Leitartikel

Kein Schwarz-Weiß-Denken

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Die politischen Segensbilder vom Awakening-Event aus der Wiener Stadthalle vom Wochenende erzeugten (mediale) Erregung. Es geht aber um mehr als um diese Bilder. Ikonografisch konnten dem normalen Christenmenschen im Lande nur die Grausbirnen aufsteigen, als die Bilder von der Segnung des jungen Altkanzlers durch einen wiedererweckten Prediger in der Wiener Stadthalle durch die Medien gingen. Stimmt schon, dass man hierzulande mit den exaltierten Frömmigkeitsformen angelsächsisch-evangelikaler Provenienz ordentlich fremdelt.

Die politischen Segensbilder vom Awakening-Event aus der Wiener Stadthalle vom Wochenende erzeugten (mediale) Erregung. Es geht aber um mehr als um diese Bilder. Ikonografisch konnten dem normalen Christenmenschen im Lande nur die Grausbirnen aufsteigen, als die Bilder von der Segnung des jungen Altkanzlers durch einen wiedererweckten Prediger in der Wiener Stadthalle durch die Medien gingen. Stimmt schon, dass man hierzulande mit den exaltierten Frömmigkeitsformen angelsächsisch-evangelikaler Provenienz ordentlich fremdelt.

Aber natürlich bauen sich ob solcher Bilder die Anmutungen eines Messianismus im Hinterkopf auf, die einen nüchternen, um rationalen Diskurs in der Gesellschaft Bemühten verstören. Politiker sind keine Heilsbringer, dagegen sollten sich die Religiösen verwahren; darum darf man als Religiöser über die Anwesenheit des Kardinals, also Österreichs obersten Katholiken, mindes tens so verstört sein wie über die öffentliche Segnung von Sebastian Kurz. Dass die Segnungsbilder vom VP-Chef weder geplant noch gewollt waren, wie sein Sprecher betonte, schafft die Bilder leider nicht aus der Welt. Und die passen außerdem in die Agenda des evangelikalen Predigers Ben Fitzgerald, der das verlorene Europa auf seinen rechten Weg zurückbringen will.

Politischer und religiöser Populismus

Man kann diese Spielart des Christentums, das sich da manifestiert, durchaus mit „Religionspopulismus“ etikettieren, zumindest gibt es mehr als einen Berührungspunkt zwischen den politischen und religiösen Entwicklungen: Beide bedienen Sehnsucht nach Klarheit und einfacher Einordenbarkeit, der Einteilung der Welt in Gut und Böse, Richtig und Falsch. Aber die Welt ist eben nicht einfach, auch das biblische Christentum verschließt sich dem Schwarz-Weiß-Denken: Wer das Neue Testament mit offenen Augen liest, sieht, dass auch die Wahrheit errungen werden muss und nicht auf die Länge von Werbeslogans oder Twitter-Botschaften gebracht werden kann. Nun soll nicht bestritten werden, dass auch Großevents ihre Faszination haben, die katholische Kirche kennt diese von den Weltjugendttagen bis zu den Papstreisen gleichfalls. Und auch unter Katholiken gibt es evangelikal inspirierte Initiativen, die Übergänge sind fließend. Begeisterung kann ein religiöses Movens sein. Aber gleichzeitig ist auf Einkehr und kritische Reflexion zu pochen. Politischer wie religöser Populismus schielt nach Erfolg mit leichtfasslichen Botschaften.

Kritische Fragen und das Abholen der Menschen

Hier ist es zum einen wichtig, kritische Fragen zu stellen. Der Wiener Pastoraltheologe Johann Pock hat das auf feinschwarz.net für den Wiener Awakening-Event getan. Pock nennt da den Heils exklusivismus, der sich in derartigen Bewegungen äußert, und der von der katholischen Kirche seit dem II. Vatikanum nicht mehr propagiert wird. Auch das Missionsverständnis, das im Event offenbar wird, ist für Pock zu hinterfragen, er nennt das Bild der Sintflut, die die böse Welt überflutet, und wo nur Auserwählte gerettet werden. Pock macht neben der politischen Agenda, die er kritisiert, auch auf das Geld aufmerksam, das hinter Events wie dem in Wien steckt: „Geschäfte, Unternehmungen, Reichtum für Jesus“ – so sei ein ganzer Awakening-Tag übertitelt gewesen. Zum anderen müssen sich auch religiös wache Zeitgenossen der Frage stellen, wie dem Bedürfnis Tausender Menschen, die bei solchen Events zu finden sind, gerecht zu werden wäre. Man müsse die Menschen dort abholen, wo sie stehen, lautet bekanntlich seit Jahr und Tag ein kirchlicher Grundsatz. Man sollte, im Wissen, dass die Welt und der Glaube eben nichts Einfaches, Lineares sind, viel Gehirnschmalz darauf verwenden, darüber nachzudenken, wie die Sehnsucht nach Klarheit und Überschaubarkeit in einer komplexen Welt ernst genommen wird. Kann sein, dass das mitunter zur Sisyphusarbeit gerät. Aber daran führt kein Weg vorbei.

Die Bilder aus der Wiener Stadthalle passen in die Agenda des evangelikalen Predigers Ben Fitzgerald, der das verlorene Europa auf seinen rechten Weg zurückbringen will.

Kritische Fragen und das Abholen der Menschen

Hier ist es zum einen wichtig, kritische Fragen zu stellen. Der Wiener Pastoraltheologe Johann Pock hat das auf feinschwarz.net für den Wiener Awakening-Event getan. Pock nennt da den Heils exklusivismus, der sich in derartigen Bewegungen äußert, und der von der katholischen Kirche seit dem II. Vatikanum nicht mehr propagiert wird. Auch das Missionsverständnis, das im Event offenbar wird, ist für Pock zu hinterfragen, er nennt das Bild der Sintflut, die die böse Welt überflutet, und wo nur Auserwählte gerettet werden. Pock macht neben der politischen Agenda, die er kritisiert, auch auf das Geld aufmerksam, das hinter Events wie dem in Wien steckt: „Geschäfte, Unternehmungen, Reichtum für
Jesus“ – so sei ein ganzer Awakening-Tag übertitelt gewesen. Zum anderen müssen sich auch religiös wache Zeitgenossen der Frage stellen, wie dem Bedürfnis Tausender Menschen, die bei solchen Events zu finden sind, gerecht zu werden wäre. Man müsse die Menschen dort abholen, wo sie stehen, lautet bekanntlich seit Jahr und Tag ein kirchlicher Grundsatz. Man sollte, im Wissen, dass die Welt und der Glaube eben nichts Einfaches, Lineares sind, viel Gehirnschmalz darauf verwenden, darüber nachzudenken, wie die Sehnsucht nach Klarheit und Überschaubarkeit in einer komplexen Welt ernst genommen wird. Kann sein, dass das mitunter zur Sisyphusarbeit gerät. Aber daran führt kein Weg vorbei.