Katholische Kirche: So geht es nicht weiter

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Der Reformstau in der katholischen Kirche bleibt ebenso wie der Abbruch institutioneller Kirchlichkeit unübersehbar. Hilft da die Synodalitäts-Initiative von Papst Franziskus?

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Der Reformstau in der katholischen Kirche bleibt ebenso wie der Abbruch institutioneller Kirchlichkeit unübersehbar. Hilft da die Synodalitäts-Initiative von Papst Franziskus?

In katholischen Sonntagsreden wird nicht selten darauf verwiesen, dass es um die Qualität christlichen Engagements geht und nicht um die Quantität. Das stimmt. Gleichzeitig lügt man sich in den Sack, wenn man nicht den dramatischen, auch öffentlichen Rückgang institutioneller Kirchlichkeit ernsthaft im Blick hat.
Dass auf den Deutschen Katholikentag letztes Wochenende mit 27.000 Teilnehmenden gerade halb so viele kamen wie beim letzten derartigen Event 2018, spricht für sich. Man kann Indizien für den rapiden Abbruch auch hierzulande anführen: Geht die Entwicklung so weiter, dann wird es etwa in der Stadt Wien 2030 gerade noch 20 Prozent Katholiken geben …

In dieser Lage findet ein Prozess statt, den Papst Franziskus seiner Kirche verordnet hat und der als „Synodalität“ umschrieben wird. Bei der nächsten Bischofssynode in Rom wird es darum gehen – bis dorthin sollen die Ortskirchen ihre je eigenen synodalen Wege zumindest beginnen. Ein Unterfangen, das im pilgernden Gottesvolk, als das sich die Kirche seit dem II. Vatikanum versteht, auf mäßige Begeisterung stößt.

Das hat Gründe. Einer davon ist die fortschreitende Desillusionierung der Engagierten. Dieser Tage etwa jährt sich die Veröffentlichung der Beschlüsse der Wiener Diözesansynode zum 50. Mal. Ein Blick in diese Beschlüsse zeigt, dass die großen Brocken der Kirchenreform heute genauso auf der Agenda stehen wie damals: Gleichberechtigung von Frauen, Zugang zum Priesteramt, Sexualmoral, Machtstrukturen, Gewaltenteilung usw. Beim „Dia­log für Österreich" – auch schon vor 25 Jahren! – wurden solche Fragen zuletzt österreichweit in einer Art synodalem Prozess diskutiert – mit nämlichen Themen.

Mit ungewissem Ausgang

Und wer zum Synodalen Weg nach Deutschland schaut, bei dem sich zurzeit die Konzilsbewegten vielleicht letztmalig aufbäumen (man muss zugestehen: mit bischöflicher Unterstützung wie noch nie zuvor!), reibt sich mitunter die Augen, worüber da immer noch – und in gleicher Weise zwischen den Reformern und dem konservativen Kirchenlager polarisiert – gestritten wird; mit mehr als ungewissem Ausgang.

Das alles ist paradoxerweise gerade eine Folge des II. Vatikanums, das – wie der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl pointiert formulierte – „im Sprung gehemmt“ war. Eigentlich reicht das Problem viel weiter zurück: Denn es war das I. Vatikanum 1869/70, welches das Kirchenbild einer göttlichen Institution, in der alles auf eine göttliche Basis in der Stellvertretung durch den Papst zurückgeführt wird, zementierte. Dies ist – wie kirchenhistorische Forschung längst nachweist – ein ahistorisches, theologisch falsches und mit kirchenpolitisch fragwürdigem Procedere durchgesetztes Modell.

Seither hinkt die katholische Kirche der Zeit hinterher. Das II. Vatikanum war ein erster Aufbruch, der den Dialog mit Kirchen und Religionen, der Welt und die Anerkennung der Gewissensfreiheit brachte. Aber es löste insbesondere die strukturellen Fragen nicht – und in den Jahrzehnten seither hatten die Bewahrer wieder die Oberhand.

Papst Franziskus hat da erkannt, dass es so nicht weitergeht, seine Synodalitäts-Initiative läuft darauf hinaus. Ob sie von Erfolg gekrönt sein wird?

Es gibt aber auch Menetekel: Als vor 30 Jahren das Sowjetsystem zusammenbrach, hofften viele, dass dies eine Systemwende sei. Man sieht heute: Dem ist nicht so, sondern mit Bomben und Soldaten wird das Rad der Zeit zurückgedreht.

Die katholische Kirche ist damit natürlich nicht zu vergleichen. Aber die Versuchung, die alte Größe des 19. Jahrhunderts herbeizurufen, hat eine ideologische Verwandtschaft mit dem eurasiatischen Größenwahn, der jetzt bis zum Krieg geführt hat. Auch von daher ist die Perpetuierung des Reformstaus in der katholischen Kirche gefährlich.

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