Feuer am Kirchendach

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Papst Franziskus hat der verunsicherten katholischen Kirche eine Kurienreform mit sanfter Abkehr von einer Herrschaft der Kleriker verpasst. Reicht aber die behutsame Veränderung?

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Papst Franziskus hat der verunsicherten katholischen Kirche eine Kurienreform mit sanfter Abkehr von einer Herrschaft der Kleriker verpasst. Reicht aber die behutsame Veränderung?

In Rom hört man wieder das Gras wachsen: Am kommenden Wochenende wird Papst Franziskus 20 neue Kardinäle kreieren – eine unüblich hohe Zahl. Nicht nur dafür, sondern auch für ein Treffen zur Kurienreform, die er mit Pfingsten in Kraft gesetzt hat, hat Franziskus alle Kardinäle nach Rom beordert. Der Termin in Italiens Ferienzeit bot ebenso Anlass zur Spekulation wie die Stippvisite nach L’Aquila, für die sich der Papst am Sonntag angesagt hat. In der durchs Erdbeben 2009 stark in Mitleidenschaft gezogenen Abruzzenstadt besucht er das Grab Coelestins V., des einzigen Papstes, der vor Benedikt XVI. freiwillig zurückgetreten ist. Nach Ankündigung dieser Visite brandeten Rücktrittsgerüchte um Franziskus auf, die der 85-jährige Pontifex jedoch mehrfach dementierte.

Dennoch verstummten Mutmaßungen über die Kardinalsversammlung nicht. Klar ist, dass sich die katholische Kirche in einer Phase großer Verunsicherung befindet. Der Missbrauchsskandal hat weltweit die feste Burg in ihren Grundfesten erschüttert – mehr als es das II. Vatikanum vermochte, das vor 60 Jahre angesetzt hatte, die Kirche mit der Moderne zu versöhnen. Franziskus hat zuletzt versucht, die Verunsicherung mit der Ankündigung einer Bischofssynode zum Thema Synodalität zu einem globalen konstruktiven Diskussionsprozess zu nutzen. Auch dazu ist in Rom am Wochenende eine Zwischenbilanz angekündigt.

Die Verunsicherung drückt sich auch im öffentlichen Streit zwischen dem konservativen Kirchenlager aus, das die gute alte Kirche des 19. Jahrhunderts perpetuieren will, und jenen, die die Errungenschaften der Gesellschaft (Demokratie, Gleichberechtigung, Gewaltenteilung) auch in Ämtern und Strukturen der Kirche verankert wissen wollen. Das aktuelle Pontifikat ist davon gekennzeichnet, dass diese Auseinandersetzung endlich bis ganz nach oben sichtbar ist.

Widersprüchliche Zeichen

Gleichzeitig sind die Zeichen, die Franziskus dazu setzt, widersprüchlich. Management by Chaos, so könnten es böse Zungen auch nennen. Das Dokument „Praedicate Evangelium“ zur Kurienreform erschien im März ohne Vorwarnung, nachdem man zuvor jahrelang darauf gewartet hatte – war doch die Reform ein entscheidender Punkt bei der Wahl von Franziskus anno 2013.

Die durch diese Reform anstehenden Neubesetzungen an der Kirchenspitze lassen bis dato aber weitgehend auf sich warten. Dabei wäre die sanfte Abkehr von klerikaler Kultur, die Franziskus da versucht (d. h. alle entscheidungsrelevanten Posten in der Kurie müssen nicht mehr mit Klerikern besetzt sein), unabdingbar: Es gilt, der Sakralisierung höchst menschlicher Entscheidungs- und Verwaltungsprozesse, die von den Bewahrern gern direkt an den göttlichen Willen gebunden und somit „sakrosankt“ gemacht werden, Einhalt zu gebieten.

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