Klimakrise und Pandemie: "Don't Look Up"?

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In der Netflix-Satire „Don’t Look Up“ führen Realitätsverweigerung und Hightech-Gurus in die globale Katastrophe. Und im echten Leben? Über ein neues Jahr zwischen Angst und Hoffnung auf mehr politische Plausibilität.

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In der Netflix-Satire „Don’t Look Up“ führen Realitätsverweigerung und Hightech-Gurus in die globale Katastrophe. Und im echten Leben? Über ein neues Jahr zwischen Angst und Hoffnung auf mehr politische Plausibilität.

Ein Komet, der mit gleißendem Schweif durch das Dunkel rast: Mit diesem Bild beginnt die schwarze Satire „Don’t Look Up“, die just seit 24. Dezember auf der Streamingplattform Netflix zu sehen ist. Während der weihnachtliche Stern Rettung verheißt, droht freilich in diesem Film durch den Himmelskörper nichts weniger als die Auslöschung der Menschheit. Exakt sechs Monate bleiben Zeit, bis der Planet Killer in die Erde stürzt, warnen Astronomen. Doch sowohl Panik wie auch politische Gegenmaßnahmen bleiben aus. Die trumpistische US-Präsidentin entscheidet, angesichts bevorstehender Wahlen erst einmal Ruhe zu bewahren; und die mit Talkshows, Social Media und Verschwörungsmythen beschäftigte Öffentlichkeit überschüttet lieber die verzweifelten Wissenschafter(innen) mit Spott und Hohn. Hoffnung keimt kurz, als ein Silicon-Valley-Milliardär technologische Rettung verheißt. Doch, so viel sei verraten, das ­Happy End bleibt diesmal aus.

So irrwitzig und dunkel diese Satire ist – so präzise bringt sie die aktuelle Stimmungslage angesichts von Pandemie und Klimakrise ins Bild. Akut verschärft wird das Gefühl der Passgenauigkeit durch die jüngste Hiobsbotschaft, wonach der riesige Thwaites-Gletscher in der Westantarktis zu zerbrechen droht – mit dramatischen Folgen für den Meeresspiegel und damit Milliarden Menschen.

Die offene „Soziodizee“-Frage

Solche Meldungen evozieren Angst, Lähmung, ja mitunter Panik – und sie provozieren zugleich eine bislang ungelöste Frage, die sowohl den Umgang mit der Klimaerhitzung wie auch jenen mit der uns seit zwei Jahren begleitenden und sich abermals zuspitzenden Pandemie betrifft: Warum will unserer Gesellschaft nicht und nicht gelingen, trotz offenkundiger Bedrohung gemeinsam an einem Strang zu ziehen? Oder anders gefragt: Warum lassen wir so viel Leid zu, obwohl wir viel oder auch alles Wissen parat hätten, um Krisen zu lösen? Soziodizee nennt der renommierte Münchner Soziologe Armin Nassehi in seinem neuen Buch „Unbehagen“ diese Frage – angelehnt an die ewig ungelöste Theodizee. Auch er hat keine simplen Antworten parat, aber ein paar Erklärungsmuster gleichwohl: Mit der (auch medialen) Ausdifferenzierung der Gesellschaft, so Nassehi im Interview mit dem Schweizer Magazin Republik, sei auch die Koordinationsfähigkeit zwischen den einzelnen Sphären verlorengegangen. Umso wichtiger seien heute (politisch-wissenschaftliche) Übersetzungsleistungen. Nur durch sie komme es zu politischer „Plausibilität“ – und in weiterer Folge zur für Problemlösung unverzichtbaren „Gefolgschaft“.

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