Leitartikel

Mord an Paty: Dialog ohne Alternative

1945 1960 1980 2000 2020

Der dschihadistische Mord am französischen Lehrer Samuel Paty hat einmal mehr eine Spirale von Reaktionen in Bewegung gesetzt, die die Fronten zwischen Islam und Westen neu verhärten.

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Der dschihadistische Mord am französischen Lehrer Samuel Paty hat einmal mehr eine Spirale von Reaktionen in Bewegung gesetzt, die die Fronten zwischen Islam und Westen neu verhärten.

Die Erschütterung über den brutalen Mord am französischen Lehrer Samuel Paty durch einen dschihadistischen Attentäter sitzt noch in den Knochen. Die Umstände, die zu diesem Mord geführt haben, sind längst bekannt und eine Wiederholung ähnlicher Schrecklichkeiten der letzten Jahre: Wieder geht es um Bilder, die – so die Radikal-Religiösen – nicht gezeigt werden dürfen, die aber – davon kann ein Verfechter freier europäischer Diskussionskultur nicht abgehen – in einer offenen Gesellschaft diskutiert werden müssen – auch wenn es nicht alle goutieren.

Dazu kommt, dass es einmal mehr um Gefühle denn um Fakten geht: Was der Lehrer tatsächlich im Unterricht getan hat, war dem Attentäter nicht bekannt, die ursprüngliche Anschuldigung stammt von einer gar nicht im Unterricht Anwesenden, die via soziale Medien verbreitet hatte, es wären Nacktfotos des Propheten gezeigt worden. Aber wo es um dumpfe Emotion geht, übernimmt das Gerücht die Macht – und für Wahrheit und Recht bleibt kein Platz mehr.

Die Erschütterung über den brutalen Mord am französischen Lehrer Samuel Paty durch einen dschihadistischen Attentäter sitzt noch in den Knochen. Die Umstände, die zu diesem Mord geführt haben, sind längst bekannt und eine Wiederholung ähnlicher Schrecklichkeiten der letzten Jahre: Wieder geht es um Bilder, die – so die Radikal-Religiösen – nicht gezeigt werden dürfen, die aber – davon kann ein Verfechter freier europäischer Diskussionskultur nicht abgehen – in einer offenen Gesellschaft diskutiert werden müssen – auch wenn es nicht alle goutieren.

Dazu kommt, dass es einmal mehr um Gefühle denn um Fakten geht: Was der Lehrer tatsächlich im Unterricht getan hat, war dem Attentäter nicht bekannt, die ursprüngliche Anschuldigung stammt von einer gar nicht im Unterricht Anwesenden, die via soziale Medien verbreitet hatte, es wären Nacktfotos des Propheten gezeigt worden. Aber wo es um dumpfe Emotion geht, übernimmt das Gerücht die Macht – und für Wahrheit und Recht bleibt kein Platz mehr.

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All das war Ausgangspunkt für eine Spirale der Gewalt, nicht nur verbaler, die sich von Frankreich und Europa über die Türkei in die arabische Welt ausgebreitet hat. Einmal mehr erweist sich dabei, dass auch die hohe Politik mehr mit einer Wirtshausrauferei zu tun hat, als man wahrhaben will: Wenn der französische Präsident seinem türkischen Amtskollegen den Psychiater anempfiehlt und jener sich sowieso als Retter aller Muslime geriert, so wird der kulturelle und auch (aber nicht nur) religiöse Konflikt in den Banlieues auf die Ebene der Weltpolitik gehoben.

Islam ist in der Krise. Christentum auch

Das alles mag kultur- und sozialpsychologisch zu deuten sein – die sozialen Spannungen in den französischen Vorstädten, die Konflikte in den muslimischen Ländern sowie zwischen der muslimischen und der westlichen Welt etc. Aber das Ergebnis sind Gewalt, Mord und Totschlag in der kleinen Welt wie die Zunahme an Spannungen und Konflikten in der großen: Das neo-osmanische Gebärden Recep Tayyip Erdoğans, der sich in Syrien, Bergkarabach, Libyen sowie im östlichen Mittelmeer „engagiert“, spricht da für sich – und gerade Frankreich hält (auch in Europas Namen) dagegen. Man kann Emmanuel Macron für manche Wortwahl kritisieren, aber seine Diagnose, dass sich der Islam in der Krise befindet, mag die Kreise der betroffenen Politiker stören. In der Sache wird das in Europa wie auch unter den gesprächsfähigen Muslimen längst diskutiert.

Wo es um dumpfe Emotion geht, übernimmt das Gerücht die Macht, für Wahrheit und Recht bleibt kein Platz mehr.

Otto Friedrich

In dieser Debatte wird allerdings oft übersehen, dass sich das europäische Christentum gleichfalls in einer Krise befindet und dass die europäische Politik sich von Religion generell abgekoppelt hat. Das hat gute Gründe, wird aber zum Problem, wo religiöse Bedürfnisse wie etwa jene des Islam auf die Erfordernisse des säkularen Staates prallen. Wenn eine säkulare Gesellschaft aber religiös völlig unmusikalisch wird, dann sinkt auch das Verständnis für religiöse Anliegen – und es wird zunehmend schwieriger, um die Kompatibilität von Religion und Rechtsstaat zu ringen. Im Fall des Islam ist dieses Ringen längst nicht fruchtbringend zu Ende gebracht worden. Im Gegenteil.

Trotzdem führt ein Kulturkampf des Westens gegen „den Islam“ nicht weiter. Es braucht den Dialog – so schwierig er sein mag, gerade in den Rückschlägen durch Gewalt. Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika „Fratelli tutti“, ein Plädoyer für globale Geschwisterlichkeit, gerade den Dialog mit dem Islam propagiert. Er wird von Realpolitikern im Westen sowie von seinen konservativen Kritikern als Verräter, im besten Fall als unverbesserlicher Träumer abgetan. Und wer sich dem anschließt, kann sich auf den Leserbriefseiten oder in den FacebookBlasen auf verbale Prügel dafür gefasst machen. Aber was wäre die Alternative dazu, wieder und wieder das Gespräch zu suchen?

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