Leitartikel

Die autoritäre Versuchung

1945 1960 1980 2000 2020

Nichtdiskriminierender Umgang mit Menschen verschiedener geschlechtlicher Identitäten macht eine liberale Gesellschaft aus. Doch das haben längst noch nicht alle akzeptiert.

1945 1960 1980 2000 2020

Nichtdiskriminierender Umgang mit Menschen verschiedener geschlechtlicher Identitäten macht eine liberale Gesellschaft aus. Doch das haben längst noch nicht alle akzeptiert.

Noch sind die Stimmen hierzulande nicht extrem laut. Dennoch lösten das Zerreißen einer Regenbogenfahne und das öffentliche Denunzieren von Homosexuellen als „Kinderschänder“ bei einer rechtsrechten Demonstration in Wien Irritationen aus.

Trotz aller Schwierigkeiten, weiter bestehender Diskriminierungen und auch ob der angesprochenen Vorkommnisse ist festzuhalten: Die gesellschaftliche Emanzipation von Homosexuellen ist in den mittel­- und westeuropäischen Gesellschaften eine Erfolgsgeschichte. Gleichzeitig zeigen die Entwicklungen der letzten Jahre, vor allem die Diversifizierungen in verschiedene geschlechtliche Identitäten, dass es sich um eine höchst komplexe Fragestellung handelt.

Das erweist sich schon an der semantischen Unmöglichkeit, das Phänomen zu fassen. Die Abkürzung LGBT+ (für Lesbian, Gay, Bisexual, Tansgender, das Plus subsumiert weitere Identitäten) bürgert sich langsam ein und wird mittlerweile um weitere Großbuchstaben-­Zusätze erweitert, weil auch dieses Akronym nicht alles, was an sexuellen Identitäten möglich ist, abbildet. Wenig verwunderlich, wenn es – wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen – auch hier große Verunsicherungen gibt, die man mit dem Rückgriff auf die vermeintlich einfache, „althergebrachte“ Heteronormativität auszublenden sucht. Was etwa der Rechtspopulismus im politischen Bereich an Vereinfachungen anbietet, gilt analog bei der neuen Unübersichtlichkeit sexueller Identitäten.

„LGBT-ideologiefreie Zonen“ in Polen

Auffällig bleibt dabei, dass dort, wo sich die autoritäre Versuchung im politischen Bereich durchsetzt, auch die neue/alte Diskriminierung von Homosexuellen (sei dieser Begriff nun pars pro toto verwendet) fröhliche Urständ feiert. Ob die Autokratie à la Putin oder die Zunahme von polnischen Gemeinden, die sich zur „LGBT­-ideologiefreien Zone“ erklären: Gemeinsam ist diesen Bestre­bungen das autoritäre Grundmuster allemal.

Noch sind die Stimmen hierzulande nicht extrem laut. Dennoch lösten das Zerreißen einer Regenbogenfahne und das öffentliche Denunzieren von Homosexuellen als „Kinderschänder“ bei einer rechtsrechten Demonstration in Wien Irritationen aus.

Trotz aller Schwierigkeiten, weiter bestehender Diskriminierungen und auch ob der angesprochenen Vorkommnisse ist festzuhalten: Die gesellschaftliche Emanzipation von Homosexuellen ist in den mittel­- und westeuropäischen Gesellschaften eine Erfolgsgeschichte. Gleichzeitig zeigen die Entwicklungen der letzten Jahre, vor allem die Diversifizierungen in verschiedene geschlechtliche Identitäten, dass es sich um eine höchst komplexe Fragestellung handelt.

Das erweist sich schon an der semantischen Unmöglichkeit, das Phänomen zu fassen. Die Abkürzung LGBT+ (für Lesbian, Gay, Bisexual, Tansgender, das Plus subsumiert weitere Identitäten) bürgert sich langsam ein und wird mittlerweile um weitere Großbuchstaben-­Zusätze erweitert, weil auch dieses Akronym nicht alles, was an sexuellen Identitäten möglich ist, abbildet. Wenig verwunderlich, wenn es – wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen – auch hier große Verunsicherungen gibt, die man mit dem Rückgriff auf die vermeintlich einfache, „althergebrachte“ Heteronormativität auszublenden sucht. Was etwa der Rechtspopulismus im politischen Bereich an Vereinfachungen anbietet, gilt analog bei der neuen Unübersichtlichkeit sexueller Identitäten.

„LGBT-ideologiefreie Zonen“ in Polen

Auffällig bleibt dabei, dass dort, wo sich die autoritäre Versuchung im politischen Bereich durchsetzt, auch die neue/alte Diskriminierung von Homosexuellen (sei dieser Begriff nun pars pro toto verwendet) fröhliche Urständ feiert. Ob die Autokratie à la Putin oder die Zunahme von polnischen Gemeinden, die sich zur „LGBT­-ideologiefreien Zone“ erklären: Gemeinsam ist diesen Bestre­bungen das autoritäre Grundmuster allemal.

Wo sich die autoritäre Versuchung durchsetzt, feiert die Diskriminierung von Homosexuellen fröhliche Urständ.

Otto Friedrich

Das gilt im Übrigen gleichermaßen für die katholische Kirche, deren Umgang mit Sexualität an sich längst noch nicht zu Ende diskutiert ist. Im Bereich der gleichgeschlechtlichen Beziehungen sind es immer noch kleine Pflänzchen, die etwa im deutschen oder angelsächsischen Sprachraum deutlich auch die moraltheologische Diskussion befruchten, die aber anderswo stärkste Abwehrreaktionen und eben die Denunziation als „Ideologie“ hervorrufen.

Derartigen Geist atmet auch das jüngste Dokument der polnischen Bischöfe zum Thema, das wohl davon spricht: „Jeder Akt physischer oder verbaler Gewalt, jedes hooliganartige Verhalten und jede Aggression gegen LGBT+-­Menschen ist inakzeptabel.“ Gleichzeitig wird dort aber jede homosexuelle Aktivität als untragbar qualifiziert: „Angesichts der verschiedenen biblischen und theologisch­moralischen Interpretationen, die das moralische Übel homosexuellen Verhaltens leugnen, erinnert die Kirche daran, dass ihre Lehre in dieser Angelegenheit auf dem Wort Gottes, der lebendigen apostolischen Tradition und dem Naturrecht beruht. Sie ist daher universell, zeitlich und räumlich unveränderlich und unfehlbar.“

Ob der humanwissenschaftlichen Befunde zu dieser Thematik mutet solch apodiktische Rede wie aus der Zeit gefallen an. Man kann natürlich weiter behaupten, dass die Erde ein Scheibe sei (weil man Selbiges aus der Bibel ableitet …). Bei den Verschwörungsmythikern, die auf Demos Regenbogenfahnen zerreißen, soll diese Ansicht immer noch nicht auszurotten sein. Die katholische Kirche wäre aber schlecht beraten, sich in derartige Gesellschaft zu begeben.

Wie gesagt: Das alles hat mit der auto­ritären Versuchung zu tun. Und die ist auch im europäischen wie im katholischen Kosmos weiter präsent. Sie wird gar noch stärker. Leider.