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Leidiger Methodenstreit

Seit der Veröffentlichung der Enzyklika „Humanae Vitae“ über die „rechte Ordnung der Weitergabe des menschlichen Lebens“ vor 20 Jahren haben die Diskussionen über ihre Aussagen kein Ende gefunden. Meistens spielen sie sich als Methodenstreit ab: natürliche Familienplanung gegen künstliche Verhütung. Und viele verstehen nicht, warum das eine erlaubt und das andere sündhaft sein soll.

In diesen endlosen Diskussionen wird oft etwas Wesentliches übersehen: „Humanae Vitae“, „Familiaris Consortio“ und die Predigten Johannes Paul II. wollen nicht einen (technischen) Methodenstreit entscheiden, sondern eine frohe Botschaft vom erfüllten und erfüllenden ehelichen Leben verkünden.

In den päpstlichen Lehraussagen geht es daher immer zuerst um das Wesen der Ehe — und zwar der christlichen Ehe. Deswegen wendet sich „Familiaris Consortio“ auch nur an die Gläubigen und „Humanae Vitae“ außerdem noch an Menschen guten Willens. Und die frohe Botschaft lautet wie eh und je: Sorge Dich nicht ängstlich, laß Dich im Vertrauen auf Gott ganz auf Deinen Partner ein, denn wo wahrhaft geliebt wird, wächst die Einheit!

Leider unterliegt das Wort Liebe heute vielen Fehldeutungen. Daher muß man es aus christlicher Sicht deuten: Wer liebt, übernimmt Verantwortung, macht sich das Wohl des Partners zum eigenen Anliegen, sagt unbedingt ja zu ihm, zu seiner ganzen Person, seiner Vergangenheit und Zukunft, zu seinen körperlichen und psychischen Gegebenheiten.

Zu diesen körperlichen Gegebenheiten gehört nun einmal auch die Fruchtbarkeit des Mannes und der Frau. Wer wirklich ja zu seinem Partner sagt, bejaht auch dessen Fruchtbarkeit und versucht nicht, sie mit Gewalt oder Chemie wegzuretuschieren, behandelt sie nicht wie eine Krankheit. Welche Schäden das anrichtet, haben ja insbesondere die Frauen im jahrzehntelangen Umgang mit Pille, Spirale, Spermiziden, Diaphragma und so weiter erfahren müssen.

Aber noch einmal: Es geht nicht primär um eine alternative Methode der Verhütung, sondern um eine Alternative zur weitverbreiteten Verhütungsmentalität. Diese läßt das Kind von Anfang an als Bedrohung des eigenen sexuellen Glücks erscheinen. Schon der Jugend wird suggeriert: Jeder hat ein Recht auf sexuelle Erfüllung, vorausgesetzt, er vermeidet das Eintreten einer Schwangerschaft.

Diese Verhütungsmentalität ist ihrem Wesen nach unchristlich. Sie verleitet den Menschen dazu, das eigene Wohl wichtiger zu nehmen als das der anderen. Auf diesem geistigen Hintergrund wächst die Bereitschaft zur Abtreibung, verordnen Männer ihren Frauen gesundheitsschädliche Verhütungspraktiken, wird das Kind zum Gegenstand von Kosten-Nutzen-Uberlegungen. Schwangere Frauen sind nicht mehr guter Hoffnung, sondern müssen sich — häufig unter massivem Gegendruck—ein Ja zu ihrem Kind abringen.

Dem stellen die Päpste die Frohbotschaft entgegen: Sorget Euch nicht ängstlich um Eure Nachkommenschaft und verhütet nicht um jeden Preis. Gott weiß doch viel besser, was Ihr nötig habt, als Ihr selbst das ausrechnen könnt! Werft die Bürde der Chemie weg und lernt, daß man sich Liebe und Hingabe nicht nur in der sexuellen Begegnung, sondern auch in der Enthaltsamkeit bezeugen kann!

Damit ist nicht der hemmungslosen Vermehrung das Wort geredet. Nicht die Zahl der Kinder ist der Maßstab für das Gelingen der christlichen Ehe. Jedes Paar ist vielmehr berufen, den Willen Gottes für den eigenen gemeinsamen Weg zu erkennen. Und das kann durchaus Beschränkung der Kinderzahl bedeuten. Schließlich gehören ja die unfruchtbaren Zeiten im Zyklus der Frau auch zur Wahrheit ihrer Person. Diese Konstellation wäre sinnlos, hätte Gott die sexuelle Begegnung nur in den Dienst der Fortpflanzung stellen wollen.

Sich an diesen Zeiten auszurichten, ist also konform mit der Wahrheit der Person. Wer so handelt, bringt zum Ausdruck, daß er nach bestem Wissen und Gewissen meint, bis auf weiteres kinder-* los bleiben zu sollen, verzichtet aber darauf, diese Vorstellung um jeden Preis durchzusetzen.

Denn Ungewißheit bleibt Teil des Alltags dieser Paare. Dafür sorgen Zyklusschwankungen und zweideutige Messungen. Und das ist gut so. Wir sollen uns ja nicht zu Herren unserer Zukunft aufspielen. Denn: Letztlich soll Dein Wille geschehen, Gott, und ich kann mich geirrt haben.

Damit wird klar, daß man über diesen Fragenkomplex nicht rein weltlich reden kann. Auf dieser Ebene überzeugen bestenfalls die negativen Gesundheitsfolgen der künstlichen Verhütung und der Abtreibung.

Die Botschaft der Päpste freudig annehmen werden letztlich nur jene, die bereit sind, den Willen Gottes zu tun. Sie machen dann allerdings die Erfahrung, daß periodische Enthaltsamkeit keineswegs ein Programm für sauertöpfische Kostverächter, sondern im Gegenteil sehr segensreich für die Beziehungen — auch für die sexuellen — ist. Und sie lernen ihr Leben — und auch ihre Kinder — als Geschenk anzunehmen.

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