Affäre Schilling: Politik als Fiebertraum

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Österreichs EU-Wahlkampf ist endgültig zur Groteske geworden – und stellt sogar die "Freie Republik“ der Wiener Festwochen in den Schatten. Die Folgen könnten verheerend sein.

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Österreichs EU-Wahlkampf ist endgültig zur Groteske geworden – und stellt sogar die "Freie Republik“ der Wiener Festwochen in den Schatten. Die Folgen könnten verheerend sein.

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Vermummte jagen durch das Wiener Rathaus. Sie rufen nach Revolution, sie rempeln Aktenträger beiseite und stürmen vorn, auf dem Rathausplatz, mit pinken, grünen und schwarzen Stricksturmhauben auf die Bühne. „Vorbei die Zeit der Hinterzimmer und der Gremien“, lautet ihr Motto, nun kommen „Wiener Prozesse“ und ein „Rat der Republik“. Gemeinsam tönt man Rebellensongs, und am zornigsten rebellieren die Frauen: „Ich töte euch alle / Ich bring euch alle um / Vielleicht häng ich euch auf / Vielleicht stech ich euch in den Bauch“, schleudert „Bipolar Feminin“ den alten, weißen, kapitalis­tischen Besserwissern entgegen.

Die Provokation war naturgemäß gewollt bei der Eröffnung der Wiener Festwochen, für die heuer der linksaktivistische Tausendsassa Milo Rau als Intendant verantwortlich zeichnete. Und die FPÖ reagierte wie auf Geheiß: Wegen des Stücks „Fotzenschleimpower gegen Raubtierkaputtalismus“ von Mateja Meded stellte man eine parlamentarische Anfrage an Minister Werner Kogler.

So weit, so absehbar. Gehört doch das Anarchische, Widerständige, lustvoll Bedrohliche sui generis zur Kunst. Und doch verstörte der diesjährige Festwochen-Auftakt noch ein wenig anders. Lag es am kurz davor geschehenen Attentat auf Robert Fico, dass Slogans wie „Ich töte euch alle“ plötzlich etwas anders klangen? Lag es an der Realexistenz eines verschwörungsaffinen „Anti-System-Volkskanzlers“, dass die Lust auf Entmachtung der „Hinterzimmer“ und „Gremien“ ihren radikalen Witz verlor? Tatsächlich revoltierte man auf dem Rathausplatz haarscharf am Abgrund. Der Eklat rund um ein Transparent, das als Sympathieerklärung für die terroristische Hamas gedeutet wurde, aber inmitten farblich ebenso einschlägiger „Freie Repu­blik“-Flaggen fast unterging, offenbarte den schmalen Grat.

Unendliche Affäre Schilling

Wie schmal im Politaktivismus der Grat zwischen Ambition und Destruktion verläuft, zeigt sich indes an der Affäre rund um Lena Schilling, die nunmehr eine weitere Wendung nahm. Warf man der EU-Spitzenkandidatin der Grünen zunächst „nur“ Charakterschwäche vor, so geht es in den jüngsten, wiederum vom Standard publizierten Vorwürfen um unterstellte Wählertäuschung. In persönlichen Gesprächen wie auch in Chats soll Schilling davon gesprochen haben, nach der EU-Wahl von den Grünen zur Linksfraktion im EU-Parlament wechseln zu wollen. Auch habe sie ihr Leben lang „niemanden so sehr gehasst“ wie die Grünen, heißt es laut Standard in einem Chat von Ende Jänner dieses Jahres. Doch wenn sie erst einmal zur Spitzenkandidatin gewählt sei, könne die Partei „nichts mehr machen“.

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