Leitartikel

Die Flammenbilder aus Paris

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn der Brand der Notre-Dame ein Fanal war, dann zuvorderst für die Fragilität der Kultur.

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn der Brand der Notre-Dame ein Fanal war, dann zuvorderst für die Fragilität der Kultur.

Bilder sind in der Gegenwartskultur wirkmächtig, erst recht in Zeiten von World Wide Web und Social Media. Nicht erst seit 9/11 ist klar, dass Identitäten und deren Gefährdung durch global verbreitete Bilder wesentlich bestimmt werden: Wer über mächtige Bilder verfügt, kann die Welt beeinflussen. Vor diesem Hintergrund laden die Flammenbilder aus der Notre-Dame de Paris natürlich zu vielerlei Verzweckung ein.

Bilder sind in der Gegenwartskultur wirkmächtig, erst recht in Zeiten von World Wide Web und Social Media. Nicht erst seit 9/11 ist klar, dass Identitäten und deren Gefährdung durch global verbreitete Bilder wesentlich bestimmt werden: Wer über mächtige Bilder verfügt, kann die Welt beeinflussen. Vor diesem Hintergrund laden die Flammenbilder aus der Notre-Dame de Paris natürlich zu vielerlei Verzweckung ein.

Es wäre sinnvoll, sich zunächst einmal nüchtern an die bislang bekannten Fakten zu halten: Ein mittelalterliches Kulturdenkmal ersten Ranges ist ein Raub der Flammen geworden. Ein scheinbar aus Stein gemeißelter Bau brannte lichterloh – und wie Brandexperten erläutern, überraschte dieser Verlauf Fachleute keineswegs. Und weil ein 800 Jahre altes Bauwerk nicht auf der Brandschutzhöhe des 21. Jahrhunderts sein kann, geschah am Montagabend das Unfassbare. Aber natürlich bildet rein rationale Analyse nicht alle Überlegungen ab, die nun angestellt werden: Die Bilder dieser Devas tierung, die in Echtzeit über den Globus huschten, werden im kollektiven Gedächtnis präsent bleiben.

Verschwörungstheorien

Ein perfektes Substrat für Verschwörungstheorien, die gleich ins Kraut zu schießen begannen. Auch wenn valide Informationen zur Brandursache bei Redaktionsschluss nicht bekannt waren, wussten viele im Web längst, dass es ein islamistischer Anschlag gewesen sein musste. Und wenn davon nichts berichtet würde, wäre es das übliche Schweigekartell aus Politik und Medien, das die „wahren“ Hintergründe hintanhält. „Pikant, doch von den Mainstream-Medien verschwiegen“, so etwa die süffisante Andeutung auf der FPÖ-nahen Webseite wochenblick.at.

Der Brand der Notre-Dame ist kein Symbol für den Untergang des Abendlandes. Aber auch nicht einer subkutan weiter mächtigen Religiosität des Kontinents.

Aus dem konservativen Spektrum wiederum wurde die Gottlosigkeit Frankreichs wie Europas herangezogen, von der Französischen Revolution bis zur Herrschaft der Freimaurer gebe es allzuviel, weswegen der Brand von Paris aufrütteln müsse. Proto typisch Gabriele Kuby im Internetportal kath.net: „Hätte es ein Symbol geben können, das lauter schreit: ‚Kehrt um!‘? Das Herz des Christentums ist getroffen“, ereifert sich die– auch von gemäßigt konservativen Bischöfen geschätzte – Publizistin. Und weiter: „Die westliche Welt ist abgefallen vom Glauben.“ Kuby bringt auch gleich ihre kirchenpolitische Agenda an: „Bischöfe seht das Fanal! Kardinal Marx, setzen Sie ein Zeichen und streichen Sie die synodale Anpassung an eine moralisch korrumpierte Welt!“

Nüchternheit statt Betroffenheitsprosa

Solche Betroffenheitsprosa mag unerträglich sein. Es ist aber nicht zu bestreiten, dass die Ereignisse von Paris auf einer symbolischen Ebene gravierend wirken. Wie eine Stadt, ein Land, die katholische und restliche Welt jenseits von Verschwörungsfantasien sich – natürlich unterschiedlich – betroffen zeigten, ist erstaunlich. Nicht wenige Kommentatoren registrierten, wie sehr im laizistischen Frankreich die Zerstörung eines religiösen Wahrzeichens Köpfe und Herzen bewegt. Spielt Religion auch im säkularen Europa dochnoch eine markante Rolle? Man rät dennoch zur Nüchternheit: Der Brand der Notre-Dame ist kein Symbol für den Untergang des Abendlandes. Aber auch nicht einer subkutan weiter mächtigen Religiosität des Kontinents. Wenn schon, dann kann man die Bilder aus Paris als Zeichen der Fragilität der Kultur deuten. Auch deren steinerne Zeugen sind nicht haltbar. In Zeiten frappant schwindender Gewissheiten wäre das ein Zeichen zur Zeit: Auch Demokratie, Menschenrechte, gesellschaftlicher Zusammenhalt, selbst die Religion sind nicht in Stein gemeißelt. Sie bedürfen des Brandschutzes.

Und wenn dieser versagt, der Anstrengung des Wiederaufbaus. Und, ja, natürlich können und dürfen Christen, die dieser Tage den Durchgang Jesu Christi durch den Tod hin zum neuen Leben meditieren und feiern, ihren Glauben einsetzen, um zu den Bildern des 15. April ihre dennoch unbändige Hoffnung dazuzustellen. Die Schlagzeile der Pariser katholischen Tageszeitung La Croix „Le cœur en cendres – Das Herz in Asche“ wird in dieser Perspektive nicht das letzte Wort bleiben.