Leitartikel

Jenseits der Schnitzelfront

1945 1960 1980 2000 2020

Ob in der Integrations- oder nun in der Klimadebatte: Fleisch emotionalisiert. Dabei müsste es endlich um das große Ganze gehen. Ein Blick unter die Panier.

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Ob in der Integrations- oder nun in der Klimadebatte: Fleisch emotionalisiert. Dabei müsste es endlich um das große Ganze gehen. Ein Blick unter die Panier.

Ob es ein gebackener Dorsch oder eine Scholle war, weiß man nicht genau. Ein Schnitzel war es jedenfalls nicht, das der Ring Freiheitlicher Jugend kürzlich auf einem Twitter-Foto präsentierte. Auch die Art und Weise, wie das panierte Etwas angerichtet war, schien wenig traditionell: Auf Salat gebettet und von Pommes umrahmt, lag es auf dem Teller. Altbekannt war einzig die Botschaft, welche die blaue Jugend als Beilage kredenzte: „Wer aus religiösen Gründen kein Schweinefleisch isst, soll es bleiben lassen. Aber wir werden es nicht dulden, dass unsere Kinder deshalb zu einem Verzicht von (sic!) Schweinefleisch gezwungen werden.“ So etwas regt auf. Jene, die um ihre kulinarischen und sonstigen Traditionen fürchten. Und jene, die in Postings wie diesem einen besonders dummen Beleg für Agitation gegen Muslime sehen. Nur jene, die sich gern über Verstöße blauer Funktionäre gegen die Gesetze von Orthografie und Logik amüsieren, konnten herzhaft lachen: Bei der eigenen Propaganda Fisch und Fleisch verwechseln – das muss man erst einmal zusammenbringen.

Gut und Böse am Teller

Dass man mit dem Quasi-Kulturgut Schnitzel in Österreich trefflich Politik machen kann, haben die jungen Blauen freilich verstanden. Fleisch ist eben ein besonderer Stoff, er schmeckt für die einen nach Lebenslust und für die anderen nach Tod, er emotionalisiert und polarisiert – ein gewichtiges Argument in der politischen Aufmerksamkeitsökonomie. Umso weniger überrascht, dass nach der Integrations- nun auch die Klimadebatte gleichsam auf Schnitzelgröße zusammenschrumpfen könnte und das traditionelle Stück Fleisch das entscheidende Distinktionskriterium zu werden droht, an dem sich Gut und Böse scheiden.

Klar ist, dass die Verschwendung von Ressourcen etwas kosten und ihre Schonung belohnt werden muss. Eine ökosoziale Steuerreform ist überfällig.

Auslöser war jüngst der deutsche Vorstoß, die Umsatzsteuer auf Fleisch deutlich zu erhöhen – und die postwendende Absage von SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner. „Die heimische Landwirtschaft ist klein strukturiert und produziert Fleisch in Topqualität“, twitterte sie. „Darauf sind wir stolz! Entscheidend sind faire Preise für die Bauern, Tierschutz und leistbares Fleisch. Denn das Schnitzel darf nicht zum Luxus werden!“ Was folgte, war ein Shitstorm. Die rote Spitzenfrau agiere wahlkampfbedingt populistisch, hieß es, ihre widersprüchlichen Wünsche könne nur „Schrödingers Schwein“ erfüllen.

Unser täglich Fleisch gib uns heute?

Nein, unleistbar soll weder das Wiener Schnitzel noch das steirische Wurzelfleisch werden. Aber dass den Konsumenten ihr täglich Fleisch als Diskontware nachgeworfen wird, ohne reale Produktions- und Folgekosten einzupreisen, das muss ein Ende haben – nicht nur im Sinne des Klimas, sondern auch der betroffenen Tiere und Bauern. Damit allein ist es freilich nicht getan, wie der vergangene Woche präsentierte Sonderbericht des Weltklimarates (IPCC) gezeigt hat. Allein 23 Prozent der Treibhausgase gehen auf Land- und Forstwirtschaft sowie Raubbau an Natur und Boden zurück. Wir essen uns um Kopf und Kragen. An einer Änderung der globalen Ernährungs- und Lebensgewohnheiten führt demnach kein Weg vorbei. Mit höheren Schnitzelpreisen in Österreich wird man das allein nicht lösen. Klar ist aber, dass die Verschwendung von Ressourcen künftig etwas kosten und ihre Schonung belohnt werden muss. Eine ökosoziale Steuerreform samt CO2-Steuer (bei gleichzeitiger Senkung der Lohn- und Einkommenssteuern), wie dies zuletzt auch NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger im ORF-Sommergespräch propagiert hat, ist hier ein überfälliger Schritt. Und nein, das ist kein Ausfluss links-grüner Verbots- oder Genussbekämpfungspolitik. Es ist schlicht und einfach vernünftig.

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