Katholische Kirche: Bannerträger des Klerikalismus

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Österreich ist nur mehr ein halb-katholisches Land. Dennoch ficht die Statistik das konservative Kirchenlager nicht an – auch wenn deren Galionsfiguren Benedikt XVI. und George Pell tot sind.

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Österreich ist nur mehr ein halb-katholisches Land. Dennoch ficht die Statistik das konservative Kirchenlager nicht an – auch wenn deren Galionsfiguren Benedikt XVI. und George Pell tot sind.

Die alljährliche Veröffentlichung von Österreichs Katholikenzahl Mitte Jänner hat etwas Ritualhaftes an sich: Einmal mehr sind die Katholik(inn)en weniger geworden, und die Kommentare dazu gleichen einander Jahr aufs Jahr. Vor allem kratzt die Statistik an einer symbolischen Marke: Gerade noch 52 Prozent der Österreicher(innen) gehören nominell der katholischen Kirche an. Österreich ist demnach nur mehr ein halb-katholisches Land.

Die nüchternen Zahlen mögen den Abbruch einer Institution belegen, doch der Jahresanfang 2023 war, angesichts des Todes von Benedikt XVI., doch von öffentlicher Aufmerksamkeit für die Kirche geprägt. Im Gegensatz zur statistischen Wahrheit konnte man gar von einem medialen Hochamt für die konservative Kirchenfraktion sprechen. Deren Galionsfigur war der Papa emeritus gewesen – post mortem wurde das noch viel klarer.

Auch die Problematik des in weißer Gewandung verbliebenen Vorgängers des amtierenden Papstes wurde offenbar: Wer mit Franziskus und seiner Linie nicht einverstanden war, hielt Benedikt XVI. die Treue – sogar um den Preis der Häresie, die gerade die Konservativen so gern gegen die dem „Zeitgeist“, der „Diktatur des Relativismus“ (© Joseph Ratzinger) etc. Anheimgefallenen im Mund führen: Auch wenn es dogmatisch wie kirchenrechtlich klar war, dass Franziskus in der katholischen Kirche der – irdische – Chef ist, liebäugelten die Traditionsbewahrer mit dem Emeritus, dem sie überdies den Rücktritt 2013 nicht verzeihen wollten, als ihrem „eigentlichen“ Papst.

Experiment Papa emeritus gescheitert

Das wurde rund um das Begräbnis Benedikts XVI., das Franziskus in würdevoller Schlichtheit und mit einer ergreifenden Meditation über seinen Vorgänger zelebrierte, einmal mehr offenbar. Das Experiment des Nebeneinanders von amtierendem und emeritiertem Papst, das Benedikt XVI. mit seinem Rücktritt einging, war nicht erfolgreich, weil die Anhänger des Zurückgetretenen dem Nachfolger am Zeug flickten, wo sie konnten. Das von Benedikt XVI. gelebte Modell des Papa emeritus erwies sich als wenig tauglich. Für künftige Papst-Rücktritte wären daher neue Szenarien zu entwickeln.

Dem lautstarken, gut vernetzten, aber in seiner Bedeutung mutmaßlich überschätzten konservativen Kirchenlager fehlt nun eine Identifikationsfigur wie Benedikt XVI.,
auf die es sich berufen kann. Epigonen à la Georg Gänswein, der Privatsekretär des Papa emeritus, werden diese Lücke gewiss nicht füllen. Gänsweins dieser Tage unter dem anmaßenden Titel „Nichts als die Wahrheit“ erschienene Memoiren brachten auch keine über letztlich bekannte Vorgänge hinausgehenden „Enthüllungen“. Und zur Einschätzung, dass zwischen Benedikt XVI. und Franziskus in Stil und Ausrichtung Unterschiede bestehen, brauchte es erst recht nicht Gänsweins Auslassungen.

Ein dramatischerer Aderlass für die Konservativen war hingegen der überraschende Tod von George Pell wenige Tage nach Benedikts Begräbnis. Der australische Kardinal war wegen des mit einem Freispruch beendeten Missbrauchsprozesses in seiner Heimat jahrelang in den Medien. Dabei galt Pell schon Jahrzehnte zuvor als wortgewaltige Speerspitze konservativer Hardliner. Sein postum veröffentlichter Artikel, in dem Pell Franziskus und dessen Weltsynode frontal angreift, machte nun dieser Tage Furore. Pell nennt darin das Synoden-Projekt einen „toxischen Alptraum“, die „Ausgießung des guten Willens des New Age“ und wirft dem Arbeitsdokument für die Synode „neomarxistischen Jargon“ vor.

Ein Papst, der solche Kardinäle hat, braucht keine Feinde mehr. Die Konservativen werden gewiss eine neue Galionsfigur suchen – und finden. Dass derweil hierzulande – siehe oben – die Kirchen leer und die Gläubigen weniger werden, ficht diese Bannerträger des Klerikalismus aber kaum an.

Dieser Artikel erschien unter dem Titel "Klerikale Bannerträger" in der FURCHE vom 19. Jänner 2023.

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