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USA im Ausnahmezustand

DISKURS

Soziale Umsturz-Medien

1945 1960 1980 2000 2020

Die wirksamsten Helfer Trumps bei seinem Putschversuch waren nicht aus Fleisch und Blut. Es waren Algorithmen, die aus Wut und Angst im Internet baren Gewinn machen.

1945 1960 1980 2000 2020

Die wirksamsten Helfer Trumps bei seinem Putschversuch waren nicht aus Fleisch und Blut. Es waren Algorithmen, die aus Wut und Angst im Internet baren Gewinn machen.

Demokratien wird nachgesagt, sie seien schwerfällig, weich und nachgiebig, leichte Opfer von Umstürzlern. Wie man sieht, können sie aber auch ganz anders. Erschreckt durch die Erstürmung des Kapitols durch Trumps Anhänger, leisten große Teile der US-Gesellschaft nun sehr entschiedenen Widerstand. Die Demokraten streben die Amtsenthebung Trumps an, reiche Konzerne drehen radikalen Republikanern den Geldhahn zu, Medienhäuser sperren hetzerische Talkmaster. Und nicht zuletzt vollführen Facebook, Twitter, Google und andere etablierte Plattformen wahre Sperr-Orgien gegen demokratiefeindliche Accounts. Twitter alleine sperrte 70.000 solcher Konten in den letzten Tagen.

Demokratien wird nachgesagt, sie seien schwerfällig, weich und nachgiebig, leichte Opfer von Umstürzlern. Wie man sieht, können sie aber auch ganz anders. Erschreckt durch die Erstürmung des Kapitols durch Trumps Anhänger, leisten große Teile der US-Gesellschaft nun sehr entschiedenen Widerstand. Die Demokraten streben die Amtsenthebung Trumps an, reiche Konzerne drehen radikalen Republikanern den Geldhahn zu, Medienhäuser sperren hetzerische Talkmaster. Und nicht zuletzt vollführen Facebook, Twitter, Google und andere etablierte Plattformen wahre Sperr-Orgien gegen demokratiefeindliche Accounts. Twitter alleine sperrte 70.000 solcher Konten in den letzten Tagen.

Es wird Zeit, den Hass im Netz zu beenden – auch wenn man dafür Facebook und Co zerschlagen muss.

Am Rande dieser Aktivitäten sickerte eine aufschlussreiche Zahl durch: Twitter gab bekannt, sein Marktwert habe durch den Verlust an Reichweite nach den Streichungen fünf Milliarden Dollar verloren. Diese Zahl ist beeindruckend: Einerseits zeigt sie, dass auch bei Twitter die Erkenntnis dämmert, dass die Lage ernst ist. Andererseits lässt sich bis auf den Cent ablesen, wie viel Gewinn Hass und Fake News bringen. Unter den vielen Alarmsignalen der letzten Tage ist dieses vielleicht das bedeutendste, auch weil es über die USA hinaus Gültigkeit hat: Wir wissen nun, dass es zu einem Staatsstreich wenig mehr braucht als publikumsreiche Internet-Plattformen, eine abstruse Erzählung über einen Kampf zwischen Gut und Böse und einen Teil der politischen Klasse, der den Wahn unterstützt.

Reich durch Unwahrheit

Es gibt Ökonomen, die behaupten, Markt und Moral würden einander ausschließen. Das ist falsch. Die sozialen Netzwerke sind ein Beispiel dafür, wie sehr eine ganz besondere Form der Moral einen boomenden Markt nach den Regeln eines perversen, äußerst erfolgreichen Kapitalismus schafft. Das Böse wird darin gehätschelt und gefüttert. Die regelnden Algorithmen sind die besten Freunde der Lüge, der Ehrabschneidung, des Rassismus. Die Reichweiten reichen tief in die tiefsten Ressentiments der User. Das Impulsive bringt Milliarden.

Es ist auch kein Wunder, dass die Foren der Q-Anon-Jünger oft mit Pornoangeboten werben. Sie sind artgleiche Niedrigtrieb-Gewächse. Nun reden wir uns seit Jahren ein, dass man Hass im Netz durch Fakten bekämpfen könne. „Facts matter“, steht auf einem schönen Werbebanner von CNN. Es ist eine moralische Geste und sie verlangt viel Zustimmung. Wir sollten uns aber fragen, ob sie wirkt. Es ist bis dato noch kein Trump-Befürworter aufgetaucht, den Fakten überzeugt hätten, sich die Geschichte mit den pädophilen Menschenfressern doch noch einmal zu überlegen. Das hat auch damit zu tun, dass die sozialen Medien ihm die Faktenliebe von CNN gar nicht zuspielen, da er nur jenes Informations-Futter erhält, das ihm gefällt.

Ist das die „Freiheit im Netz“, die verteidigt werden muss? Oder ist es nicht vielmehr ein System von Milliarden nach persönlichen Daten und Profilen gebauten Mauern, das eingerissen werden sollte? Das Internet, so stand es quasi im Prospekt, sollte eine friedvolle, fortschrittliche globale Gemeinschaft bauen. Nun zersetzt es die Basis des Zusammenlebens und der staatlichen Gemeinschaft: die Wahrheit und das gegenseitige Vertrauen. Es wird Zeit, das Internet, das uns versprochen wurde, zurückzuerobern – und sei es um den Preis der Zerschlagung von Google, Facebook und Twitter. Wir sollten weniger Fakten „checken“, als vielmehr Fakten schaffen.

Wie dringend die Angelegenheit ist? Nun, in einer Dokumentation über die Sozialmedialen-Giganten wurde 2020 ein Ex-Entwickler ihrer Software nach seiner Meinung über die Folgen der Gewinnstrategien befragt. Er sagte trocken und bestimmt: „Bürgerkrieg“. Damals schien der Sturm auf das Kapitol unmöglich. Man lächelte und drehte ab.

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