie Hilfe wolle. Und haben dann prompt am 22. August eine positive Antwort erhalten.

FURCHE: Ein Motto der UNDRO lautet, „daß die richtige Hilfe, die richtigen Menschen zur richtigen Zeit erreiche”. Lassen sich diese Voraussetzungen beim Einsatz im Golfkrieg wirklich erfüllen?

MAYRHOFER-GRÜNBÜHEL: Die erste Phase bis Anfang November, bei der wir an der Repatriierung von mehr als 700.000 Leuten beteiligt waren, hat sehr gut funktioniert. Wir haben uns dabei nur mit der Hilfeleistung der Flüchtlinge aus dem Irak in die Transitländer und der Unterstützung bei einer Rückführung in ihr Heimatland befaßt. Dann haben wir uns auf mögliche Kampfhandlungen vorbereitet, jedoch sind seit dem 15. Jänner weniger Flüchtlinge als erwartet aus dem Irak herausgekommen. Zur Zeit sind die Möglichkeiten der Ausreise sehr gering geworden. Die Leute haben Angst, es gibt fast keine Transportmittel und Benzin ist kaum erhältlich. Wir haben keine genauen Zahlen, wieviele Menschen im Irak noch festgehalten werden.

FURCHE: Manspricht davon, daß ungefähr 5.000 Flüchtende wieder nach Bagdad zurückgeschickt wurden, weilihnen anscheinend die richtige Ausreisegenehmigung fehlte.

MAYRHOFER-GRÜNBÜHEL: Es ist richtig, daß mehr als 1.000 Leute an der Grenze waren, ein Teil von ihnen konnte Jordanien verlassen, ein anderer Teil wurde angeblich aufgefordert, nach Bagdad zurückzufahren, um sich Ausreisedokumente zu besorgen. Wir sind aber dabei, nach einer Lösung zu suchen, damit man die Menschen nicht mehr zwingt, nach Bagdad zurückzureisen. Denn alle diese Flüchtlinge scheinen im Besitz von Ausreisevisen zu sein. Es gibt zur Zeit zwischen Amman und Bagdad diesbezügliche Gespräche.

FURCHE: Laut Berichten sind Flüchtlinge gezwungen, auf irakischer Seite lange Zeit ohne Nahrungsmittel und ohne Schutz vor der winterlichen Wüste zu verbringen.

MAYRHOFER-GRÜNBÜHEL: Es ist richtig, daß die Bedingungen aufgrund der Kälte und des Nahrungsmangels rauh sind. Allerdings befinden sich kaum Babies oder ältere Leute unter ihnen. Man kann sagen, daß allgemein der Gesundheitszustand dieser Menschen nicht schlecht ist, jedoch leiden die meisten wegen der großen Unsicherheit unter sehr starken psychischen Streßerscheinungen.

FURCHE: Gibt es eigentlich, wie beimIKRKauchirgendwelche UNO-Delegierte im Irak? Der Irak ist ja auch ein Mitglied der Vereinten Nationen.

MAYRHOFER-GRÜNBÜHEL: In Bagdad befindet sich die große regionale Organisation ESC WA (Economic and Social Commission for Western Asia), die sich mit wirtschaftlicher und sozialer Zusammenarbeit befaßt, sie wurde allerdings seit August immer mehr reduziert. Nach meinen Informationen befindet sich zur Zeit kein Mitarbeiter mehr im Irak. Sie wurden alle zu Beginn der Kampfhandlungen von der UNO abgezogen. Jedoch gibt es dort weiterhin irakische UNO-Angestellte.

FURCHE: Sind bei der UNO ge-nügendlokale Mitarbeiterangestellt, um in solchen Krisenzeiten Kontakte aufrecht zu erhalten?

MAYRHOFER-GRÜNBÜHEL: Dies trifft sehr stark zu, jedoch funktionieren wegen des Kriegszustandes mit dem Irak diese Verbindungen nicht mehr. Aber in den umliegenden Ländern haben wir sehr viele lokale Angestellte, so in Syrien, in Jordanien, in der Türkei, im Iran, die sich nach den tatsächlichen Bedürfnissen vor Ort erkundigen können.

FURCHE: Viele der Flüchtlinge sind ja Moslems. Gibt es da nicht Probleme bei der Unterbringung von Frauen?

MAYRHOFER-GRÜNBÜHEL: Während der ersten Phase unseres

Einsatzes waren diese Schwierigkeiten sehr stark präsent. Da wir in Jordanien acht Lager zur Verfügung hatten, war es möglich, sehr schnell zu reagieren. Man trennte die Nationalitäten und Religionsbekenntnisse, und konnte so auch auf die verschiedenen Nahrungsgewohnheiten Rücksicht nehmen.

FURCHE: Besteht die Gefahr, daß in diese Zeltstädte Terroristen eingeschleust werden?

MAYRHOFER-GRÜNBÜHEL: Theoretisch besteht diese Gefahr, aber Gott sei Dank hatten wir dieses Problem bis jetzt nicht. Die lokalen Regierungen stellen den Schutz für diese Lager zur Verfügung. Da die Flüchtlinge zwei Grenzkontrollen durchlaufen haben, die bei der Überprüfung relativ genau waren und dadurch für die Ausreisenden ja auch zeitweise Stauungen verursacht haben, scheint sich die Gefahr von Waffenbesitz verringert zu haben.

FURCHE: Sie rechnen doch mit Kosten von 175 Millionen Dollar (etwa zwei Milliarden Schilling) für die Hilfsmaßnahmen während der Golfkrise. Wieviel von dieser Summe haben Sie bis jetzt von den Geberländern zur Verfügung gestellt bekommen?

MAYRHOFER-GRÜNBÜHEL: Der von uns erstellte Plan beläuft sich auf diese Summe. Nachdem wir aber nicht wissen, wie sich die Situation tatsächlich entwickeln wird, haben wir für die wichtigsten Vorbereitungen zunächst 38 Millionen Dollar beantragt. Es freut mich sagen zu können, daß wir die erste formelle Verpflichtung über den erheblichen Betrag von einer Million Dollar von Österreich bekommen haben. Den größten Beitrag hat Japan bezahlt mit 38 Millionen Dollar, von den USA und aus Schweden kamen je drei Millionen Dollar. Es handelt sich wahrscheinlich um den größten Einsatz, an dem sich die UNDRO bis jetzt beteiligt hat. Besonders erfreulich ist die hervorragende Zusammenarbeit aller beteiligten Organisationen. Wir hoffen natürlich, daß dieser Krieg bald beendet wird, vor allem wegen der großen Leiden der Zivilbevölkerung.

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