Leitartikel

Die geschädigte Institution

1945 1960 1980 2000 2020

Bei der Amazonien-Synode in Rom geht es längst nicht nur um Amazonien. Das ist problematisch, zeigt aber, in welcher Bredouille sich die katholische Kirche befindet.

1945 1960 1980 2000 2020

Bei der Amazonien-Synode in Rom geht es längst nicht nur um Amazonien. Das ist problematisch, zeigt aber, in welcher Bredouille sich die katholische Kirche befindet.

Eigentlich lautet das Thema, die ganzheitliche Ökologie, zu der auch wesentlich eine religiöse Dimension gehört, in den Blick zu nehmen. Und Amazonien, die Region, der die spezielle Bischofssynode, die am Sonntag von Papst Franziskus in Rom eröffnet wurde, gewidmet ist, kann als ein globaler Brennpunkt vieler Fragen gesehen werden, welche die Welt und die Kirche umtreiben. Was die nächsten drei Wochen – so lange dauert die Synode – in Rom bringen, ist zwar noch nicht wirklich absehbar. Aber im Vorfeld zeichnete sich einiges ab, das nicht auf die Probleme Amazoniens abzielt, sondern auf andere Agenden, die in der katholischen Kirche anstehen.

Das hat ursächlich damit zu tun, dass der innerkirchliche Druck unermesslich wird. Denn lang, allzulang konnte sich im Katholizismus das selbstreferenzielle System von Machtausübung und Leitung halten, das jede vernünftige Reform, die lang überfällig ist, im Keim erstickt. Doch die Kirche ist weithin an ihre institutionellen Grenzen gestoßen – in Europa und der angelsächsischen Welt, aber längst auch in Lateinamerika, befördert durch den Missbrauchsskandal, der die heilige Institution so geschädigt hat und weiter schädigt (vgl. Seite 15 dieser FURCHE). Seit der Reformation hat diese Kirche nichts Vergleichbares erfahren.

Lang unterbundene Fragen werden umso heftiger gestellt

Deshalb brechen allerorts die Fragen durch, die Rom so lange zu unterbinden imstande war. Vom priesterlichen Pflichtzölibat über die Forderung nach Weiheämtern für Frauen bis zur Infragestellung des hierarchisch-klerikalen Systems, in dem sich eben auch Missbrauch breitmachte, scheint vieles zur Disposition oder zumindest: in Diskussion zu stehen.

Das alles hat nur mittelbar mit Amazonien zu tun. Aber weil sich auch nach dem II. Vatikanum in der katholischen Kirche viel zu wenig getan hat, oder von den Bewahrern – auch auf dem Papstthron – unterbunden wurde, werden Reformagenden nun über die Bande der Amazonien-Synode gespielt: Ob des in dieser Region dramatischen Priestermangels (der zwar andere Ursachen als der in Europa hat) hoffen viele, dass auf der Synode sich etwa bei der Zölibatsfrage tatsächlich etwas bewegt.

Ein Augiasstall an der Kirchenspitze

Thema der Synode bleibt aber Amazonien und nicht die Ausgestaltung des Priesteramts. Letzteres gilt einigen auch als kolonialistische Usurpierung der Synode für einen innerkirchlichen Kulturkampf. Der ist aber längst in Gang: Während die einen hoffen, „Amazonien“ möge eine Chiffre zur Lösung des katholischen Reformstaus werden, hat sich die (erz)konservative Gegenseite längst in Stellung gebracht und unterstellt allen, die überlegen und diskutieren wollen, ein satanisches Werk der Kirchenzerstörung zu betreiben.

Der Kulturkampf wird außerdem wesentlich auch von politischen Zeitläuften befördert: Donald Trump und Jair Bolsonaro – an diesen beiden lassen sich die Verwerfungen im global-politischen Setting festmachen. Kein Zufall, dass der brasilianische Präsident auch einer der wichtigsten Player im Kampf um Amazonien ist – und zwar nicht auf der Seite des Papstes.

Eigentlich lautet das Thema, die ganzheitliche Ökologie, zu der auch wesentlich eine religiöse Dimension gehört, in den Blick zu nehmen. Und Amazonien, die Region, der die spezielle Bischofssynode, die am Sonntag von Papst Franziskus in Rom eröffnet wurde, gewidmet ist, kann als ein globaler Brennpunkt vieler Fragen gesehen werden, welche die Welt und die Kirche umtreiben. Was die nächsten drei Wochen – so lange dauert die Synode – in Rom bringen, ist zwar noch nicht wirklich absehbar. Aber im Vorfeld zeichnete sich einiges ab, das nicht auf die Probleme Amazoniens abzielt, sondern auf andere Agenden, die in der katholischen Kirche anstehen.

Das hat ursächlich damit zu tun, dass der innerkirchliche Druck unermesslich wird. Denn lang, allzulang konnte sich im Katholizismus das selbstreferenzielle System von Machtausübung und Leitung halten, das jede vernünftige Reform, die lang überfällig ist, im Keim erstickt. Doch die Kirche ist weithin an ihre institutionellen Grenzen gestoßen – in Europa und der angelsächsischen Welt, aber längst auch in Lateinamerika, befördert durch den Missbrauchsskandal, der die heilige Institution so geschädigt hat und weiter schädigt (vgl. Seite 15 dieser FURCHE). Seit der Reformation hat diese Kirche nichts Vergleichbares erfahren.

Lang unterbundene Fragen werden umso heftiger gestellt

Deshalb brechen allerorts die Fragen durch, die Rom so lange zu unterbinden imstande war. Vom priesterlichen Pflichtzölibat über die Forderung nach Weiheämtern für Frauen bis zur Infragestellung des hierarchisch-klerikalen Systems, in dem sich eben auch Missbrauch breitmachte, scheint vieles zur Disposition oder zumindest: in Diskussion zu stehen.

Das alles hat nur mittelbar mit Amazonien zu tun. Aber weil sich auch nach dem II. Vatikanum in der katholischen Kirche viel zu wenig getan hat, oder von den Bewahrern – auch auf dem Papstthron – unterbunden wurde, werden Reformagenden nun über die Bande der Amazonien-Synode gespielt: Ob des in dieser Region dramatischen Priestermangels (der zwar andere Ursachen als der in Europa hat) hoffen viele, dass auf der Synode sich etwa bei der Zölibatsfrage tatsächlich etwas bewegt.

Ein Augiasstall an der Kirchenspitze

Thema der Synode bleibt aber Amazonien und nicht die Ausgestaltung des Priesteramts. Letzteres gilt einigen auch als kolonialistische Usurpierung der Synode für einen innerkirchlichen Kulturkampf. Der ist aber längst in Gang: Während die einen hoffen, „Amazonien“ möge eine Chiffre zur Lösung des katholischen Reformstaus werden, hat sich die (erz)konservative Gegenseite längst in Stellung gebracht und unterstellt allen, die überlegen und diskutieren wollen, ein satanisches Werk der Kirchenzerstörung zu betreiben.

Der Kulturkampf wird außerdem wesentlich auch von politischen Zeitläuften befördert: Donald Trump und Jair Bolsonaro – an diesen beiden lassen sich die Verwerfungen im global-politischen Setting festmachen. Kein Zufall, dass der brasilianische Präsident auch einer der wichtigsten Player im Kampf um Amazonien ist – und zwar nicht auf der Seite des Papstes.

Nur eine Hofschranzen-Intrige? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass gerade am Vorabend der Syn­ode der nächste vatikanische
Finanzskandal ruchbar wurde.

Franziskus scheint da wie einer, der aus der Zeit gefallen ist – jedenfalls beim politischen Mainstream, der sich weltweit mehr und mehr breitmacht. Dessen Agenda folgen auch in der katholischen Kirche genügend Player. Dass ein Gutteil des (konservativen) US-Katholizismus mit Trump gegen Franziskus steht, ist längst evident. Und die Kirchenspitze bleibt verwundbar, weil es genug gibt, mit dem ihr am Zeug zu flicken ist. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass gerade am Vorabend der Syn­ode der nächste vatikanische Finanzskandal ruchbar wurde. Man mag das ja als Hofschranzen-Intrige in einem völlig überalteten System abtun. Ein Augiasstall ist dieses aber allemal.