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Schule in Zeiten von Corona

Leitartikel

Durchlüftet die Schule!

1945 1960 1980 2000 2020

Neben den Alten brauchen nun auch die Jungen unsere ganze Solidarität. Trotz Pandemie und Klimakrise haben sie ein Recht auf Perspektiven und Bildung. Koste es, was es wolle.

1945 1960 1980 2000 2020

Neben den Alten brauchen nun auch die Jungen unsere ganze Solidarität. Trotz Pandemie und Klimakrise haben sie ein Recht auf Perspektiven und Bildung. Koste es, was es wolle.

Boris Johnson taugt nicht wirklich zum politischen Vorbild. Aber mit jenen Sätzen, die der gnadenlos populistische britische Premier kürzlich von sich gab, trifft er mit Sicherheit den Punkt: Es sei „sozial untragbar, wirtschaftlich nicht aufrechtzuerhalten und moralisch nicht zu vertreten“, die Schulen im September auch nur einen Augenblick länger als nötig geschlossen zu lassen, schrieb er in der Mail on Sunday. Sie zu öffnen habe „nationale Priorität“. Eher, so heißt es, wolle Johnson erneut Geschäfte und Gasthäuser schließen lassen als die Stätten von Lehre und Bildung.

So viel Deutlichkeit ringt Respekt ab – umso mehr nach Johnsons anfänglich desaströsem Corona-Management. Welch verheerende Folgen die Pandemie für die Bildungs- und Lebenschancen einer ganzen Generation haben kann, hat dieser Tage die UNO erklärt: Mehr als 23 Millionen Kinder und Jugendliche weltweit könnten Schule oder Kindergarten abbrechen müssen – die größte Bildungs-Verwerfung in der Geschichte. Besonders betroffen seien auch junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren. Ihre Arbeits- und Karrierechancen und ihr Glaube an die Zukunft schwinden im selben Ausmaß, in dem das Virus die – von der Klimakrise und sozialen Ungerechtigkeiten ohnehin gebeutelte – Welt noch weiter zu sozialer Isolation und Abstand zwingt. Und diese Phase wird noch länger andauern: Schließlich ist man von einem vertrauenswürdigen Impfstoff noch reichlich weit entfernt. „Sputnik V“ hin oder her.

Ein „ganz normaler“ Schulstart?

Auch in Österreich hat die Krise in die Lebensgeschichten der Jungen tiefe Schneisen geschlagen: Menschen unter 35 Jahren haben unter dem Lockdown psychisch besonders gelitten; dazu kommen erschütterte Zukunftspläne durch abgesagte Lehrplätze und Praktika sowie drohende Arbeitslosigkeit. Vom immer noch diffusen Lehrbetrieb an den Universitäten nicht zu reden.

Boris Johnson taugt nicht wirklich zum politischen Vorbild. Aber mit jenen Sätzen, die der gnadenlos populistische britische Premier kürzlich von sich gab, trifft er mit Sicherheit den Punkt: Es sei „sozial untragbar, wirtschaftlich nicht aufrechtzuerhalten und moralisch nicht zu vertreten“, die Schulen im September auch nur einen Augenblick länger als nötig geschlossen zu lassen, schrieb er in der Mail on Sunday. Sie zu öffnen habe „nationale Priorität“. Eher, so heißt es, wolle Johnson erneut Geschäfte und Gasthäuser schließen lassen als die Stätten von Lehre und Bildung.

So viel Deutlichkeit ringt Respekt ab – umso mehr nach Johnsons anfänglich desaströsem Corona-Management. Welch verheerende Folgen die Pandemie für die Bildungs- und Lebenschancen einer ganzen Generation haben kann, hat dieser Tage die UNO erklärt: Mehr als 23 Millionen Kinder und Jugendliche weltweit könnten Schule oder Kindergarten abbrechen müssen – die größte Bildungs-Verwerfung in der Geschichte. Besonders betroffen seien auch junge Erwachsene zwischen 18 und 29 Jahren. Ihre Arbeits- und Karrierechancen und ihr Glaube an die Zukunft schwinden im selben Ausmaß, in dem das Virus die – von der Klimakrise und sozialen Ungerechtigkeiten ohnehin gebeutelte – Welt noch weiter zu sozialer Isolation und Abstand zwingt. Und diese Phase wird noch länger andauern: Schließlich ist man von einem vertrauenswürdigen Impfstoff noch reichlich weit entfernt. „Sputnik V“ hin oder her.

Ein „ganz normaler“ Schulstart?

Auch in Österreich hat die Krise in die Lebensgeschichten der Jungen tiefe Schneisen geschlagen: Menschen unter 35 Jahren haben unter dem Lockdown psychisch besonders gelitten; dazu kommen erschütterte Zukunftspläne durch abgesagte Lehrplätze und Praktika sowie drohende Arbeitslosigkeit. Vom immer noch diffusen Lehrbetrieb an den Universitäten nicht zu reden.

Der faktische Bildungsraub durch geschlossene Schulen oder Schichtbetrieb ist und bleibt ein Skandal.

Zumindest an den Schulen will man aber im September „ganz normal“ starten, heißt es aus dem Bildungsministerium. Angesichts der bisherigen Erfahrungen klingt das allerdings nach einem frommen Wunsch. Eher dürfte sich das aktuelle Szenario aus dem deutschen Mecklenburg-Vorpommern auch hierzulande wiederholen: Nur ein paar Tage lang hatten hier zwei Schulen ihre Pforten nach den Sommerferien geöffnet. Danach fielen sie wieder coronabedingt ins Schloss.

Sosehr man sich seitens der Bundesregierung auch um offene Schulen bemüht – so rasch also im Verdachtsfall getestet wird, die Corona-Ampel für Klarheit sorgt und betroffene Schulen nur „punktuell, regional und so kurz wie möglich“ geschlossen werden: Der faktische Bildungs- und Chancenraub an den Jungen ist und bleibt ein Skandal; und er beginnt schon beim mäßig effektiven Schichtbetrieb. Kleinere Klassen, mehr Luft, feste Bezugsgruppen und ein Unterstützungsnetz für die Familien: An diesen Maßnahmen führt nach Ansicht zahlreicher Experten kein Weg vorbei. Längst ist schließlich bekannt, dass bloßes Händewaschen in geschlossenen Räumen mit 25 oder mehr Kindern kaum gegen böse Aerosole hilft.

Im krisengeschüttelten Italien hat man sich darauf vorbereitet, über den Sommer Einzeltische gekauft und Theater oder Kinos angemietet. In Österreich hat man derlei bislang unterlassen – und wird erst kommende Woche die Eckdaten des „ganz normalen Schulstarts“ präsentieren. Was spräche eigentlich dagegen, Bildung wie Boris zur „nationalen Priorität“ zu erklären – und Schulen endlich im Wortsinn zu durchlüften: baulich, organisatorisch, digital und, ja, auch pädagogisch? Das könnte natürlich teuer werden. Aber wenn die staatliche Geldbörse für die Wirtschaft locker sitzen darf, dann gilt das für die Chancen der Jungen hoffentlich erst recht.