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Zum Tod von Benedikt XVI.

DISKURS

Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.: Kämpfe(r) um Glauben

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Benedikts XVI. Rücktritt vor fast zehn Jahren war ein Akt geradezu moderner Hellsichtigkeit. Seither wurde der nun verstorbene Papa emeritus aber auch als „Schattenpapst“ missbraucht.

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Benedikts XVI. Rücktritt vor fast zehn Jahren war ein Akt geradezu moderner Hellsichtigkeit. Seither wurde der nun verstorbene Papa emeritus aber auch als „Schattenpapst“ missbraucht.

Wenn an diesem 5. Jänner Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. in der Krypta des Petersdoms seine letzte Ruhestätte gefunden hat, ist zweifelsohne ein Kapitel der römischen Kirchengeschichte zu Ende gegangen. Mit dem am Silvestertag Verstorbenen wird auch ein Stück europäischen Christentums zu Grabe getragen, für das der emeritierte Papst so stand wie kaum ein zeitgenössischer Theologe und Kirchenmann. Die Verbindung von Jerusalem, Athen und Rom, die dieses Christentum gekennzeichnet hat, die Verbindung von jüdischer Wurzel, griechischer Philosophie im Verbund mit einer Herrschaftsform, der sich diese Religion seit dem Aufstieg unter Kaiser Konstantin verbunden weiß, ist längst nicht mehr fraglos intakt.

Europa glänzt, wenn man das positiv sieht, durch Pluralität und Säkularität. Der Verfechter eines Christentums, das den Menschen eine letztgültige Heilsbotschaft verkünden will, wird sich da gegen diese Entwicklung stemmen. Joseph Ratzinger hat sich als Präfekt der Glaubenskongregation (1982–2005) auch mit Disziplinierungen, als Papst (2005–13) wieder viel mehr werbend und als Theologe argumentierend für die Gestalt seiner Kirche, wie sie eben in den Eckpunkten Jerusalem-Athen-Rom skizziert ist, eingesetzt.

Europa präsentiert sich heute dennoch als Weltgegend mit immer institutionsfernerer Religiosität, auch das Christentum der katholischen Spielart – global weiterhin die größte Denomination – zeigt sich in Afrika oder Asien viel mehr im Wachstum. Und wie die Verbreitung in andere Kulturkreise fortschreitet, so verändert sich diese Kirche auch. Dass sie dabei ihren Kern verliert, war eine der beständigen Sorgen Joseph Ratzingers – nicht nur als Papst.

Leise Töne, aber klare Botschaften

Benedikt XVI., dessen Pontifikat man wohl kritisch wie würdigend analysieren kann (vgl. die Nachrufe von Roman Siebenrock und Gregor Maria Hoff in der FURCHE), hat gleichzeitig klar erkannt, dass er auch als Oberhaupt seiner Kirche diese Entwicklungen nicht hintanhalten wird. Er hat sich deshalb vor knapp zehn Jahren in geradezu moderner Hellsichtigkeit von seinem Amt als Papst zurückgezogen. Die Größe, die ihm insbesondere die Anhänger seiner Kirchenlinie bis zuletzt angekreidet haben, konnte er im Lauf der Jahre dennoch nicht durchhalten: Nachfolger Franziskus, theologisch wie kirchenpolitisch kaum nach seinem Gusto, konnte sich nicht darauf verlassen, dass der Emeritus stillblieb, wie dieser bei seinem Rücktritt angekündigt hatte.

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